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Vereitelte Anschläge in USA: Sprengstoff per Luftpost

Eines der im Jemen aufgegebenen Bombenpakete für die USA ist in Köln/Bonn umgeladen worden. Nun lässt die Bundesregierung keine Fracht aus dem Wüstenstaat mehr nach Deutschland. Das bitterarme Land rückt immer stärker ins Visier der Terrorfahnder.

Nach den vereitelten Bombenanschlägen mit Luftpostpaketen aus dem Jemen haben die US-Ermittler einen ersten Hauptverdächtigen im Visier.
Soldaten bewachen eine UPS-Filiale in Sana (31.10.2010).
Foto: dpa

Der Fund von Sprengsätzen in Luftfrachtpaketen hat die Sicherheitsbehörden in aller Welt in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Das Bundesverkehrsministerium wies am Sonntag alle Luftfahrtgesellschaften an, vorerst keine Luftfracht aus Jemen mehr zu befördern. Die Paketdienstleister FedEx, UPS und DHL sind beauftragt, hier lagernde Sendungen aus Jemen zu kontrollieren.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) gestand am Sonntag ein, dass Frachtsendungen bislang relativ schwach kontrolliert worden seien. Frachtsendungen, die im Ausland abgeschickt wurden und dort Sicherheitskontrollen durchlaufen hatten, wurden in Deutschland nicht nochmals überprüft, wenn es sich um Transitgut handelte. Nun soll die „Kontrolldichte“ aber deutlich erhöht werden. Ähnliche Vorkehrungen trafen auch britische und US-Behörden in Reaktion auf die vereitelten Anschläge.

Hintergrund

Der Sprengstoff PETN

Die in London und Dubai sichergestellten Paketbomben enthielten offenbar den Industriesprengstoff PETN. Dieses weißpulvrige Pentrit oder Nitropenta kann sehr schwere Detonationen erzeugen − ausgelöst durch einen Zünder oder große Hitze. Bereits bei dem vereitelten Anschlag auf ein US-Passagierflugzeug auf dem Flug von Amsterdam nach Detroit 2009 war PETN verwendet worden. Ein 23-jähriger Nigerianer hatte den Sprengstoff in seiner Unterwäsche an Bord geschmuggelt. Der Sprengsatz funktionierte aber nicht richtig. Auch bei einem Anschlagsversuch auf den saudischen Geheimdienstchef Prinz Mohammed bin Nayef 2009 wurde PETN eingesetzt. Auch beim „Schuh-Bomber“, der 2001 auf einem Flug von Paris nach Miami in seinen Schuhen versteckten Sprengstoff zünden wollte, wurde PETN gefunden. afp/ost

Luftfracht-Sicherheit

Für Luftfracht-Sicherheit sind in Deutschland die Fluggesellschaften zuständig − egal ob es sich um Frachtmaschinen handelt oder die Güter im Frachtraum von Passagierjets mitfliegen. Die Aufsicht führt das Luftfahrt-Bundesamt. Transportunternehmen mit einer bestimmten Lizenz ist es offenbar gestattet, Fracht von ihrer Niederlassung ohne zusätzliche Kontrollen zum Flugzeug zu liefern. Wird die Ladung direkt angeliefert, sind die Airlines für die Kontrollen zuständig. Manche verlassen sich dabei auf Sicherheitsfirmen. 2009 wurden 1,7 Millionen Tonnen Fracht in Deutschland in die Flieger eingeladen, mehr als 1,6 Millionen Tonnen ausgeladen. Zur Luftfracht zählen teure Güter wie Elektronik und eilig benötigte Ersatzteile. Besonders viel Luftfracht-Verkehr hat Deutschland mit China, den USA und den Arabischen Emiraten. dpa

De Maizière verwies darauf, dass Deutschland nicht Ziel der geplanten Attentate gewesen sei und es deshalb auch keine erhöhte Bedrohung gebe. Man werde aber sehr wachsam bleiben.

Am Freitag hatten britische Sicherheitsbehörden ein verdächtiges Frachtpaket auf dem Flughafen nahe Nottingham sichergestellt. Es enthielt einen Laserdrucker, dessen Tonerkartusche mit Plastiksprengstoff versehen worden war. Das Paket war in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa aufgegeben worden und an eine Synagoge im Großraum Chicago adressiert gewesen.

Nach Informationen der Frankfurter Rundschau hatte der saudische Geheimdienst am Donnerstagabend unter anderem das Bundeskriminalamt (BKA) von dem Terrorverdacht in Kenntnis gesetzt und die Paketnummer der verdächtigen Sendung genannt. Die Fracht war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits auf dem Flughafen Köln-Bonn umgeladen worden in eine UPS-Maschine, die über Nottingham nach Chicago fliegen sollte. Daraufhin alarmierte das BKA die britischen Sicherheitsbehörden.

Ein zweites Sprengstoffpaket wurde auf dem Flughafen von Dubai entdeckt. Es war ebenfalls in Sanaa aufgegeben worden und sollte über Doha und Dubai nach Chicago verfrachtet werden. Teils wurde es offenbar von Passagiermaschinen befördert. In Sanaa wurden zwei Dutzend weitere verdächtige Pakete entdeckt. Die jemenitischen Sicherheitsbehörden nahmen eine Frau fest.

Die US-Sicherheitsbehörden machten einen Ableger des Terrornetzes Al-Kaida, die Organisation Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Akah), verantwortlich. Als Bombenbauer gilt der Saudi Ibrahim Hassan al-Asiri, der bereits den Sprengsatz für das gescheiterten Selbstmordattentat am 25. Dezember 2009 in Detroit gebaut haben soll.

Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), wertete die jüngsten Versuche als Beleg, „dass Deutschland nach wie vor im Visier von Terroristen steht“. Die Behörden müssten nun genau ihr Sicherheitskonzept überprüfen und gegebenenfalls anpassen, sagte er der Rundschau. „Der Jemen hat sich längst wie das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet zu einem Rückzugsort für Terroristen entwickelt“, sagte Bosbach, „deshalb dürfen wir im Kampf gegen Terrorismus nicht nachlassen.“ Wenige Tage vor den Kongress-Zwischenwahlen am Dienstag sprach US-Präsident Barack Obama in einer TV-Rede von einer „terroristischen Bedrohung“, die die Behörden sehr ernst nähmen.

Beide Sprengsätze waren zündfähig, sagen Experten – per Zeitzünder und Mobilfunk

Ersten Untersuchungen enthielten beide Sprengsätze den Stoff PETN und waren zündfähig, wie Experten sagten. In einem Paket soll sich ein Zeitzünder befunden haben, der zweite Sprengsatz hätte mittels Mobilfunk gezündet werden können.

Alle Frachtstücke aus dem Jemen werden inzwischen auf dem Frankfurter Flughafen aussortiert und einer „100-prozentigen Luftsicherheitskontrolle“ unterzogen, teilte ein Flughafenmitarbeiter am Sonntag mit. Dies habe die Bundespolizei angeordnet. „Das gilt aber nur für Fracht, auf dem Passagierflughafen, merkt man davon nichts.“ Zweimal pro Woche lande eine Frachtmaschine der Jemenia Air in Frankfurt, eine Lufthansa-Verbindung nach Jemen bestehe zurzeit nicht. Eine weitere Verschärfung der Sicherheitskontrollen an Deutschlands größtem Passagierflughafen sei nicht geplant. Die Vorkehrungen seien „seit dem 11. September unverändert auf extrem hohem Niveau“, sagte Flughafensprecher Jürgen Harrer der Rundschau.

Autor:  S. Hebestreit und A. Strecker
Datum:  31 | 10 | 2010
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