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Sri Lanka: Hunderttausende Tamilen interniert

Sri Lankas Regierung will die Eingesperrten angeblich vor Minen schützen. Die Staatengemeinschaft schaut weg. Von Pierre Simonitsch

Die Regierung Sri Lankas hat ein riesiges Internierungslager errichtet, in dem eine Viertelmillion Tamilen zusammengepfercht sind - und die Welt schaut weg. Vertreter internationaler Hilfswerke dürfen nur selten in das umzäunte und von Militär bewachte Lager. Journalisten überhaupt nicht. Die Manik Farm in der Nähe der Stadt Mannar im Nordwesten ist vorläufige Endstation für jene Menschen, die im vergangenen Frühjahr vor dem Endkampf zwischen den Regierungstruppen und den "Befreiungstigern" der tamilischen Sezessionsbewegung LTTE flüchteten. Niemand darf heraus und niemand herein. Aufrufe an die Sieger des 26 Jahre andauernden Bürgerkriegs, die Verlierer human zu behandeln, fruchteten wenig.

Die Manik Farm wird von den Behörden ein "Wohlfahrtsdorf" genannt. Es gebe dort Schulen und Krankenhäuser. Doch laut einem Bericht der Lagerleitung vom 3. Juli, der an die Presse durchsickerte, haben unter den Insassen Typhus, Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten dramatisch zugenommen. Mehr als 35 Prozent der Kinder unter fünf Jahren sind schwer unterernährt. In den Zelten für vier Personen hausen bis zu 15 Menschen.

Die Befreiungstiger

Die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), zu Deutsch: Befreiungstiger von Tamil Eelam, gibt es seit 1976. Velluppillai Prabakharan hatte die Befreiungstiger aus einer tamilischen Jugendorganisation heraus gegründet.

Um einen eigenen Staat für die unterdrückte tamilische Minderheit im Norden und Osten Sri Lankas zu erzwingen, griffen die Tiger 1983 zu den Waffen. Unter Prabakharan entwickelten sie sich zu einer gefürchteten Guerilla-Truppe - mit Marine und Luftwaffe. Ihm sollen zwischenzeitlich 15000 Kämpfer unterstanden haben, die Teile des Landes unter ihre Kontrolle brachten. Knapp 80000 Menschen kamen um.

Die Europäische Union erklärte die LTTE 2006 zur Terrororganisation: Prabakharan ließ seine politischen Gegner ermorden und setzte Selbstmordattentäter als Waffe ein.

Präsident Mahinda Rajapaksa versprach, bis Jahresende 80 Prozent der Lagerbewohner "umzusiedeln". Diese Woche gab er bekannt, dass alle Insassen über 60 freigelassen worden seien. Beobachter schenken diesen Worten wenig Glauben. Augenzeugen berichten vom Bau von Nebenlagern.

Die Regierung rechtfertigt die Internierung von rund 250000 Tamilen damit, dass die Rebellen aus der Zivilbevölkerung herausgefiltert werden müssten. Staatschef Rajapaksa fand auch einen humanitären Grund: "Jeder Quadratzentimeter der tamilischen Wohngebiete wurde von der LTTE vermint", erklärte er gegenüber der indischen Zeitung The Hindi, "wenn etwas passiert, bin ich verantwortlich." Nach Angaben von Experten sind aber lediglich zwei bis drei Prozent der Wohngebiete vermint worden.

Mitte August wollen die Hilfswerke der UN überprüfen, ob sie weiter in Sri Lanka arbeiten können. Das neutrale Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) wurde von der srilankischen Regierung am 9. Juli aufgefordert, seine 20-jährige Tätigkeit auf der Insel zu beenden. "Der Krieg ist vorbei", stellte der zuständige Minister fest. Das IKRK zählt derzeit in Sri Lanka 70 Delegierte und 576 einheimische Mitarbeiter. IKRK-Sprecher Simon Schorno erklärte der FR in Genf, das IKRK verhandle mit der Regierung Sri Lankas über eine stufenweise Verringerung seiner Tätigkeiten. Er bestätigte, dass den IKRK-Delegierten nur "hin und wieder" der Zugang zur Manik Farm gewährt wird und "starke humanitäre Befürchtungen weiter bestehen".

Die Lager kosten etwa 400000 Dollar pro Tag. Es bezahlt aber nicht Sri Lanka, sondern die internationale Gemeinschaft. Ein Spendenaufruf der UN erbrachte 96 Millionen Dollar für 2009. Anlass zum Feiern hatte die Regierung in Colombo am Montag: Da gewährte ihr der Internationale Währungsfonds ein Darlehen von 2,5 Milliarden Dollar.

Autor:  Pierre Simonitsch
Datum:  22 | 7 | 2009
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