Green Point heißt der Ort, da also sollen, da werden die Massen ins Netz gehen. Zu diesem Zweck wurden die Maschen, gleich hinter der Wasserfront des Atlantiks, straff gespannt. Für dieses Green Point, den Stadtteil, den Spielort, war ein gewaltiger Satz notwendig, von Frankfurt über Amsterdam nach Kapstadt.
In Frankfurt abhebend, durfte ich mir zu meinen Füßen der Schüssel der Commerzbank-Arena sicher sein, beim Zwischenstopp in Amsterdam habe ich vergeblich nach der Butterdose der Amsterdam-Arena Ausschau gehalten - selbst die Vogelperspektive ist gelegentlich beschränkter Natur. In Green Point aber, aus der Grashalmperspektive aufschauend, bin ich dem Stadion unter die Außenhaut gekrochen. Oder gar unters Negligee? Auf jeden Fall geht es darum, dass die Massen das wiederholen. Auf dass sie einer Attraktion aus Glasfasergewebe ins Netz gehen.
Netz, Außenhaut, Negligé.
Wie alles, was auf der Welt einen Reiz hat, und das Green Point Stadion ist unter den aufregenden gewiss eine besonders verlockende Architekturerscheinung, verführt es zu Wortschöpfungen, die in Bildern sprechen. Netz, Außenhaut, Negligé. Die Hülle, die Volkwin Marg gemeinsam mit seinem Partner Hubert Nienhoff erdacht hat, ist eine Membran, lichtdurchlässig, hellgrau. Und eine jede der Glasfaser- Paneele, die das dreigeschossige Bauwerk verkleiden, ist größer als ein gewaltiges Segelschiffsegel.
Außenhaut, Membran, Segel.
Drei WM-Stadien hat das Hamburger Architekturbüro Gerkan Marg und Partner (gmp) für die Fußball-WM in Südafrika gebaut. Dreimal, so formuliert es Marg so selbstsicher wie salopp, habe man ins Schwarze getroffen. In einem Dreikampf aus Entwerfen, Planen und Bauen, so Marg in einem Baucontainer, der zum Stadionneubau gehört wie die Bauhütte zur Kathedrale, habe das Team zusammengefunden.
Marg, alles andere als architektenaffin gekleidet (mit hellem Panamahut, Hosenträgern an der leger-hellen Hose und unter der leger-hellen Jacke, über die sich immer wieder segeltuchartig ein heller Regenmantel bauscht), redet über Herausforderungen mit hanseatischem Understatement. Was er sagt, sagt er entspannt, wie er es tut, macht er es uneitel. Angesprochen auf eine unmittelbar auffallende Eigenschaft Margs, würde ein Fußballer (notabene ein Profi) sagen: Er hat die Ruhe, ist ein großer Techniker, deswegen ist er stets anspielbar.
Ein schreibender Architekt
Der 73-Jährige hat bis heute 36 Stadien entworfen, gemeinsam mit Nienhoff hat er von China bis Köln-Müngersdorf Arenen gebaut, das Frankfurter Waldstadion hat er ebenso für die WM 2006 fit gemacht wie das Berliner Olympiastadion. Er plant für die Europameisterschaft 2012 in Kiew und Warschau, für die WM 2014 hat er Wettbewerbe in Brasilien gewonnen. Und wenn er von den zehn WM-Stadien in Südafrika allein drei erdacht oder weiter entwickelt hat, dann geht es Marg, der nicht zuletzt ein schreibender Architekt ist, um die Überwindung eines "Schismas".
Das Green Point Stadion ist tatsächlich zum Ort geworden, an dem die Trennung von Architektur und Ingenieurswesen überwunden wurde, wie ja in manchem Stadion auch sonst, hier aber auf besonders gelungene Weise. Dafür sind auch die Stuttgarter Schlaich Bergermann und Partner verantwortlich, weltweit bekannt als wahre Champions der Tragwerkskunst. Was dem Laien im perlmuttfarben bestuhlten Rund wie Zauberei erscheinen mag, ist in der Tat Hexenkesselkunst.
Was als Dach auskragt, was als geometrische Form großartig aus- und zurückschwingt, was als Stützenwald zusammenwächst, weil es statisch zusammengehört, um eine gewaltige Dachkonstruktion zu tragen, ist eine aus dem Wechselspiel der Kräfte abgeleitete Form. Denn das ist Marg wichtig: dass sich die Schönheit der Geometrie aus der Konstruktion ableite. Arena-Architektur als "deduzierte Form" (Marg), den Kraftströmen folgend, diese zeigend: das geschieht in Kapstadt ebenso sinnfällig wie in Port Elizabeth oder Durban. Statisch gesehen ist die zum Zerreißen gespannte Zusammenkunft ein physikalisches Nullsummenspiel. Ästhetisch ist das, was unter Hochdruck und Zugzwang steht, so etwas wie ein grandioses Stillleben der Tragwerkskunst.
Doch kein Spielfeld ohne das berühmte Umfeld. Also sind wir mit Lyanda Mpachlwa verabredet, der in Deutschland studiert hat, strahlend vom "Sommermärchen 2006" erzählt und als schwarzer Architekt zum südafrikanischen World-Cup-Organisationskomitee zählt. Wenn er sich zusammenkauert, wird er zum lebhaften Athleten, so dass man gerne glaubt, wie er der Fifa hat klarmachen können, Kapstadts WM-Arena auf keinen Fall in einer Township bauen zu lassen.
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