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Friedensnobelpreis: Starke Stimme für eine bessere Welt

In Norwegen glaubt man an die „Macht der starken Stimme“. So ist das Friedensnobelpreiskomitee auch davon überzeugt, dass der Preis Liu Xiaobo helfen kann. Zuletzt hatte Hitler sich so stark eingemischt wie jetzt China.

Geir Lundestad, der Direktor des Nobelinstituts, lässt sich von den Chinesen nicht einschüchtern.
Geir Lundestad, der Direktor des Nobelinstituts, lässt sich von den Chinesen nicht einschüchtern.
Foto: dpa

Es werde eine „beeindruckende Feier“ werden, so oder so, versichert Geir Lundestad, der Direktor des Nobelinstituts: am 10. Dezember wird im Rathaus von Oslo der Friedenspreis verliehen, und natürlich hoffen die Verantwortlichen, dass Liu Xiaobo zugegen sein wird. Doch sie wissen auch, dass dies nicht gerade wahrscheinlich ist. Nicht mal den Gratulationsanruf des Komiteevorsitzenden Thorbjörn Jagland konnte Liu entgegennehmen. „Wir haben die chinesischen Behörden gebeten, ihm die Ehrung mitzuteilen“, sagt Jagland. Ob sie dies tun, kann er nicht wissen. Chinas Botschafter in Oslo war jedenfalls „verreist“, als das Komitee versuchte, ihn zu erreichen.

Doch auch eine Nobelfeier ohne Hauptperson kann ein starkes Signal senden. So war es, als Birmas Freiheitskämpferin Aung San Suu Kyi 1991 geehrt wurde und ihr Mann den Preis seiner inhaftierten Frau entgegennahm. So war es, als Jelena Bonner 1975 statt ihres Gatten Andrej Sacharow, des sowjetischen Dissidenten, nach Oslo kam.

So war es auch 1983, als Gewerkschaftschef Lech Walesa seine Frau Danute schickte, weil er fürchtete, zwar ein Ausreisevisum zu bekommen, dann aber nicht mehr zurück nach Polen zu können. Diesmal wird wohl auch Lius Familie nicht kommen können, so dass einer aus Chinas Exilgemeinde an die Stelle des Laureaten treten muss. Bis eines Tages Liu Xiaobo doch noch nach Oslo kommt, wie dies, Jahre später, auch Walesa und Sacharow taten.

Das Nobelkomitee will mit der Ehrung Oppositionellen eine moralische Stütze bieten

Denn in Norwegen glaubt man an die „Macht der starken Stimme“. Der Preis beeinflusse die Entwicklung, früher oder später, sagt Jagland und nennt die moralische Stütze, die das Nobelkomitee durch die Preise für Albert Lunula und Desmond Tutu für den Anti-Apartheids-Kampf oder durch die Ehrung Sacharows für die sowjetischen Dissidenten bedeutete. Auch dem Selbstständigkeitskampf Osttimors gab die Auszeichnung für Bischof Belo und den heutigen Präsidenten Ramos-Horta Rückendeckung. Ob sich auch die Supermacht China von einem Komitee in Nordeuropa beeinflussen lässt? Wegen der wachsenden wirtschaftlichen und politischen Macht müsse sich Peking der Kritik stellen, meint Jagland.

„Wir stehen jedes Jahr unter Druck“, sagt der Komiteevorsitzende, doch die direkten Drohungen Chinas seien „nicht normal“ gewesen. So warnte etwa Vizeaußenministerin Fu Ying vor einer Verschlechterung der chinesisch-norwegischen Beziehungen. Auch als der Dalai Lama ausgezeichnet wurde, grummelte Peking, und immer wieder fühlten sich Großmächte und Diktaturen vom Nobelkomitee provoziert.

Doch so krass wie diesmal hat niemand mehr Druck ausgeübt, seit Adolf Hitler 1935 den Nobelpreis für Carl von Ossietzky verhinderte. Ein Jahr später erhielt der Pazifist den Nobelpreis dennoch. In der Zwischenzeit hatte der damalige norwegische Außenminister Halvdan Koht das Nobelkomitee verlassen, um dessen Unabhängigkeit zu sichern. Seither dürfen keine aktiven Politiker mehr im Komitee sitzen.

„Wir sind völlig unabhängig von Regierung und Parlament“, unterstreicht Jagland, wenn die Rede auf mögliche Störungen im chinesisch-norwegischen Verhältnis kommt. „Daran zu denken, ist nicht unser Mandat. Wir sehen nur auf den Willen des Preisstifters Alfred Nobel“. Für dessen Wunsch nach „Verbrüderung“ seien die Menschenrechte eine Voraussetzung. Auch die Frage, ob Lius Lage durch den Preis gar verschlimmert werden könne, stelle sich nicht, meint der Vorsitzende.

„Wenn wir beginnen, aus wirtschaftlichen Interessen oder weil wir vielleicht jemandem schaden könnten, nicht mehr von Menschenrechten zu sprechen, dann unterlaufen wir den Standard, den die Weltgemeinschaft gesetzt hat.“ Mit der Einschränkung von Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit breche China internationale Abkommen und die eigene Verfassung. „Wenn andere darüber nicht reden wollen, ist es unsere Verantwortung, dies zu tun“, sagte Jagland mit deutlicher Spitze auf die Staatenführer, die China als Wirtschaftsmacht hofieren und vor der mangelnden Demokratie die Augen schließen.

Autor:  Hannes Gamillscheg
Datum:  8 | 10 | 2010
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