kalaydo.de Anzeigen

Stasi-Akten: Vom SS-Wachmann zum BND-Spion

Die Birthler-Behörde gibt Stasi-Akten über bundesdeutsche Agenten und Polizisten frei. Die Unterlagen bringen deren Aktivitäten in der NS-Zeit ans Licht. Von Andreas Förster

Im Archiv der Birthler-Behörde liegen Akten der DDR-Staatssicherheit.
Im Archiv der Birthler-Behörde liegen Akten der DDR-Staatssicherheit.
Foto: dpa

BERLIN. Zwanzig Jahre nach Öffnung der Stasi-Archive hat die Birthler-Behörde bislang gesperrte Unterlagen des DDR-Staatssicherheitsdienstes (MfS) freigegeben. Sie betreffen die NS-Vergangenheit von früheren westdeutschen Geheimdienstmitarbeiten und Polizeibeamten. Die Stasi-Hauptabteilung IX/11 hatte in den Jahren 1971 bis 1980 Informationen über die Verwicklung westdeutscher Sicherheitsbeamter in Kriegsverbrechen während der Nazizeit gesammelt.

In den Akten finden sich die Namen von insgesamt 18 Geheimdienstleuten und Polizisten. Dabei handelt es sich um Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND), des Verfassungsschutzes, des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) sowie der Landespolizeien von Schleswig-Holstein, Hamburg und West-Berlin. Zu zwölf von ihnen konnte die Hauptabteilung IX/11 belastende Unterlagen aus NS-Archiven zusammentragen, die der MfS-Akte als Kopie beigefügt sind.

BND ohne Konzept

Im Juli 2006 kündigte BND-Präsident Ernst Uhrlau ein Forschungsprojekt mit dem Historiker Gregor Schöllgen zu seiner NS-Vergangenheit an. Zwei Jahre lang stritt der Erlanger Wissenschaftler mit Kanzleramt und BND vergeblich über die personelle und finanzielle Ausstattung des Forschungsprojekts, dann warf er im Februar 2008 entnervt hin.

Dabei gibt es in der BND-Historie viel aufzuklären. Der Dienst und sein im Juni 1946 gegründeter Vorläufer "Organisation" Gehlen hatte Hunderte Mitarbeiter der NS-Geheimdienste übernommen.

Auf Anfrage erklärte der BND, er erarbeite "derzeit" ein Konzept zur systematischen Aufarbeitung seiner Geschichte. Zu Details wollte sich BND-Sprecher Stefan Borchert nicht äußern. Schon 2008 hatte er von einem in Arbeit befindlichen Konzept gesprochen.

Anfang 2010 machte der BND die Ergebnisse einer internen Ermittlungsgruppe aus den 60er Jahren zugänglich. Die "Organisationseinheit 85" überprüfte damals mehr als 140 BND-Mitarbeiter, davon mussten 71 gehen, weil sie NS-belastet waren.

Ein Budget von 500.000 Euro habe das Kanzleramt für 2010 zur Aufarbeitung der BND-Geschichte bereitgestellt, schrieb im März die FAZ. (afö/olk)

Einer von ihnen ist der frühere Mitarbeiter im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), der 1905 geborene Kurt Fischer. Laut der NS-Unterlagen wurde Fischer 1941 zunächst in Sosnowitz im besetzten Polen als Polizeibeamter eingesetzt. 1944 versetzte ihn das für die Konzentrationslager zuständige Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS erst nach Dachau und dann "zur Dienstleistung" ans Amt für Schädlingsbekämpfung in Auschwitz. Dieses Amt war Empfänger des aus Deutschland gelieferten Giftgases Zyklon B, das zum Massenmord an den KZ-Insassen in Auschwitz verwendet wurde.

Der Rottenführer als Agent

Nach dem Krieg tauchte der SS-Sturmbannführer Fischer zunächst unter dem Namen Karschner in der Bundesrepublik unter, bevor er unter seinem richtigen Namen vom Verfassungsschutz übernommen wurde.

Der mutmaßlich beim BND tätige Josef Anetzberger war den NS-Unterlagen zufolge als damals 39-jähriger Rottenführer Angehöriger des SS-Totenkopf-Wachbataillons Sachsenhausen und im dortigen KZ zur Bewachung von Häftlingen eingesetzt.

Über den 1902 geborenen schleswig-holsteinischen Verfassungsschützer Franz Market heißt es, er sei ab 1944 in Bozen als SS-Mann in einem Gefangenenlager eingesetzt gewesen. Wegen "fortgesetzter Wachverfehlungen" habe man ihn im September 1944 jedoch aus der SS ausgeschlossen.

Belastende Unterlagen fand das MfS auch über Erwin Japp, Anfang der siebziger Jahre Inspekteur der Schutzpolizei Süd in Schleswig-Holstein. Demnach war Japp von 1942 an Adjutant des Kommandeurs der Ordnungspolizei in Simferopol. In einer sowjetischen Liste von Personen, die an Nazi-Verbrechen in der UdSSR beteiligt gewesen sein sollen, taucht auch sein Name auf.

Freigegeben wurden nun zwei Bände des insgesamt 27 Ordner umfassenden Forschungsvorgangs FV 5/72 der Stasi. Warum sie gesperrt waren, gibt die Birthler-Behörde nicht an. Sie verweist lediglich auf das Stasi-Unterlagengesetz. Danach können Unterlagen gesperrt werden, wenn sie Mitarbeiter von Nachrichtendiensten des Bundes, der Länder und der Verbündeten betreffen.

An die hundert Namen

Doch auch in den zugänglichen 25 Bänden wird eine Reihe von Angehörigen westdeutscher Sicherheitsbehörden erwähnt, die trotz ihrer Vergangenheit als Nazi-Geheimdienstler Karriere in der Bundesrepublik machten. Namentlich genannt werden auch an die hundert NS-Spione, die später leitende Positionen in Wirtschaft und Politik einnahmen.

Autor:  Andreas Förster
Datum:  12 | 7 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Spezial

Katholische Kirche und Reformpädagogik unter Druck: Immer mehr Fälle sexuellen Missbrauchs werden bekannt.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!