Wer in den vergangenen Jahren die Zeitung aufschlug, kam kaum auf den Gedanken, der sexuelle Missbrauch an Kindern und Jugendlichen könnte merklich zurückgegangen sein. Die öffentlich gemachten Fälle an der Odenwaldschule, dem Canisius-Kolleg und anderen Einrichtungen der katholischen wie der evangelischen Kirche ließen vielmehr den Eindruck entstehen, der Missbrauch an Kindern sei allgegenwärtig. Eine Studie des Kriminologischen Instituts in Niedersachsen verzeichnet nun aber nicht nur einen Rückgang der sexuellen Übergriffe auf Kinder und Jugendliche, sie sieht auch einen Zusammenhang zwischen der öffentlichen Präsenz des Themas und der tatsächlichen Abnahme der Fälle.
„Entgegen allen Erwartungen geht der sexuelle Missbrauch drastisch zurück“, verkündete der Leiter des Kriminologischen Instituts, Christian Pfeiffer, der die Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellt hatte. Pfeiffer, der am Dienstag das Zwischenergebnis der repräsentativen Befragung von 11000 Bundesbürgern im Alter zwischen 16 und 40 Jahren vorstellte, führt diesen Rückgang vor allem auf die gestiegene Bereitschaft der Opfer zurück, die an ihnen begangenen Taten zur Anzeige zu bringen: „Während in den 80er-Jahren im Durchschnitt nur jeder zwölfte Täter damit rechnen musste, dass er zur Verantwortung gezogen wird, trifft es heute jeden dritten.“
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Die gestiegene Bereitschaft der Missbrauchsopfer, die Täter anzuzeigen, sei wiederum eine Folge der öffentlichen Präsenz des Themas, sagte Pfeiffer. „Die Zeit der Scham“ sei vorbei, die Öffentlichkeit sei sensibler für das Thema und die Medien mehrheitlich weniger auf die Täter fixiert. Eine „Kultur des Hinsehens“ habe sich etabliert. So ermittelte die jüngste Studie des Kriminologischen Instituts, dass 6,4 Prozent der weiblichen und 1,3 Prozent der männlichen Befragten in ihrer Kindheit oder Jugend mindestens einmal Opfer eines sexuellen Übergriffs wurden. In einer Vorgängerstudie des Instituts von 1992 gaben dagegen noch 8,6 Prozent der weiblichen und 2,8 Prozent der männlichen Befragten an, missbraucht worden zu sein.
Die Täter sind der Studie zufolge in der Regel Männer aus der eigenen Familie oder ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld. Nur in Ausnahmefällen ist der Täter dem Opfer unbekannt. Auch im Umfeld der katholischen Kirche erkennt Pfeiffer einen signifikanten Rückgang der Fälle sexuellen Missbrauchs. Unter den insgesamt 683 befragten Opfern habe es nur eine Frau gegeben, die von einem katholischen Priester missbraucht worden sei.
Opfervertreter bezweifelten am Dienstag die Ergebnisse der Studie. Viele Opfer hätten ihr Leid verdrängt und könnten deshalb auch bei einer Befragung keine Auskunft darüber geben, erklärte der Vorsitzende des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt, Norbert Denef. Generell sei sexueller Missbrauch nicht statistisch zu erheben. „Die Wissenschaft müsste ihre Hilflosigkeit einräumen, anstatt Millionen für solche Untersuchungen auszugeben“, sagte Denef.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan bezeichnete die Studie als „nur eine Facette“ eines umfangreichen Aufklärungs-, Forschungs- und Präventionsprogramms. „Die Daten werden uns dabei helfen, zu beurteilen, welche Strukturen den sexuellen Missbrauch begünstigen“, sagte Schavan. (mit dapd)
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