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27. November 2010

Stephanie zu Guttenbergs Verein: Undurchsichtige Finanzen, dubiose Methoden

 Von Matthias Thieme und Katja Tichomirowa
Mitte September, Stephanie zu Guttenberg warnt bei der Vorstellung ihres Buches „Schaut nicht weg“: Im Internet lauern Gefahren für Kinder.  Foto: ddp images/dapd

Stephanie zu Guttenberg ist in allen Medien. Wer aber erfahren will, was mit dem Geld der Spender für ihren Verein geschieht, stößt auf eine Mauer des Schweigens. Die fragwürdigen Methoden des Vereins „Innocence in Danger“.

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Eigentlich mag Freifrau Stephanie zu Guttenberg nicht in der Öffentlichkeit stehen. Sagt sie. Sie wolle ihre Möglichkeiten für ein „echtes Anliegen“ nutzen: für den Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch. Wer sollte dagegen etwas einwenden, nach all den schrecklichen Berichten aus Kirchengemeinden und Internaten?

Für Stephanie zu Guttenbergs Engagement gibt es, oberflächlich betrachtet , eine Menge Hinweise: Sie hat einen Ratgeber geschrieben für Eltern. „Schaut nicht weg“, heißt das Buch. Seit es erschien, ist zumindest ein Übersehen der Freifrau kaum mehr möglich, weil sie allerorten ihr Anliegen vertritt.

Wohin fließt das Geld?

Zuletzt etwa beim „Wer wird Millionär“-Gewinnspiel von Günther Jauch und im Abendprogramm von RTL 2, wo sie in der Sendung „Tatort Internet“ Jagd auf Pädophile machte. Wo sie auftaucht, bekommt die Ministergattin Sendezeit, füllt die Hallen und sammelt emsig Spenden. Oft für den Verein mit dramatischem Namen: „Innocence in Danger“. Die Unschuld, Kinder, Gefahr - bei ihren Auftritten bleiben die Geldbeutel selten verschlossen. Als Präsidentin der deutschen Sektion von „Innocence in Danger“ sei sie „in einer optimalen Position, (...) um Spenden eintreiben zu können“, schreibt zu Guttenberg . Doch wohin fließen die vielen Spenden, was wird mit dem Geld gemacht?

Wer Antworten auf die Fragen sucht, stößt auf die andere Seite der Guttenbergschen Glitzerwelt. Dann herrscht bei den Kinderschützern mit Sitz in Köln plötzlich eisernes Schweigen. Intransparenz statt Eloquenz. Anfragen der Frankfurter Rundschau bei „Innocence in Danger“ wurden tagelang nicht beantwortet.

Keine Auskunft gibt der Verein etwa zu Fragen nach der Höhe der Spendeneinnahmen, der Zahl der Mitarbeiter, der Mittelverwendung und den Verwaltungskosten. Bei seriösen Organisationen, die derart um Spenden werben, erwarte man eine Offenlegung der Finanzen, sagt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), welches das Spendensiegel vergibt. „Innocence in Danger“ hat weder das Gütesiegel des DZI, noch einen öffentlichen Finanzbericht.

Am Freitag teilte die Organisation in einer E-Mail lediglich mit, dass es sich bei „Innocence in Danger“ um einen gemeinnützigen Verein handele, „der an das Finanzamt Berlin berichtet und dort seine Zahlen vorlegt“. Weiter heißt es: „Auf dieser Grundlage haben wir im vergangenen Jahr für weitere fünf Jahre die Gemeinnützigkeit bestätigt bekommen.“


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Was der Verein nicht sagt: Die Bestätigung der Gemeinnützigkeit sagt wenig über eine seriöse Mittelverwendung aus – selbst Organisationen, die die Hälfte ihrer Spendeneinnahmen für Verwaltung verbrauchen, können als gemeinnützig gelten. In Deutschland sind die Transparenzrichtlinien des DZI und des Deutschen Spendenrats längst Maßstab. Hunderte Organisationen folgen denen. So soll auch ein Missbrauch von Spendengeld verhindert werden.

Und ausgerechnet der Verein, dem die prominente Frau des Verteidigungsministers vorsteht, will davon offenbar nichts wissen. Warum dieses Gebaren?

Für viele Fernsehzuschauer dürfte der Eindruck entstanden sein, dass eine der kompetentesten Organisationen gegen Kindesmissbrauch in Deutschland „Innocence in Danger“ heißt und dass man dorthin spenden sollte, wenn man die Arbeit von Fachleuten unterstützen will. Dabei gibt es zahlreiche Organisationen, die sich in Deutschland gegen den Missbrauch von Kindern engagieren und Präventionskonzepte erarbeiten. Rund zwei Dutzend gehören auch zum Runden Tisch der Bundesregierung zum Thema Kindesmissbrauch – „Innocence in Danger“ gehört nicht zu diesem Kreis anerkannter Experten.

 Wofür Deutsche spenden.
Wofür Deutsche spenden.
 Foto: FR

„In der praktischen Arbeit ist uns dieser Verein bislang nicht aufgefallen“, sagt etwa Gerd Engels, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (BAJ). Wo man fragt in Expertenkreisen, Guttenbergs Verein ist Fachleuten positiv nicht aufgefallen: „Uns ist kein herausragendes Präventionskonzept von ,Innocence in Danger‘ bekannt“, sagt Insa Schöningh, Bundesgeschäftsführerin der evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen. „Dieser Verein lenkt von den wichtigen Problemen ab“, kritisiert Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbunds. „Ich wüsste nicht, dass die eine einzige Beratungsstelle oder ein Kinderhaus hätten.“ Stattdessen kapriziere sich „Innocence in Danger“ auf Missbrauch im Internet. „Das sind sehr wenige Fälle im Jahr“, sagt Hilgers. In Familien würden hingegen bis zu 120 000 Kinder jährlich Opfer durch Missbrauch.

Experten sind „entsetzt“

Wer weiter sucht, entdeckt bei „Innocence in Danger“ haarsträubende Vorgehensweisen: So tauchte die Geschäftsführerin des Vereins, Julia von Weiler, im Juni dieses Jahres in Begleitung eines Kamerateams auf einer Fachtagung in München auf. Von Weiler sollte dort ein Referat halten, doch sie sprach vor der Kamera auch mit einigen der dort versammelten Experten. Eine Dokumentation über ihre Arbeit sei geplant, habe sie erzählt, berichten Teilnehmer. Tatsächlich sei das Kamerateam – wie die Gefilmten später herausfanden – im Auftrag von RTL 2 und für die Sendung „Tatort Internet“ unterwegs gewesen. Sie seien „unter Vortäuschung falscher Tatsachen um Interviews gebeten“ worden, sagen Esther Klees, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung (DGfPI) und Stefan Port von der Beratungsstelle kibs. Man habe „die Ausstrahlung der Beiträge untersagt“.

Julia von Weiler und Stephanie zu Guttenberg haben sich auf Rundschau-Anfrage auch hierzu nicht geäußert. In den Kreisen seriöser Organisationen gilt die Tätigkeit des Vereins mittlerweile als kontraproduktiv. „Wir sind entsetzt über diese Machenschaften“, sagt ein Mitglied des Runden Tisches der Bundesregierung. „Wer minderjährige Missbrauchs-Opfer im Fernsehen präsentiert, der geht über Leichen.“

Zu Guttenberg schreibt in ihrem Buch, sie wolle nicht nur ihren Namen für den Verein hergeben. Sie sei „verantwortlich dafür, Projekte mit zu entwickeln“ und habe „eine klare Vision davon, wo ich unseren Verein mit hinführen möchte“. Es ist für viele Fachleute eine Schreckensvision, ein Brimborium zum Schaden echter Opferhilfe – finanziert mit Spenden.

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