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12. März 2014

Sterbehilfe: "Das muss man akzeptieren"

 Von Mira Gajevic
Viele Gespräche sind eigentlich Hilferufe, so Arnolds Erfahrung.  Foto: dpa

Der Berliner Urologe Uwe-Christian Arnold ist einer der wenigen Ärzte, die sich öffentlich dazu bekennen, Sterbehilfe zu leisten. Er hat nach eigener Aussage in den vergangenen 20 Jahren etwa 150 Menschen in den Tod begleitet.

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Der Berliner Urologe Uwe-Christian Arnold ist einer der wenigen Ärzte, die sich öffentlich dazu bekennen, Sterbehilfe zu leisten. Er hat nach eigener Aussage in den vergangenen 20 Jahren etwa 150 Menschen in den Tod begleitet.

Herr Arnold, fürchten Sie nicht um Ihre Approbation? Das Standesrecht verbietet doch Sterbehilfe.

 Viele Ärzte leisten Sterbehilfe, sie machen es nur nicht so öffentlich. Das Standesrecht ist mir dabei völlig egal. Ärzte sind den Gesetzen verpflichtet und da steht nicht drin, dass Beihilfe zum Suizid verboten ist. Als die Ärztekammer versuchen wollte, mir das unter Geldstrafe von 50.000 Euro zu verbieten, habe ich vor dem Verwaltungsrecht geklagt und recht bekommen. Das Gericht fand, dass es eine Entscheidung des Arztes und seines Gewissens sei, ob er jemandem beim Sterben hilft oder nicht. Voraussetzung ist, dass es eine vertiefte Patienten-Arzt-Beziehung ist und dass die Person, die ihr Leben beenden will, psychisch stabil und entscheidungsfähig ist.

 Das heißt, Sie kennen die Menschen, denen Sie in den Tod helfen?

Ich lerne sie kennen. Im Idealfall kenne ich sie seit mehreren Jahren. Eine Dame mit Multipler Sklerose betreue ich zum Beispiel seit mehr als 14 Jahren. Ich bin sozusagen in der Reserve, wenn es so weit ist.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob Sie helfen oder nicht?

 Das entscheidet der Patient. Ich überzeuge mich nur davon, dass das, was ihn veranlasst, diesen Weg zu gehen, auch von mir nachvollzogen werden kann. Die meisten Gespräche sind ja Hilferufe. Die Leute sind verzweifelt und sehen im Suizid den einzigen Ausweg. Aber das ist er nicht. Viele wissen gar nicht, dass sie noch Optionen haben. Viele trauen sich auch nicht, ihre Ärzte anzusprechen, weil sie Angst haben, der wirft sie raus oder schickt sie gleich in die Psychiatrie. Da muss man sich Zeit nehmen, intensiv und ruhig mit ihnen reden. Leider mangelt es daran in unserer herzlosen Medizin.

 Haben Sie Sterbewünsche auch schon abgelehnt?

 Ja, sicher. Wenn einer zu mir kommt und mir sagt, bitte geben Sie mir den Medikamentencocktail, dann sage ich nein. Es gibt keinen Grund, sein Leben auf die Schnelle zu beenden.

 Was ist mit psychisch Kranken?

 Sterbehilfe bei psychisch Kranken lehne ich ab. Denken Sie nur an Borderline. Den Menschen muss man sagen, dass sie psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen sollen, auch wenn sie das nicht gerne hören. Diejenigen, die sich in einer akuten Notlage befinden, springen sowieso vom Hochhaus oder werfen sich vor den Zug. Die kommen nicht zu mir. Wenn damals zum Beispiel der Torwart Robert Enke zu mir gekommen wäre, hätte ich natürlich alles getan, damit er am Leben bleibt.

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 Was war denn ihr letzter Fall?

 Das war eine Dame, weit über 80, die eine muskuläre Systemerkrankung hatte und nicht mehr laufen konnte. Sie war von ihrem Mann über die Jahre aufopferungsvoll gepflegt worden. Aber sie wollte nicht mehr und hat nur noch gesagt, ich kann nicht mehr.

Sie war nicht tödlich krank?

Nein, aber sie war auf dem Weg, zu einem schweren Pflegefall zu werden. Sie hatte entschieden, dass das für sie kein Leben mehr war. Ich finde, da haben wir die Pflicht zu helfen. Diese Menschen leiden schrecklich. Natürlich versuche ich sie zu überzeugen, Palliativmedizin anzunehmen. Aber was wollen Sie machen, wenn sie sagt, sie will und kann nicht mehr. Das muss man akzeptieren.

Ihre Aufgabe ist es dann, den Medikamentencocktail zu beschaffen?

 Ja, und sie vielleicht auch zu begleiten, weil viele sich wünschen, dass ein Fachmann dabei ist.

 Aber die Menschen nehmen die tödliche Arznei selbst ein?

 Ja. Das ist ganz klar geregelt. Die Leute müssen wissen, was sie tun und in der Lage sein, es selbst einzunehmen.

 Was verdienen Sie daran?

 Die Leute zahlen mir nur die Unkosten und manche können selbst das nicht zahlen. Ich bin gut gepolstert mit meiner Rente und lege keinen Wert mehr darauf, Geld zu verdienen. Wenn jemand etwas spenden will, dann gebe ich das in meiner Steuererklärung an. Am liebsten ist es mir aber, die Leute spenden das Geld an zwei Kinderhospize, die ich unterstütze.

Interview: Mira Gajevic

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