Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

11. August 2014

Sterbehilfe: "Wir brauchen ein Gesetz"

 Von 
Darf ein Arzt Sterbehilfe leisten?  Foto: epd

Sterbehilfe ist Ärzten bislang nur durch das Standesrecht verboten. Einige Politiker wollen darüber hinaus eine strafrechtliche Regelung, andere wollen eine ausdrückliche Erlaubnis verankern. Palliativmediziner Ralf Jox befürwortet in Extremfällen den ärztlich assistierten Suizid.

Drucken per Mail

Bislang verbietet nur das Standesrecht Ärzten die Hilfe beim Suizid. Einige Unionspolitiker wollen ein solches Verbot nun auch im Strafrecht verankern. Politiker wie SPD-Fraktionsvize Carola Reimann oder Peter Hintze (CDU) plädieren dagegen dafür, Ärzten die Assistenz bei der Selbsttötung eines todkranken Menschen zu erlauben. Auch der Palliativmediziner Ralf Jox ist für die ärztliche Beihilfe zum Suizid – aber nur in Ausnahmefällen.

Herr Jox, sind Sie von einem Patienten schon mal um Sterbehilfe gebeten worden?
Mir ist das während meiner klinischen Tätigkeit vor Jahren einmal passiert. Eine Patientin mit einer neurologischen Erkrankung hatte mich etwas verklausuliert gefragt, ob man ihr Leiden nicht abkürzen könnte. Damals war es noch nicht so üblich, über Sterbehilfe zu reden. Sie kam auf eine der damals noch selteneren Palliativstationen, den Sterbewunsch hatte sie dann nicht mehr geäußert.

Die Bundestagsfraktionen debattieren derzeit über ein neues Sterbehilfegesetz. Sollten Ärzte Patienten bei der Selbsttötung helfen dürfen?
Es gibt sehr wenige Patienten, die aufgrund einer schweren Erkrankung wirklich ernsthaft überlegen, aus dem Leben zu scheiden. Aber es gibt sie. Für diese Patienten kommen andere Möglichkeiten wie zum Beispiel die palliative Sedierung am Lebensende nicht in Betracht. Zum einen wird sie erst in den letzten Stunden und Tagen praktiziert, zum anderen sind die Betroffenen dann nicht mehr bei Bewusstsein, viele wollen das nicht. Und es gibt Menschen, die einen gewissen Leidensweg in den letzten Wochen nicht mehr erleben wollen.

Das heißt, die landläufige Annahme ist falsch, dass es den Wunsch nach Sterbehilfe nicht mehr gäbe, wenn die palliativmedizinische Versorgung in Deutschland besser wäre?
Ja, dem ist nachgewiesenermaßen nicht so. Darauf weist sogar die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin hin. Wir wissen das auch aus internationalen Untersuchungen, dass es selbst in Ländern mit exzellenter Palliativversorgung ärztlich assistierten Suizid gibt und über gesetzliche Regelungen diskutiert wird, etwa in England. Selbst Menschen, die in einem Hospiz bestens versorgt sind, können gelegentlich diesen Wunsch äußern. Das hat mit bestimmten Vorstellungen von Würde und Würdelosigkeit am Lebensende zu tun. Oft sind es sehr selbstbestimmte Menschen, die eine Abhängigkeitssituation nicht mehr länger erleben wollen. Dagegen kann die Palliativmedizin nicht viel ausrichten.

Ralf Jox ist Facharzt für Neurologie und Palliativmediziner an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.  Foto: Privat

Aber sehen Sie nicht die Gefahr, dass sich ältere und kranke Menschen unter Druck gesetzt fühlen könnten, aus dem Leben zu gehen?
Ich verstehe die Sorge. Aber ich glaube nicht, dass eine strenge Regelung für den ärztlichen Suizid das gesellschaftliche Klima verändern würde. Das haben auch Erfahrungen aus anderen Ländern gezeigt. Ich persönlich glaube vielmehr, dass ein Gesetz, das Ärzten unter strengen Bedingungen und im Extremfall Suizidhilfe erlaubt, dazu führen würde, dass die öffentliche Debatte wieder abflaut und der Druck eher nachlässt. Außerdem geht es dabei um sehr wenige schwerkranke Patienten, wir sprechen vom Promillebereich, die den Suizid ernsthaft in Erwägung ziehen.

Sie sehen also durchaus eine große Kluft zwischen den Menschen, die sich in Umfragen für Sterbehilfe aussprechen und denen, die das tatsächlich für sich in Anspruch nehmen würden?
Ja. In Umfragen sprechen sich rund 70 Prozent der Befragten für Sterbehilfe aus. Die Menschen wollen, dass ihnen in einer solchen existenziellen Frage von Leben und Tod der Staat nicht mit dem Strafrecht mögliche Auswege verwehrt. Sie würden den Ausweg vielleicht niemals nehmen wollen, aber sie möchten die Freiheit haben, es im Extremfall zu tun.

Die Forderung des Gesundheitsministers Gröhe und einiger Unionspolitiker, Ärzten den assistierten Suizid zu verbieten, lehnen Sie also ab?
Ich bin überzeugt, wir brauchen ein Gesetz. Das ist dringend nötig, um für Patienten, Ärzte und Angehörige Rechtssicherheit zu schaffen. Wir sollten den Realitäten ins Auge sehen. In Deutschland wird Beihilfe zum Suizid geleistet, aber wir wissen nicht, wie oft dies geschieht. Es ist eine Art Wildwuchs. Es gibt fragwürdige Sterbehilfe-Vereine, den sogenannten Sterbetourismus in die Schweiz und einige Ärzte, die das unter der Hand tun. Ich halte es für problematisch, wenn wir keine transparenten Regeln haben, an denen sich alle Beteiligten orientieren können, und Suizidhilfe von medizinischen Laien geleistet wird, die nicht das erforderliche Wissen haben und keiner Kontrolle unterstehen.

Unter welchen Bedingungen würden Sie den ärztlich begleiteten Suizid erlauben?
Ich plädiere dafür, dass man den Einzelfall regelt, in dem man die Suizidhilfe grundsätzlich unter Strafe stellt, aber Ausnahmen für die ärztliche Suizidhilfe definiert. Entscheidend sind zwei Voraussetzungen: Es muss sichergestellt werden, dass der Patient freiverantwortlich seinen Wunsch äußert und dass alle anderen Hilfen und Behandlungen angeboten, besprochen und im Idealfall auch ausgeschöpft wurden. Das sind zwei Bedingungen, die am besten Ärzte erfüllen können.

Nur die geschäftsmäßige Sterbehilfe zu verbieten, also die Vereine, würde nicht reichen?
Nein, ich sehe nicht, dass das Vereinsverbot das ethische Problem lösen würde. Die Situation für die Betroffenen würde sich nicht ändern, noch mehr Menschen würden in die Schweiz reisen, sich Suizidhilfe illegal beschaffen oder sich genötigt fühlen, einsame, traumatisierende Suizidformen zu wählen.

Ihr Ärztepräsident Montgomery lehnt den ärztlich assistierten Suizid kategorisch ab. Stehen Sie mit ihrer Position allein auf weiter Flur in der Ärzteschaft?
Die Bundesärztekammer hatte vor ein paar Jahren selbst eine Umfrage unter Ärzten in Auftrag gegeben, in der etwa ein Drittel für die Möglichkeit der ärztlichen Beihilfe zum Suizid war. Das merke ich auch auf Ärztekongressen und Veranstaltungen, in denen sich Ärzte immer offener für die Suizidbeihilfe aussprechen. Es gibt ja auch in Einzelfällen ärztliche Assistenz beim Suizid, aber die Ärzteschaft redet nicht gerne darüber.

Montgomery hält dagegen, Ärzte seien keine Techniker des Todes, sondern Helfer zum Leben.
Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich glaube, es ist wichtig, dass ein Arzt dem Leben zugewandt ist und entsprechend berät. Und in 99 Prozent der Fälle würde ein palliativmedizinisches Angebot den Betroffenen besser helfen. Dennoch ist die Frage, ob in Extremfällen, die wir uns teilweise gar nicht vorstellen können, dieser Ausweg nicht straflos möglich sein muss. Dies widerspricht nicht der Forderung nach einem Ausbau der Palliativmedizin, im Gegenteil, beides müsste miteinander kombiniert werden.

Interview: Mira Gajevic

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

SPD und EU

Druck von unten für ein anderes Europa

Von  |
Pro-EU-Demonstration der Jusos in Berlin. SPD-Chef Gabriel fordert ein neues Europa.

Führende SPD-Politiker wollen „Europa neu gründen“. Mit der CDU wird das nicht gehen, sondern nur im Bündnis mit entsprechenden Initiativen aus dem rot-rot-grünen Spektrum. Der Leitartikel. Mehr...

Brexit

Letzte Chance für die Europäische Union

Der Brexit könnte der Anfang vom Ende der EU sein. Um das zu verhindern, müssen die Verantwortlichen die Politik radikal ändern und endlich ein demokratisches und gerechtes Europa schaffen. Der Leitartikel. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung