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05. November 2015

Sterbehilfe: Das "schöne Sterben" ist eine Illusion

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Einige Ärzte verabreichen todkranken Patienten bereits eine Überdosis an Schmerzmitteln, „um sie von ihrem Leid zu erlösen“.  Foto: dpa

Vor der heutigen Abstimmung im Bundestag zur Sterbehilfe schlägt die Hospiz-Bewegung Alarm: Die Vorstellung eines schmerzfreien Todes ist naiv. Der assistierte Suizid könne „ein Werk der Barmherzigkeit“ sein.

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Unmittelbar vor der Abstimmung des Bundestags über die gesetzliche Regelung der Beihilfe zur Selbsttötung (assistierter Suizid) warnen Praktiker aus der Hospizarbeit vor übertriebenen Hoffnungen auf die Palliativmedizin. Im Zentrum der Sterbebegleitung stehe der Patient mit seiner Würde, sagte der Vorsitzende des Hospizvereins Leverkusen, Peter Cramer, der FR. „Zur Achtung der Menschenwürde gehört es auch, sich dem Sterbewunsch eines Patienten – und Möglichkeiten ärztlicher Begleitung – nicht kategorisch zu verweigern.“ Der assistierte Suizid könne „ein Werk der Barmherzigkeit“ sein, so Cramer weiter, der als engagierter Katholik an der Spitze des überkonfessionellen Hospizvereins steht. „Es gibt Patienten, bei denen wir angesichts ihrer Schmerzen darum beten, dass sie bald von ihren Leiden erlöst werden. Die rigoristische Position zum assistierten Suizid, wie sie teils auch von den Kirchen vertreten wird, ist unhaltbar.“

Ähnlich äußerte sich die Ehrenamtskoordinatorin und langjährige Sterbebegleiterin eines kirchlichen Hospizes – mit der Bitte, ihren Namen nicht zu veröffentlichen. Die Vorstellung vom „schönen Sterben“ im Hospiz unter der Obhut der Palliativmedizin sei eine Illusion. „Auch bei uns sterben Menschen unter größten Qualen, auch bei uns schreien Patienten stundenlang aus Panik und Angst vor dem Tod, bis am Ende ein Arzt kommt und ihnen so starke Medikamente gibt, dass sie kurz danach sterben.“ Darüber werde öffentlich aber kaum geredet. Die Aussage, „man muss den Menschen nur die Schmerzen nehmen, dann wollen sie nicht mehr sterben“, sei in dieser generellen Form ein Stück Etikettenschwindel oder Augenwischerei.

Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) befürchtet bei einer gesetzlichen Zulassung des assistierten Suizids einen Dammbrucheffekt, bei dem die Ausnahme zur Regel wird.

In einem Positionspapier von 2014 erkennt die DGP aber Situationen an, für die leicht nachvollziehbar sei, warum ein Mensch nur noch diesen Ausweg aus seinem Leid sieht. Selbst bei einem exzellenten Einsatz schmerzlindernder Therapien durch die Palliativmedizin werde es „Menschen geben, die aus der Situation ihrer schweren Erkrankung heraus Suizid begehen möchten, diesen unter Umständen aber nicht selbst durchführen können oder wollen“.

Peter Cramer wandte sich strikt gegen profitorientiert organisierte Suizid-Beihilfe. Sie müsse verboten sein. Es wäre aber bedenklich, wenn Patienten durch zu enge Auflagen für behandelnde Ärzte geradezu in die Arme gewerbsmäßiger Sterbehilfe-Vereine wie „Exit“ in der Schweiz gedrängt würden. Deshalb hält Cramer den Ausbau der Palliativmedizin und der Hospizbetreuung für zwingend geboten. Er begrüßte die entsprechenden Beschlüsse des Bundestags, warnte aber zugleich vor der falschen Annahme, dass sich damit alle Krisensituationen am Lebensende bewältigen ließen.

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Ein kirchlicher Experte, der ebenfalls ungenannt bleiben wollte, sprach in diesem Zusammenhang von einem „Palliativ-Mythos“ in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion. „Auch in Hospizen wird getötet“, so der Insider. Wie Cramer ausführte, ist es „in der Praxis der Hospize ein offenes Geheimnis, dass die Todesfolge mancher Medikamente sehr bereitwillig in Kauf genommen wird, um Patienten von ihrem Leid zu erlösen“. So führten bestimmte Opiate in Überdosis unweigerlich zu einer Lähmung des Atemzentrums. „Solche Medikamente werden gegeben, und alle sind sich einig, dass das auch gut ist.“

Laut DGP kann es für Ärzte im Umgang mit schwierigen Einzelfällen „zu Dilemma-Situationen“ kommen. Es müsse aber aus dem lebensbejahenden Ansatz der Palliativmedizin heraus generell bei den Verboten bleiben, wonach Ärzte weder tödlich wirkende Medikamente mit dem Ziel einer Selbsttötung verordnen noch konkret zur Suizidplanung anleiten dürfen. Zum respektvollen Umgang mit dem Todeswunsch von Patienten gehört es laut DGP in erster Linie, im Gespräch mit den Betroffenen und ihren Angehörigen „die palliativmedizinischen Optionen zur Linderung von Leid zu erörtern und zu versuchen, gemeinsam einen Weg zu finden“.

Auch Cramer hob hervor, dass ein massiver Ausbau der persönlichen Betreuung Sterbenskranker die Situation in den Hospizen deutlich verbessern könne. „Aber die Palliativmedizin kann nicht der Joker für alles sein.“

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