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Politik
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04. November 2015

Sterbehilfe: Der Gesetzgeber sollte sich zurückhalten

 Von 
Ärzte sollen nicht in Gefahr geraten, sich strafbar zu machen, sagt Woopen.  Foto: rtr

Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Christiane Woopen, äußert sich im Interview der FR zur Abstimmung über Sterbehilfe am Freitag im Bundestag. Sie sieht viele Probleme in den vorliegenden Anträgen.

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Frau Woopen, was ist Ihr Wunschergebnis für die Abstimmung des Bundestags über Regelungen zur Sterbehilfe?
Alle vorliegenden Anträge bringen so gravierende Probleme mit sich, dass es mir am liebsten wäre, wenn gar nichts beschlossen würde und der Gesetzgeber komplett anders an die Problematik der Beihilfe zur Selbsttötung heranginge.

Nämlich wie?
Es ist richtig, dass die Beihilfe zum Suizid im gesellschaftlichen Bewusstsein nicht zum Normalfall und nicht zu einer ärztlichen Standardaufgabe werden darf. Die jetzige Diskussion fixiert sich aber auf die etwa 300 Fälle assistierten Suizids pro Jahr in Deutschland bei Menschen, die schwer und unheilbar erkrankt sind. Wir haben demgegenüber 100 000 versuchte Selbsttötungen von Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen, gegen die wir präventiv mehr tun sollten.

Weil Suizid und versuchter Suizid in Deutschland straffrei sind?
Zu Recht, wie ich finde. Der Staat überlässt es der Freiheit des Individuums, seinem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen. Folgerichtig gilt Straffreiheit auch für die Beihilfe zu einem – wohlgemerkt: selbstbestimmten – Suizid. Alles, was sich jetzt gesetzlich ändern würde, würde die Möglichkeiten einer freiverantwortlichen Entscheidung von Patienten einschränken.

Und deshalb sagen Sie: Lieber alles so lassen, wie es ist?
Vor allem sage ich: Die parlamentarische Debatte setzt den falschen Schwerpunkt. Es gibt in Deutschland weder gravierende Missstände noch Verschlechterungen des gesellschaftlichen Klimas, die mit dem schärfsten Schwert des Staates, nämlich dem Strafrecht, bekämpft werden müssten. Zudem widerstrebt es mir, einzelne existenzielle und immer höchst intime Ausnahmesituationen am Lebensende auf die Ebene einer öffentlichen Regulierung zu hieven. Der Gesetzgeber sollte sich zurückhalten und die Menschen ihr Leben so gestalten lassen, wie sie es für richtig halten. Wir brauchen kein Gesetz für die Wenigen und schon gar keines, das beim Strafrecht ansetzt.

Was sollte in einem solchen Gesetz stehen?
Es müsste breit angelegt sein und eine Vielfalt am Maßnahmen umfassen, die die Menschen in ihren unterschiedlichen Krisensituationen erreichen, zum Beispiel Menschen mit psychischen Störungen und alte Menschen, die einsam sind. Es geht um eine Sensibilisierung für suizidales Verhalten und eine Stärkung von Strukturen, die präventiv wirksam werden können. In diesem gesetzlichen Rahmen könnte man mit den Mitteln des Verwaltungsrechts oder des Polizei- und Ordnungsrechts sehr wohl solche Beihilfe zum Suizid und Angebote dazu untersagen, die von vorneherein auf Wiederholung angelegt sind und öffentlich erfolgen. Diese könnten nämlich einen Mangel an Selbstbestimmung von Patienten ausnutzen und insgesamt geeignet sein, den Suizid als eine normale Option zur „Lösung“ individueller Notlagen erscheinen zu lassen.

Zur Person

Christiane Woopen, 52, Professorin für Ethik und Theorie der Medizin und Vorsitzende des Ethikrats.

Auswüchse einer organisierten Sterbehilfe zu unterbinden, ist das erklärte Ziel des fraktionsübergreifenden Gesetzentwurfs, der die größten Aussichten auf Zustimmung hat. Könnten Sie sich denn damit anfreunden?
Die Ziele der Parlamentarier-Gruppe um Michael Brand (CDU) und Kerstin Griese (SPD) halte ich für richtig: Schwerstkranke Menschen sollen sich in der Gesellschaft aufgehoben fühlen, ihre Leiden sollen mit allen Möglichkeiten der Palliativmedizin gelindert werden. Weiter geht es den Antragstellern um würdevolles Sterben und um die Wertschätzung von Leben sowie die Wahrung der Selbstbestimmung. Geschäftsmäßige Suizidbeihilfe soll verboten werden. Ein zentrales Manko des Gesetzentwurfs ist aber aus meiner Sicht, dass sich Menschen strafbar machen, auch ohne dass es überhaupt zu einem – ohnehin nicht strafbaren – Suizid kommt und das sogar im Strafrecht unter den Paragrafen für Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen. Außerdem ist problematisch, dass Ärzte Sorge haben, sich strafbar zu machen, sobald sie bei der Behandlung schwer kranker Menschen Medikamente verordnen, die auch für einen Suizid verwendet werden könnten.

Patienten, die über Suizid reden, sollten auch künftig darauf vertrauen können, dass ihr Arzt sie nicht etwa darin bestärkt, weil er es dann laut Gesetz darf.
Das unterstellt den Ärzten eine Abkehr von ihrer grundsätzlichen Verpflichtung auf das Leben ihrer Patienten. Ich erkenne keine solche Tendenz in der Ärzteschaft. Daher setze ich gegenteilig an: Schwer leidende Patienten mit Suizidgedanken sollen die Gewissheit haben dürfen, „ich kann darüber mit meinem Arzt sprechen und muss nicht befürchten, dass er sich meinem Ansinnen strikt verweigert, weil er sonst womöglich vor Gericht landet“. Übrigens liegt darin schon ein Stück Suizidprävention.


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Über Selbsttötung zu reden, soll Selbsttötungen verhindern?
Aber ja, weil der Arzt seinem Patienten in solchen Gesprächen andere Wege zum Umgang mit seinem Leiden aufzeigen kann als die Selbsttötung. Die Ärzte sehen die Beihilfe zum Suizid mitnichten als eine ärztliche Aufgabe wie jede andere auch. Zumindest ein Teil von ihnen wünscht sich aber Respekt vor ihrer Gewissensentscheidung, dem Sterbewunsch eines Patienten nach langer Begleitung zu entsprechen und ihm für ein Sterben unter aus seiner Sicht würdevollen Umständen die notwendigen Mittel bereitzustellen. Und darin sehe ich keine Beschädigung des Arzt-Patienten-Verhältnisses oder des Arztberufs.

Interview: Joachim Frank

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