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12. Januar 2015

Sterbehilfe: Die Ärzte und der Freitod

 Von  und 
Das Abschiednehmen ist eine sehr subjektive Entscheidung.  Foto: REUTERS

Sollen Mediziner beim Suizid helfen? Ja, sagt SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach. Nein, widerspricht Mediziner Thomas Sitte. Ein Streitgespräch zu einer Frage, die nicht nur Politiker und Ärzte umtreibt.

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Der Arzt sei nur seinem Gewissen verpflichtet, wenn er einem Patienten beim Suizid helfen wolle, sagt Karl Lauterbach, SPD-Fraktionsvize im Bundestag. Es könne niemals Aufgabe eines Arztes sein, Menschen zu helfen, aus dem Leben zu scheiden, widerspricht Thomas Sitte, Mediziner und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Palliativ-Stiftung. Ein Streitgespräch zu einer Frage, die nicht nur Politiker und Ärzte umtreibt.

Herr Lauterbach, wie wollen Sie sterben?
Möglichst spät, gesund und unerwartet.

Herr Sitte, wie ist es mit Ihnen?
Interessant, was Herr Lauterbach sagt. Bei mir ist das ganz anders. Wenn ich mir eine Krankheit aussuchen könnte, dann einen unheilbaren Krebs. Ich würde dann eine palliative Versorgung wählen und hätte so genügend Zeit, Abschied zu nehmen.

Könnten Sie sich beide vorstellen, sich von einem Arzt bei einem Suizid helfen zu lassen?
Lauterbach: Ich bin ja selber Arzt. Daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Hilfe eines Kollegen benötige, extrem gering.
Sitte: Das sehe ich auch so. Auf Unterstützung wäre ich wohl nur angewiesen, wenn ich komplett gelähmt wäre. Aber wie gesagt, ich will nicht durch einen Suizid aus dem Leben scheiden.

Herr Lauterbach, zusammen mit einigen anderen Bundestagsabgeordneten wollen Sie Ärzten die Sterbehilfe erlauben, wenn der Patient an einer schweren, zum Tode führenden Erkrankung leidet. Warum wollen Sie den Ärzten etwas ermöglichen, was nach dem Berufsrecht verboten ist?
Lauterbach: Der springende Punkt ist, ob standesrechtlich überhaupt etwas verboten werden kann, was strafrechtlich erlaubt ist. In diesem Widerspruch befinden sich viele Ärzte, den müssen wir auflösen. Wir wollen erreichen, dass die Ärzte, die helfen wollen, dafür nicht bestraft werden können. Ihnen droht immerhin der Entzug der Approbation.
Sitte: Pardon, Herr Lauterbach, aber das ist doch bisher in keinen Fall passiert.
Lauterbach: Das ist doch unerheblich. Die Berufsordnung bevormundet die Ärzte in einer unerträglichen Art und Weise. Der Arzt ist nur seinem Gewissen verpflichtet, wenn er einem Patienten beim Suizid helfen will. Man kann doch nicht durch irgendeinen Vorstandsbeschluss festlegen, was richtig und falsch ist.
Sitte: Aber auf dem Ärztetag war die Mehrheit der Ärzte dafür, ein Verbot in die Berufsordnung zu schreiben.
Lauterbach: In Gewissensfragen kann man doch nicht Mehrheiten entscheiden lassen. Selbst wenn nur eine Minderheit der Ärzte es anders sehen würde, wäre das für mich schon Grund genug, darüber nachzudenken, ob dieses absolute Verbot rechtens ist.

Karl Lauterbach ist Arzt und seit 2005 Abgeordneter für die SPD im Bundestag.  Foto: REUTERS

Herr Sitte, Sie dagegen wollen an dem eindeutigen Verbot in der Berufsordnung festhalten?
Sitte: Das ist richtig. Es darf nicht Aufgabe eines Arztes sein, Menschen dabei zu helfen, aus dem Leben zu scheiden.
Lauterbach: Niemand sagt, dass es die Aufgabe eines Arztes ist. Aber er muss die Möglichkeit haben, frei von jeder Strafandrohung seinem Patienten zu helfen, wenn dieser in den Tod begleitet werden will. Die Suizidbeihilfe ist keine Dienstleistung des Arztes. Er macht das als Mensch. Im Grunde geht es darum, jedem Arzt die Möglichkeit zu geben das zu tun, was auch jeder andere in diesem Land darf.
Sitte: Es gibt unzählige Arten, sich das Leben zu nehmen. Da brauchen sie keinen Arzt. Googeln reicht.
Lauterbach: Das finde ich schon problematisch. Man kann doch nicht einem Menschen, der die Hilfe eines Arztes wünscht, sagen, gehe doch ins Internet.
Sitte: Aber ich bin als Arzt nicht Experte fürs Töten und ich will es auch gar nicht sein. Was passiert denn, wenn der Suizid nicht klappt? Denken Sie nur an die schiefgelaufenen Hinrichtungen in den USA. Nein, ich bleibe dabei: Die Suizidbeihilfe muss Ärzten erschwert bleiben. Das soll auch ein Leitbild vermitteln, wenngleich ich ihnen zubilligen würde, in extremen Einzelfällen anders zu handeln.
Lauterbach: Das kann doch nicht der Weg für Ärzte sein. Das würde bedeuten, der Arzt bringt die Zivilcourage auf, beim Suizid zu helfen und gibt danach die Approbation ab? Und außerdem: Wenn die Patienten keinen Ansprechpartner haben, dann treiben wir sie erst recht in die organisierte und kommerzielle Sterbehilfe. Darüber sind wir uns doch einig, oder?
Sitte: Völlig richtig.
Lauterbach: Wenn wir die organisierte Sterbehilfe aber verbieten, was ja offensichtlich Konsens im Bundestag ist, und gleichzeitig das Verbot für die Ärzte aufrechterhalten, dann können es ja nur noch Sterbehelfer im Ausland machen, oder – wie es Ärztepräsident Montgomery kürzlich sagte – der Klempner oder der Tierarzt. Das macht doch keinen Sinn. Wenn Ärzte mit ihren Patienten offen über deren Suizidwunsch sprechen können, besteht zumindest die Chance, sie von ihrem Wunsch nach Selbstmord abzubringen. Nur ein Arzt erkennt im Übrigen, ob es sich nicht vielmehr um eine Depression handelt, die sich heilen lässt.

Thomas Sitte ist Arzt und Vorsitzender der Deutschen Palliativ-Stiftung.  Foto: rtr

Besteht nicht die Gefahr, dass die ärztliche Beihilfe zum Suizid zum Regelfall wird?
Lauterbach: Es ist eine reine Polemik gegen unsere Vorschläge, wenn behauptet wird, dass wir Sterbehilfe als ärztliche Leistung oder gar als Kassenleistung anbieten wollen. Das erweckt den Eindruck, als wollten wir etwas enttabuisieren. Das wollen wir überhaupt nicht. Je weniger Fälle es sind, desto besser. Derzeit bringen sich so viele Menschen um, wir wollen einen Beitrag leisten, dass es weniger werden. Es gibt zudem keinen empirischen Beleg dafür, dass in den Ländern, in denen Ärzte Sterbehilfe leisten, diese auch häufiger gemacht wird.
Sitte: Ich sehe die Gefahr der Enttabuisierung. Mich haben weit über 100 Patienten um Hilfe beim Suizid gebeten, manche baten mich sogar um aktive Tötung. Hätte es hier schon Regeln gegeben, wie dann vorzugehen ist, hätte ich noch genauso beraten. Aber andere, die gefragt worden wären, vielleicht nicht mehr. Ich bin mir sicher, viele dieser Patienten wären dann vor ihrer Zeit gestorben.


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Herr Sitte, Sie haben Zweifel, dass die Beratung so offen ist, wenn als Alternative immer die Hilfe zum Suizid möglich ist?
Sitte: Sie hat eine andere Intention. Ich gebe mir nicht so viel Mühe, wenn gleichzeitig die Suizidassistenz für den Arzt deutlich erleichtert würde. Es gibt ja auch Ärzte, die der Sterbehilfe sehr positiv gegenüberstehen. Die beraten dann natürlich anders.
Lauterbach: Da wäre ich vorsichtig. Solche Ärzte gibt es, aber ich glaube nicht, dass wir davon ausgehen können, dass das ein relevantes Problem ist. Jeder Arzt, der die Beihilfe vermeiden kann, wird das auch in der Regel wollen. Alles andere würde ja bedeuten, dass die Ärzte derzeit nur wegen des Standesrechts keine Hilfe zum Suizid leisten. Nein, kein Arzt wird es sich leicht machen.

Herr Sitte, Sie haben offensichtlich ein skeptischeres Bild Ihrer Zunft.
Sitte: Es gibt solche und solche Kollegen. Nicht alle sind nur altruistisch und aufopfernd. Umfragen zeigen zudem, dass bei Hausärzten die Bereitschaft, den Tod zu beschleunigen, größer ist als bei Palliativmedizinern, vor allem in einem Palliative-Care-Team.
Lauterbach: Das stelle ich auch nicht infrage. Aber das sind auch ganz andere Betroffene. Die Patienten in der Palliativmedizin wünschen sich keinen assistierten Suizid. Die Frage ist vielmehr, was mache ich mit denjenigen, für die die Palliativmedizin nicht infrage kommt.
Sitte: Es stimmt, ich kann niemanden davon überzeugen, sein Leben bis zum Ende zu gehen. Aber ich kann ihnen ganz klar zusichern, dass sie keinen Qualtod fürchten müssen.

Viele Menschen bezweifeln das. Was kann Palliativmedizin heute leisten?
Sitte: Kein Patient muss mehr leiden als er will. Schmerzen, Atemnot, Übelkeit – das können wir alles in den Griff bekommen. Ich kann den Patienten die absolute Gewissheit dafür geben. Im Extremfall können wir auch das Bewusstsein schrittweise ausschalten. Das Ausmaß der Linderung kann der Patient selbst entscheiden. Denn viele wollen ihr Leiden ja gar nicht ausknipsen. Sie wollen leben.
Lauterbach: Völlig einverstanden. Ich kenne keinen Fall, wo es nicht gelingt, den Patienten mit Hilfe der Palliativmedizin die gewünschte Linderung zu verschaffen.

Warum braucht man dann Suizidbeihilfe, Herr Lauterbach?
Lauterbach: Es gibt Menschen, die sich in voller Kenntnis der Möglichkeiten der Palliativmedizin trotzdem für einen Suizid entscheiden. Das sind Schwerkranke, die, ohne depressiv zu sein, keinen Sinn darin sehen, mit ihrer schweren Krankheit noch zu leben. Die einen sehr weit fortgeschrittenen Krebs haben und wissen, dass es keine Heilung geben wird. Sie wollen dieses Ende nicht erleben und sie wollen auch nicht, dass andere sie so sehen. Deshalb kommt für sie auch eine palliative Sedierung, also die Gabe stark beruhigender Medikamente, nicht infrage. Das kann man nun richtig oder falsch finden, ich würde mir so ein Urteil nicht anmaßen.

Sie können per Gesetz zwar den ärztlich assistierten Suizid sanktionsfrei stellen, aber sie können der Ärzteschaft nicht vorschreiben, ihre Berufsordnung entsprechend umzuschreiben. Das Dilemma bleibt also unabhängig vom Gesetz.
Lauterbach: Ich sehe da kein großes Dilemma. Entscheidend ist, dass der Arzt keine berufsrechtlichen Konsequenzen mehr zu befürchten hat. Wenn wir das als Staat ausdrücklich erlauben, wird dass das dominierende Signal sein. Diese extreme Bedrohung entfällt dann. Schöner wäre es natürlich, wir müssten nicht so weit gehen und die Bundesärztekammer würde sich nicht als Moralpolizei der Ärzteschaft gerieren. Sie sollte in der Berufsordnung formulieren, dass die Beihilfe eine ethische Entscheidung eines jeden Arztes ist. Aber das wird sie leider nicht tun.
Sitte: Ärzten muss die Beihilfe erschwert bleiben.

Interview: Mira Gajevic und Timot Szent-Ivanyi

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