Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

18. Februar 2011

Sterbehilfe: Eine Frage des Gewissens

 Von Timot Szent-Ivanyi
Viele Kranke wünschen sich ärztliche Hilfe beim Sterben.  Foto: laif

In ihren neu formulierten "Grundsätzen zur Sterbebegleitung" überlässt es die Bundesärztekammer den Medizinern, ob sie im Einzelfall Beihilfe zur Selbsttötung leisten wollen. Bisher wurde dies generell als unethisch verurteilt.

Drucken per Mail
Berlin –  

„Wenn Ärzte mit sich selbst im Reinen sind, dann brechen wir nicht den Stab über sie“, sagte Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe. Die Beihilfe zum Suizid könne in Einzelfällen moralisch gerechtfertigt sein, ergänzte der Medizinethiker Alfred Simon. Grundsätzlich geht es um Fälle, in denen Sterbenskranke ihren Arzt bitten, ihnen einen raschen Tod zu ermöglichen oder dies nicht zu verhindern. Denkbar ist zum Beispiel, dass der Arzt dem Patienten tödliche Medikamente verschafft, die dieser dann alleine einnimmt. Hoppe nannte ein anderes Beispiel: Ein Arzt hatte in einem konkreten Fall nichts unternommen, als er entdeckte, dass seine todkranke Patientin große Mengen Schlafmittel genommen hatte.

Ethikberatung hilfreich

Bisher heißt es in Grundsätzen: „Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung widerspricht dem ärztlichen Ethos und kann strafbar sein.“ Die neue Formulierung lautet: „Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe.“ Weiter heißt es, die Grundsätze sollten dem Arzt eine Orientierung geben, sie könnten ihm jedoch die eigene Verantwortung nicht abnehmen. „Alle Entscheidungen müssen unter der Berücksichtigung des Einzelfalls getroffen werden.“ Im Zweifel könne eine Ethikberatung hilfreich sein.

Auch nach der Lockerung bleibt die Entscheidung für Mediziner aber schwierig. Denn das Berufsrecht der Ärzte verbietet anders als das Strafrecht weiterhin die Beihilfe zur Selbsttötung. Möglich ist etwa der Entzug der ärztlichen Zulassung.

Allerdings wird die Berufsordnung derzeit auch überarbeitet. Geplant ist eine Verabschiedung Ende Mai auf dem Ärztetag in Kiel. Eine Prognose über das Ergebnis wollte Hoppe aufgrund der in der Ärzteschaft geführten kontroversen Debatte nicht abgeben. Eine klare Haltung nahm er anders als in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vor wenigen Woche nicht mehr ein. Damals hatte er gesagt, der Widerspruch zwischen Berufs- und Strafrecht müsse aufgelöst werden. Das war aber auf scharfe Kritik gestoßen.

Kritik der Hospiz-Stiftung

Nun räumte Hoppe zwar ein, dass es weiter einen Widerspruch zwischen Berufs- und Strafrecht gebe, der auch bei einer Überarbeitung der Berufsordnung womöglich bestehen bleibe. Er verwies aber darauf, dass noch nie ein Mediziner weger Beihilfe zur Selbsttötung belangt wurde. Außerdem äußerte er die Befürchtung, dass sich durch eine generelle Freigabe der Suizidbeihilfe immer mehr Ärzte dazu ermutigt fühlen könnten. Das wolle er nicht.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Anlass für die Beschäftigung mit der Sterbehilfe war unter anderem eine Umfrage unter Ärzten, die 2010 veröffentlich wurde. Dabei gaben 34 Prozent der Ärzte an, sie seien schon einmal um Hilfe beim Suizid gebeten worden. 30 Prozent der befragten Mediziner sagten, sie wünschten eine Regelung, die eine Beihilfe erlaubt.

Scharf davon abgegrenzt sehen die Ärzte weiter die aktive Sterbehilfe − also die Tötung durch den Arzt, möglicherweise auf Verlangen des Kranken oder von Verwandten. Auch in der neuen Richtlinie wird klargestellt, dass die Tötung von Patienten strafbar ist, auch wenn sie auf Verlangen des Patienten erfolgt.

Die Patientenorganisation Deutsche Hospiz Stiftung kritisierte die neuen Grundsätze. Der Vorstand der Ärzteschaft habe das ärztliche Ethos „abgeschafft“, sagte der geschäftsführende Vorstand Eugen Brysch.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

US-Wahl

Washington wird künftig mehr verlangen

Von  |
Nach der ersten Redeschlacht hat Hilary Clinton den Vorteil auf ihrer Seite.

Clinton hat das TV-Duell, aber nicht die Wahl für sich entschieden. Sie wäre für Deutschland und die anderen EU-Staaten der bessere Partner. Die US-Politik wird sich ohnehin ändern. Der Leitartikel. Mehr...

Fall Jenna Behrends

Überfällige Sexismus-Debatte in der CDU

Der Berliner CDU-Landesparteichef Frank Henkel weiß, wie er mit seinen Parteikolleginnen umzugehen hat.

Sexismus ist nichts, was die Berliner CDU exklusiv für sich beansprucht. Er findet sich in Parteien, Unternehmen und Verbänden. Eine breite Debatte darüber ist lange überfällig. Der Leitartikel. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung