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15. Dezember 2013

Sterbehilfe in Belgien: Der Wille des Kindes

 Von 
Belgien beschreitet neue Wege im Umgang mit unheilbar kranken und schwer leidenden Kindern.  Foto: Michael Schick

Als erstes Land der Welt will Belgien auch die Sterbehilfe für Minderjährige erlauben. Der Senat hat dem umstrittenen Vorhaben jetzt zugestimmt. Die große Koalition in Berlin kann das Thema nicht komplett ignorieren.

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BRÜSSEL –  

Die Debatte verlief dieses Mal erstaunlich ruhig. Anders als noch vor zwölf Jahren. Damals hat Belgien heftig darüber gestritten, die Sterbehilfe für unheilbar Kranke zu legalisieren. Gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche. Wider eine „krebsartige Entwicklung“ wetterte damals Kardinal Godfried Danneels und verwies auf zwei unterschiedliche Weltanschauungen: eine, „in welcher der Mensch sich selbst zum Herr erheben will und eine, in der noch Platz für Gott und Metaphysisches ist“.

Danneels Zorn hat wenig gebracht. Das katholische Belgien führte 2002 ein Gesetz zur Sterbehilfe ein. Als erstes Land der Welt will es nun sogar die Sterbehilfe für Minderjährige erlauben. Die zweite Kammer, der Senat, billigte das Vorhaben am Donnerstag. Vertreter fast aller Parteien sind für die Ausweitung. Ablehnung kommt von französisch- und flämischsprachigen Christdemokraten, die der Regierungskoalition angehören.

Das Parlament soll dem Gesetz im nächsten Frühjahr zustimmen. Ausgenommen sind psychische Leiden und todkranke Babys. Ansonsten sieht das Gesetz vor, dass „Kinder, die sich in einem medizinisch aussichtslosen Zustand befinden“ und schwer leiden, um Sterbehilfe nachfragen können. Ein Ärzteteam und die Eltern müssen zustimmen. Voraussetzung ist, dass die Betroffenen vom Entwicklungsstand in der Lage sind, die Folgen ihrer Entscheidung abschätzen zu können.

Eine Frage der Reife

Wann ist der freie Wille des Kindes aber wirklich frei? Darüber gibt es eine ethische Debatte. Rik Torfs, Direktor der katholischen Universität Leuven und ehemaliger christdemokratischer Politiker, sprach in der Zeitung „Standaard“ von einem „tödlichen Paradoxon“ und führte aus: „Es geht um Kinder, die per Definition nicht über eine reife Willensbekundung verfügen, obwohl das bei der Entscheidung zur Sterbehilfe eine entscheidende Voraussetzung ist.“ Und noch ein Argument nannte der Kirchenrechtler Torfs. Kinder würden Schmerz anders wahrnehmen als Erwachsene. „Kinder können den Schmerz, den sie spüren, nicht relativieren“, so Torfs.

Leiden kenne keine Altersgrenze, halten Befürworter des Gesetzes dagegen. Und sie haben viele Kinderärzte auf ihrer Seite. Die hatten in einem offenen Brief die Unterstützung der Gesetzgeber gefordert.

Das Debattieren über die Sterbehilfe führt zum öffentlichen Reden über den Tod. Mitunter mit bizarren Auswüchsen. So ersuchte im Frühjahr ein 44-jähriger Belgier nach einer missglückten Geschlechtsumwandlung um Sterbehilfe. Sein Wunsch wurde ihm gewährt. Und der Medizinnobelpreisträger Christian De Duve setzte sich im Mai im Alter von 95 Jahren eine Giftspritze. Als Vermächtnis hinterließ er der Zeitung „Le Soir“ ein bemerkenswertes Interview. „Es wäre eine Untertreibung zu sagen, ich hätte keine Angst vor dem Tod“, sagte er. „Aber ich fürchte mich nicht vor dem, was kommt, denn ich bin nicht gläubig. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Es wird nichts bleiben.“

Im Kreise der Familie

Nun, das ist untertrieben. Denn immerhin bleiben seine bahnbrechenden Forschungen zur Zellphysiologie. Aber für die Debatte um Sterbehilfe ist dieses Zitat doppelt interessant. Denn im Gegensatz zu den calvinistischen Niederlanden ist Belgien katholisch geprägt. Und doch geht durch das Land ein feiner Riss. Im nördlichen niederländischsprachigen Flandern ist die Sterbehilfe breiter akzeptiert als im südlichen frankophonen Wallonien. Flämische Medien in Belgien berichten auch häufiger über die Debatte. Der Zeitung „Standaard“ etwa erzählte Joris vom Tod seiner krebskranken Frau Annemie. „Ab einem bestimmten Moment, war klar: Es läuft nicht gut. Und dann bat sie um Sterbehilfe.“

Die kann in Belgien auch durch eine Patientenverfügung festgehalten werden, bestätigt von zwei Freunden. Drei Mediziner, darunter der Hausarzt, müssen konsultiert werden. So schreibt es das Gesetz vor. Seit 2002 nimmt die Zahl der Sterbehilfe-Fälle stark zu. Entschieden sich im Jahr 2003 noch 385 unheilbar Kranke dafür, mit ärztlicher Hilfe freiwillig aus dem Leben zu scheiden, waren es im vergangenen Jahr schon 1435 Patienten.

Die letzten Tage seiner Frau beschreibt Joris so: „Sie verbrachte noch sieben Tage in der Gesellschaft von Freunden, Familie, Kindern und Enkelkindern. Sie hat in ihren letzten Tagen noch auf eine ganz andere Art und Weise mit uns sprechen können. Es tat ihr gut. Zum Schluss war sie so schwach, dass sie nicht mal mehr Wasser zu sich nehmen konnte, dann bat sie darum: ,Ich möchte einschlafen.“

Ihr Wille geschah.

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