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06. August 2012

Sterbehilfe: Jeder Zweite für kommerzielle Sterbehilfe

 Von Mira Gajevic
Einen Sterbenden bis zum Tod begleiten oder ihn in den Tod geleiten – das ist die Frage.  Foto: Imago

Ärzte, die Sterbehilfe leisten, sind in der Öffentlichkeit nicht sehr bekannt - aber es gibt sie. Ein Gesetz, dass die gewerbliche Sterbehilfe unter Strafandrohung verbieten will, stößt auf heftige Kritik. Jeder zweite Deutsche unterstützt laut einer Umfrage die Beihilfe zum Suizid.

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Ärzte, die Sterbehilfe leisten, sind in der Öffentlichkeit nicht sehr bekannt - aber es gibt sie. Ein Gesetz, dass die gewerbliche Sterbehilfe unter Strafandrohung verbieten will, stößt auf heftige Kritik. Jeder zweite Deutsche unterstützt laut einer Umfrage die Beihilfe zum Suizid.

Geht es nach der Bundesärztekammer, dann gibt es sie nicht: Ärzte, die Sterbehilfe leisten. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. 150, vielleicht 200 Schwerkranken will der Berliner Urologe Uwe-Christian Arnold nach eigener Aussage in den vergangenen Jahren geholfen haben, sich umzubringen. Kein Gericht hat ihn deswegen verurteilt. Denn Selbstmord ist in Deutschland nicht verboten, Beihilfe zum Freitod auch nicht. Sie ist selbst dann nicht strafbar, wenn sie von Ärzten geleistet wird. Auch wenn das Standesrecht ihnen Sterbehilfe ganz eindeutig verbietet.

Dass er sterbewilligen Patienten todbringende Medikamente überlassen darf, hat Arnold im März dieses Jahres sogar von einem Berliner Verwaltungsgericht bestätigt bekommen. Die Ärztekammer Berlin hatte ihm unter Androhung von 50.000 Euro Strafe untersagt, einer Patientin tödliche Medikamente zu geben.

Gericht erlaubt Beihilfe

Das Gericht gab Arnold Recht, weil ein solches Verbot gegen die Freiheit der Berufsausübung und die Gewissensfreiheit des Arztes verstoße. Als Voraussetzung für die Assistenz beim Suizid nannten die Richter, dass der Arzt eine enge persönliche Beziehung zum Patienten habe, der Sterbewillige unerträglich und irreversibel an einer Krankheit leide und keine ausreichenden Mittel zur Leidensbegrenzung zur Verfügung stünden. „Es kann nicht sein, dass jemand anruft und sagt, ich habe Krebs. Können Sie mir nächste Woche beim Sterben helfen. Das geht nicht“, sagt der erklärte Sterbehelfer Arnold.

Umfrage

49 Prozent der Bundesbürger befürworten die Legalisierung der gewerblichen Sterbehilfe, wie das Emnid-Institut ermittelte. 41 Prozent lehnen sie ab. Befragt wurden im Auftrag der Zeitung Bild am Sonntag 501 Personen.

Der Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums sieht vor, dass gewerbsmäßige Unterstützung beim Suizid künftig mit bis zu drei Jahren Haft bestraft wird.

Arnold ist sich sicher, dass er nicht der einzige Arzt ist, der beim Suizid hilft. Nur, „Ärzte, die so etwas machen, gehen damit nicht an die Öffentlichkeit“, sagt er. Mediziner wie Arnold, der viele Jahre für den deutschen Ableger der umstrittenen Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas tätig war und sich im Fernsehen als Sterbehelfer outete, sind auch in der eigenen Branche umstritten. Doch das heißt nicht, dass alle Mediziner die harte Position der Bundesärztekammer zur Sterbehilfe teilen. Die hatte vor einem Jahr die Grundsätze so geändert, dass Medizinern seitdem untersagt ist, sterbenden und unheilbar kranken Patienten Hilfe zur Selbsttötung zu leisten.

„Überflüssiger Gesetzentwurf“

Dabei ergab eine von der Bundesärztekammer im Jahr zuvor veröffentlichte Umfrage unter Ärzten, dass für ein Viertel der Befragten ein begleiteter Suizid unter bestimmten Umständen durchaus infrage kommt. Selbst aktive Sterbehilfe, also das in Deutschland verbotene Töten auf Verlangen, konnte sich immerhin ein Viertel der Ärzte zumindest vorstellen. Für viele Mediziner ist die Frage, wie sie mit dem Wunsch eines Sterbewilligem umgehen sollen, zudem keine theoretische. Jeder dritte Arzt wurde im Laufe seines Berufslebens schon um Hilfe beim Suizid gebeten, lautet ein weiteres Ergebnis der Umfrage.

Ähnlich wie Arnold fühlt sich denn auch der bayerische Allgemeinmediziner Anton Wohlfahrt, der die Aktion der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) „Ärzte sollen helfen dürfen“ unterstützt, nicht durch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery oder dessen Vorgänger Jörg-Dietrich Hoppe vertreten. Beide hätten als Radiologe oder Pathologe in ihrem Berufsleben niemals einen Krebskranken bis zum Tod begleitet.

„Das sind da eher Theoretiker. Mich als Landarzt und Allgemeinmediziner vertreten diese Leute nicht“, sagt er in einem Radiointerview. Jeder Bürger dürfe einem anderen Bürger beim Sterben behilflich sein. „Es ist also nicht einzusehen, warum einem Arzt, der sicher über die besten Mittel verfügt, einen sicheren und würdigen Tod herbeizuführen, – warum es dem verboten sein soll, auf Anfrage eines schwerstkranken Patienten, Hilfe zu leisten.“ Den Gesetzentwurf, der kommerzielle Sterbehilfe unter Strafe stellt, hält er für relativ überflüssig.

Bessere Hospize

Tatsächlich reisen schon heute die meisten Sterbewilligen in die Schweiz, wo sie ein tödliches Medikament erhalten, das in Deutschland verboten ist. Am Sterbetourismus ins Ausland dürfte das geplante Verbot der gewerbsmäßigen Sterbehilfe deshalb kaum etwas ändern.

Die Kritik aus der Politik kam am Sonntag aus der entgegengesetzten Richtung: Der Unionsfraktionsvorsitzende Volker Kauder (CDU) sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, „Ärzte oder Pflegepersonal dürfen sich nicht an dem Geschäft mit dem Tod beteiligen“. Die Justizministerin müsse den entsprechenden Passus im Gesetz klarstellen.

Dass laut Umfragen fast jeder zweite Deutsche kommerzielle Sterbehilfe begrüßt, zeigt laut Deutscher Hospiz Stiftung, welche Last auf vielen Schwerkranken liege. Sie würden durch solche „herabwürdigende Haltungen“, wie sie in der Umfrage zum Ausdruck kämen, dazu gedrängt, ihr Leben vorzeitig zu beenden. Stattdessen müssten Hospiz- und palliativmedizinische Angebote sowie die Pflege im häuslichen Umfeld ausgebaut werden, sagte der Chef der Patientenschutzorganisation, Eugen Brysch. Ähnlich äußerte sich auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken. (mit kna)

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