"Abenteuerlich und unverantwortlich" nennen Umweltschützer die Vollverfüllung des Endlagers Asse. Von Peter Mlodoch
Atommüll-Lager Asse - Probleme ohne Ende
Atommüll-Lager Asse - Probleme ohne Ende
Es war das erste unterirdische Atommüll-Endlager weltweit - und ist seit Jahrzehnten marode: Im ehemaligen Salzbergwerk Asse in der Nähe des niedersächsischen Wolfenbüttel lagert radioaktiver Abfall.
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In der Asse haben sie, wie es offiziell heißt, einen Laugen-Notstand. Durch die Decken sickert Flüssigkeit ein. Mit Schläuchen, Folien und 1000-Liter-Fässern wird die Lauge aufgesammelt und nach draußen geschafft. Sümpfe wie dieser in 750 Metern Tiefe enthalten Magnesiumchloridlauge. 2009 hat sich die Menge verdreifacht.
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Aktivisten machen immer wieder auf das ungelöste Entsorgungsproblem aufmerksam - auch und vor allem das marode Endlager bietet ihnen dafür eine Kulisse.
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Die interne Bewertung, die Grube sei als Atom-Grab "nur beschränkt" geeignet, fiel unter den Tisch. Unbeachtet blieben auch Warnungen der Praktiker vor Ort. Verbürgt ist die Aussage eines erfahrenen Obersteigers: "Wir kämpfen doch schon seit Jahren gegen das Wasser." Das marode Bergwerk löst immer wieder Proteste aus.
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Für rund 600.000 Mark wechselte die Grube 1965 den Besitzer. Die Rechner im für die Finanzen zuständigen Forschungsministerium hielten das für ein Schnäppchen. Das Kernforschungszentrum Karlsruhe, ebenfalls in Staatsbesitz, wollte damals Atommüll los werden. Eine Halle für das strahlende Zeug hätte 1,6 Millionen Mark gekostet.
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Rund 126.000 Fässer wurden hier zwischen 1967 und 1978 deponiert. Was genau in den Gewölben lagert, ist bis heute unklar.
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Umweltminister Sigmar Gabriel hat das Bergwerk Asse als "löcherig wie einen Schweizer Käse" bezeichnet. Die Löcher erklären sich aus der Geschichte der Grube. 13 Abbau-Etagen in Tiefen von 490 bis 750 Metern, aus denen seit 1899 Kali-Dünger und feines Steinsalz - der Hausfrau damals als Asse Sonnensalz bekannt - heraus geholt wurden.
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Im Salzbergwerk Asse 2 (der Schacht Asse 1 anderthalb Kilometer entfernt war zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgegeben worden) wurde von 1906 bis 1964 Steinsalz abgebaut.
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Decken und Wände werden in Salzbergwerken nicht abgestützt - das salzhaltige Gestein, das das Grubengewölbe bildet, kann sich selbst tragen.
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Mit der Zeit gibt es allerdings nach - im Lager Asse um bis zu 15 Zentimeter jedes Jahr.
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Das Einlagern in Salzstöcken schien Politik und Wissenschaft seit den 60er Jahren eine gangbare Möglichkeit, sich des radioaktiven Mülls aus deutschen Kernkraftwerken zu entledigen.
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Ende der 70er Jahre wurde die Asse zum Forschungsbergwerk erklärt.
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Geologen und Ingenieure untersuchten, ob sich die Salzstöcke als Endlagerstandort für Atommüll eignen, der stark Wärme ausstrahlt.
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Das Salz, so war der Plan, sollte den radioaktiven Müll dauerhaft einschließen. Die Behälter, die mit der Zeit durchrosten, dienten nur dem Transport.
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In rund 750 Metern Tiefe lagert kontaminierte Natriumchlorid-Lauge.
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Auch eine halbe Tonne hochgiftiges Arsen, das wie Quecksilber und Blei üblicherweise in radioaktiven Abfällen enthalten ist, findet sich im Bergwerk.
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Ein Mitarbeiter misst die Radioaktivität vor einer zugemauerten Kammer. Die Einsturzgefahr des Lagers beschäftigte auch einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss.
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Immer neue Pannen werden in Asse bekannt.
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Der langjährige Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München, wurde vom Umweltminister Sigmar Gabriel - hier bei einer Asse-Besichtigung - entmachtet. Jetzt verwaltet die Atommüll-Ruine das Bundesamt für Strahlenschutz.
Seit 2009 informiert das Bundesamt für Strahlenschutz auch Bürger in einem Infozentrum an der Asse. Neben dem Müll aus Karlsruhe wurde auch Nuklear-Abfall aus Medizin und Industrie in Asse eingelagert.
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Anfang des Jahres 2009 rechnete man noch mit einer Einsturzgefahr der Decken in Asse im Jahr 2014 - inzwischen ist die Decke bereits auf 500 Metern eingestürzt.
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Abgesperrter Stollenbereich des Bergwerks (Archivfoto vom Januar 2009). Die endgültige Schließung des Lagers wurde mehrfach verschoben. Derzeit ist 2020 im Gespräch.
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Längst ist klar: Atommüll kann in der Asse nicht dauerhaft trocken gelagert werden. Seit 1978 dringen in über 600 Meter Tiefe täglich rund zwölf Kubikmeter Wasser ein. Überlegt wird, das Bergwerk zu fluten - dies allerdings birgt die Gefahr, dass radioaktives Material gelöst wird und mit der Zeit durch das Gestein nach außen tritt.
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Schutz von oben: Die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, wacht in den Tiefen der Asse über die gefährlichen Hinterlassenschaften.
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1993 zog die Politik die Notbremse: Die Forschungsarbeiten wurden abgebrochen. Um die Frage, ob der gelagerte Atommüll aus dem Bergwerk geholt oder dort sicher abgeschlossen wird, entbrannte politischer Streit.
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Inzwischen kämpfen Bürger, Umweltschützer und Kommunalpolitiker gegen den strahlenden Müll in Asse. Jetzt wird nach neuen Wegen aus dem Debakel gesucht. Sicher ist derweil, dass die Asse den Steuerzahler viel Geld kosten wird.
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Asse - das ist ein altes Bergwerk, in dem Salz abgebaut wurde. Inzwischen ist es Lagerstätte für Atommüll und nebenbei noch Produktionsstätte für Lauge. Denn immer mehr Wasser sickert in die Anlage.
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Linkspartei in der Krise
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Hannover. An das gelbe "A", ihr Protestsymbol, haben die Aktivisten bereits blaue Füße gemalt. Bürgerinitiativen und Umweltgruppen befürchten nämlich, dass das marode Atommüll-Endlager Asse nun doch weitgehend geflutet werden könnte. Unter der möglichen Schließungsoption "Vollverfüllung" verberge sich nichts anderes als das alte, umstrittene Konzept der Flutung des absaufenden Salzbergwerks mit einer Magnesiumchlorid-Lösung, erklärte der Asse-II-Koordinationskreis am Montag in Hannover.
"Diese nasse Verwahrung ist abenteuerlich und unverantwortlich", sagte Frank Hoffmann von dem Bündnis. Die Lösung greife die Abfallbehälter an, zersetze sie und transportiere strahlende und giftige Stoffe unkontrolliert durch das Bergwerk. Schon nach 60 Jahren müsse man damit rechnen, dass Radionuklide durch das Deckgebirge nach oben austreten. "Von der geforderten Langzeitsicherheit kann hier überhaupt keine Rede sein." In dieser Form müsse die Vollverfüllung umgehend aus dem Vergleich der Schließungsvarianten gestrichen werden, forderte Hoffmann.
Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) als Betreiber prüft derzeit drei Optionen, wie die Schachtanlage im Landkreis Wolfenbüttel sicher und dauerhaft verschlossen werden kann. Bei der "Rückholung" würden die 126 000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Atomabfällen aus der Tiefe geborgen und möglicherweise in den Schacht Konrad in Salzgitter gebracht. Eine zweite Option sieht die "Umlagerung" der Fässer in tiefere Schichten des Salzstocks vor. Bei der dritten Variante verbleiben die Abfallbehälter in ihren derzeitigen Lagerkammern. Das BfS spricht von "Verfüllung mit Spezialbeton", schränkt diese aber auf die "zugänglichen Bereiche" ein. Wo man mit Beton nicht hinkomme, etwa in die mit lockerem Salzgrus gefüllten Lagerkammern, helfe eben nur die Stabilisierung mit einer gesättigten Flüssigkeit, die das Salzgestein nicht angreife.
Die Machbarkeitsstudie zur Vollverfüllung sieht daher vor, den Teil des Bergwerks unterhalb von 700 Metern mit einer entsprechenden Lösung zu fluten - also einschließlich aller zwölf Lagerkammern mit den schwachradioaktiven Abfällen auf der 750-Meter-Sohle. Die knapp 1300 Fässer mit dem mittelradioaktiven Müll in einer Kammer auf der 511-Meter-Sohle wären davon nicht betroffen. "Das ist im Grunde das gescheiterte Konzept des Helmholtz Zentrums", sagte Andreas Riekeberg vom Koordinationskreis und warf dem BfS eine unzureichende Information der Öffentlichkeit vor. Der Ex-Betreiber Helmholtz Zentrum wollte die Asse freilich komplett mit der Magnesiumchlorid-Lösung fluten.
Das BfS wies die Kritik zurück. Man habe das Konzept der Vollverfüllung neben den beiden anderen umfassend vorgestellt. Eine Entscheidung über das endgültige Schließungskonzept sei noch nicht gefallen.