Frau Ammicht Quinn, gibt es den rechtlich-ethisch unbedenklichen Nacktscanner, den sich Innenminister de Maizière vorstellt?
Es gibt Szenarien, in denen die Verwendung der Geräte akzeptabel erscheint, aber nur unter sehr strengen Bedingungen. Die Bilder müssten komplett anonymisiert, eine Speicherung der Bilder ausgeschlossen sein. Das Problem der Datenspeicherung wird im Moment aber überhaupt nicht thematisiert. Gerätebetreiber und Polizei werden vermutlich darauf bestehen, die Bilder zumindest so lange zu speichern, bis Flugzeuge mit zuvor gescannten Passagieren sicher gelandet sind.
Regina Ammicht Quinn, Jahrgang 1957, ist Professorin für theologische Ethik in Tübingen.
Am "Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften" (IZEW) der Universität leitet sie den Forschungsschwerpunkt "Sicherheitsethik". Im Rahmen eines Forschungsprojekts befasst sie sich auch mit dem Einsatz von Nacktscannern. ( jf)
De Maizières Vorgänger Wolfgang Schäuble hatte Nacktscanner noch als "Unfug" bezeichnet. Wie lautet heute Ihr Urteil als Ethikerin?
Die Technik ist nicht in einem moralischen Sinn "gut" oder "schlecht". Die Voraussetzungen, Zwecke und Folgen von Forschung und Anwendung müssen ethisch überprüft werden. Es gibt großen Regulierungsbedarf - und vor allem müssen wir uns bewusst sein, dass wir unsere Probleme mit Angst und Unsicherheit nicht durch technische Apparate lösen können.
Was meinen Sie damit?
Die aktuelle Debatte über "Nacktscanner" steht weniger unter dem Vorzeichen der Entblößung durch Technik als unter dem der Angst. Die Veränderung reicht bis in die Sprache: Statt von "Nacktscannern", was eher unheimlich klingt, ist jetzt von "Körperscannern" die Rede - technisch präziser, aber eben auch harmloser.
Sehen Sie denn sinnvolle Alternativen zum Einsatz von Scannern?
Die momentan gängige Alternative ist das besonders gründliche Abtasten.
Auch kein berückender Gedanke.
Durchaus nicht. Zugleich aber ist die Frage, ob das Angesehenwerden oder das Angefasstwerden die Intimität stärker verletzt, kulturell unterschiedlich. Aber auch wenn die Bilder keine "Nacktbilder" mehr sind, ist eine Gruppe von Menschen besonders negativ betroffen: Menschen mit versteckten Behinderungen.
Warum?
Windeln bei Menschen mit Inkontinenzproblemen, künstliche Darmausgänge, Urinbeutel, Insulinporte - all das registrieren die Scanner als "auffällig" oder "verdächtig". Was das für die Betroffenen bedeutet, die sich hier buchstäblich offenbaren müssen, kann sich jeder leicht ausmalen. Jeder Kranke wird hier potenziell zum Terroristen. Grundsätzlich wäre es sinnvoll, an Ausbildung und Arbeitsbedingungen des Sicherheitspersonals anzusetzen.
Sie sagten, das eigentliche Problem hätten wir mit der Angst. Inwiefern?
Noch vor 150 Jahren galt Angst als Ergebnis einer falschen Erziehung durch unfähige Mütter und Kindermädchen, wo doch Furchtlosigkeit, Tapferkeit und Mut die eigentlich erstrebenswerten Tugenden waren. Nicht erst seit dem 11. September hat Angst einen ganz anderen kulturellen Stellenwert bekommen. In der Erziehung werden "Vorsicht" und "Schutz" über Angst gelernt: Angst vor Fremden, vor dem Straßenverkehr, vor Zusatzstoffen in Lebensmitteln. Wir bewegen uns zunehmend in einer Kultur der Angst und sind an der haarscharfen Grenze angekommen, wo der evolutionsgeschichtlich lebensrettende Umgang mit dem Affekt Angst umschlägt in ein Benutzen von Angst, um damit jeden noch so weit reichenden Eingriff in Persönlichkeitsrechte zu rechtfertigen.
Aber der Beinahe-Anschlag von Detroit war Realität.
Angst zu haben ist ja auch oft sinnvoll und richtig. Trotzdem ist es ein falsches Versprechen, umfassende Sicherheit durch eine immer ausgeklügeltere Technik herstellen zu können. In der ganzen Debatte über Terrorismus schwingt wesentlich mehr mit, nämlich die Erfahrung, dass Menschen verletzlich sind. Damit wollen sich viele aber nicht auseinandersetzen. Wir leben in einem Sicherheitsparadox: Unsicherheit ist ein entscheidendes Motiv gesellschaftlicher Veränderung und Weiterentwicklung. Gleichzeitig können wir alle die Unsicherheit immer weniger ertragen. Und so besteht die Gefahr, dass wir unser freies Leben in einem Rechtsstaat, das wir zu verteidigen glauben, durch unser Sicherheitshandeln gefährden, ja verlieren. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Und Sicherheit wird nie ohne Einschränkungen zu haben sein. Wir müssen darauf achten, dass wir die Lasten nicht einseitig verteilen. Und wir müssen darauf achten, dass unsere Lösungen nicht größere Probleme verursachen als vorher vorhanden waren.
Interview: Joachim Frank
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