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26. Mai 2011

Studie des Umweltbundesamtes: Ausstieg 2017 von Amts wegen

 Von Joachim Wille
Eine Studie des Umweltbundesamtes hält den Ausstieg aus der Atomkraft für 2017 für unproblematisch.  Foto: dpa

Ein Atomausstieg bis 2017 würde die Strompreise laut einer Studie des Umweltbundesamtes nur moderat erhöhen. Das Umweltministerium will das Papier aber erst nach dem Schlussbericht der 'Ethikkommission' zur Energiewende publizieren - nicht ohne Hintergedanken.

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Ein Atomausstieg bis 2017 würde die Strompreise laut einer Studie des Umweltbundesamtes nur moderat erhöhen. Das Umweltministerium will das Papier aber erst nach dem Schlussbericht der 'Ethikkommission' zur Energiewende publizieren - nicht ohne Hintergedanken.

Das Umweltbundesamt (UBA) erwartet auch bei einem schnellen Atomausstieg nur moderate Strompreissteigerungen von 0,6 bis 0,8 Cent pro Kilowattstunde und auch „keine nennenswerten Einbußen“ beim Wirtschaftswachstum. „Ein vollständiger Abschalten der AKW bis 2017 verringert die Gefahren und Risiken der Atomenergie deutlich. Dies hätte erhebliche gesellschaftliche Vorteile, die die moderaten Strompreiserhöhungen aufwiegen.“ So lautet die Quintessenz der jüngsten UBA-Studie zu dem Thema, die der FR vorliegt.

G8 zur Atomkraft

Angela Merkel hat die Rollen gewechselt: von der Klima-Kanzlerin zur Atomkraft-Kritikerin. Beim G8-Gipfel im französischen Deauville gelang es der Kanzlerin, ein Thema zu setzen.

Auf Drängen Deutschlands sagten die sieben größten westlichen Industrieländer und Russland zu, sich um höhere Sicherheitsstandards ihrer Atomkraftwerke zu bemühen. Man sei entschlossen, „alle Lektionen“ aus dem Atomunfall von Fukushima zu lernen, heißt es im Entwurf der Gipfel-Erklärung.

Außer Deutschland will aber niemand auf Atomkraft verzichten, nicht einmal die Japaner. In Italien, wo es keine Kernkraftwerke gibt, möchte Premier Silvio Berlusconi lieber heute als morgen welche bauen. Also einigten sich die G8-Staaten darauf, dass jeder machen kann, was er will. In der Sprache des Kommuniqués: Die Länder setzen Atomkraft unterschiedlich ein, „einschließlich eines Einstiegs oder eines Ausstiegs“.

Das Thema Atomsicherheit soll im Rahmen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECE) forciert werden. Frankreich lädt für Anfang Juni zu einer Konferenz ein. Dort sollen die Beschlüsse von Deauville mit anderen Ländern diskutiert werden. (thk)

Das UBA hat das Hintergrundpapier als Grundlage für die seit Fukushima neu begonnene Atom-Debatte erarbeitet. Es wurde bisher nicht veröffentlicht − nach FR-Informationen auf Wunsch von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU). Nun soll das Papier offenbar Anfang nächster Woche publiziert werden – also erst, nachdem die von Ex-Minister Klaus Töpfer (CDU) geleitete „Ethikkommission“ zur Energiewende ihren Schlussbericht vorgelegt hat. Die Grünen hatten Röttgen vorgeworfen, das UBA-Papier zu „unterdrücken“. Es wird erwartet, dass die Töpfer-Kommission einen Ausstieg bis 2021 vorschlägt. Die CSU hatte sich am Wochenende für 2022 als Enddatum ausgesprochen.

Die UBA-Studie argumentiert, dass ein „vorgezogener Ausstieg“ ohne Gefahr von Strom-Blackouts möglich wäre. Die ältesten sieben AKW, die wegen des Moratoriums vom 15. März vom Netz genommen sind, und der seit zwei Jahren abgeschaltete Pannen-Reaktor Krümmel „können und sollen“ laut UBA „dauerhaft außer Betrieb gehen“. Dies sei „ohne Einschränkung der Versorgungssicherheit möglich“, da „ausreichend überschüssige Reservekapazitäten“ bestünden. Das Moratorium endet am 15. Juni. Das dem Röttgen-Ministerium unterstehende Amt schlägt vor, dann zu prüfen, „in welcher Reihenfolge die restlichen AKW zeitnah stillgelegt werden können“. Teilweise wird deren Kapazität laut UBA durch bereits im Bau befindliche Gas- und Kohlekraftwerke ersetzt.

Problem überlasteter Stromnetze wird entdramatisiert

Um den Ausstieg bis 2017 zu schaffen, müssten „höchstens“ Anlagen mit fünf Gigawatt Leistung hinzu gebaut werden. Zum Vergleich: Die 17 deutschen AKW haben 20 Gigawatt. Die Experten schlagen zwei Hauptsäulen vor: den schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien sowie den Bau von „flexiblen und hocheffizienten“ Erdgas-Kraftwerken. Neue Kohlekraftwerke mit schlechter CO2-Bilanz seien unnötig.

Das viel beschworene Problem durch die Energiewende angeblich überlasteter Stromnetze wird im UBA-Papier entdramatisiert. Neue Gas-Kraftwerke könnten „zur Netzstützung als Ersatz in den Regionen gebaut werden, in denen heute die Atomkraftwerke stehen“. Die Anlagen haben Planungs- und Bauzeiten von drei bis sechs Jahren – könnten also 2017 fertig sein.

Das UBA widerspricht auch dem Argument, das schnelle Abschalten der AKW torpediere die deutschen Klimaschutz-Pläne. Das Amt räumt zwar ein, dass durch den übergangsweise nötigen verstärkten Betrieb von Kohle- und Gaskraftwerken in diesen Anlagen mehr CO2 entsteht. Es verweist aber auf den EU-Emissionshandel, durch den der Gesamtausstoß an CO2 im Kraftwerks- und Industriesektor gedeckelt ist.


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Die Preise für CO2 -Zertifikate, die von Stromversorgern und der Industrie gekauft werden müssen, würden zwar steigen, aber nur „begrenzt“. Dem gewinnt das UBA sogar positive Aspekte ab: „Dies schafft zusätzliche ökonomische Anreize für Maßnahmen zur CO2-Minderung an anderer Stelle“.

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