Berlin. Die Gewalt unter Schülern in Deutschland ist eher rückläufig. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Danach ist etwa die Zahl meldepflichtiger "Rauf-Unfälle", bei denen ein Arzt verletzten Schülern helfen musste, zwischen 1997 und 2007 um 31,3 Prozent gesunken (siehe Grafik).
Institutsdirektor Christian Pfeiffer sagte, Gründe der überraschenden Ergebnisse seien der generelle Rückgang familiärer Gewalt und eine neue "Kultur des Hinschauens" an den Schulen. Auch gebe es eine höhere Bereitschaft, bei der Polizei Anzeige zu erstatten, was Gewalttäter abschrecke. Zudem habe auch die Akzeptanz von Gewalt unter den Schülern messbar abgenommen. Medienberichte über einen drastischen Anstieg der Jugendgewalt werden von den neuen Ergebnissen nicht gestützt, wie Pfeiffer sagte. Er stellte Ergebnisse gemeinsam mit Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) vor, dessen Behörde die Studie in Auftrag gegeben hatte.
Für das Forschungsprojekt "Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt" im Auftrag des Bundesinnenministeriums befragte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen im Jahr 2007/08 45 000 Schüler der neunten Klassen an 2000 Schulen in 61 zufällig ausgewählten Landkreisen. Zusätzlich befragt wurden 8000 Kinder, deren Antworten separat ausgewertet und im kommenden Herbst präsentiert werden sollen. Nach Angaben des Forschungsinstituts handelt es sich um die bisher größte Studie zur Jugendgewalt in Europa. Siehe: www.kfn.de
Jeder fünfte Täter filmt seine Tat
Mehr als drei Viertel der Jugendlichen hatten im Jahr vor der Befragung keine Gewalt erfahren. 4,8 Prozent gaben an, Raub oder Erpressung erlebt zu haben; 3,2 Prozent wurden verletzt und 1,6 Prozent Opfer schwerer Überfälle. 16,8 Prozent der Jugendlichen wurden schon mindestens einmal Opfer einer Gewalttat, am häufigsten durch einfache Körperverletzung (11,1 Prozent).
Ein Langzeitvergleich von acht Städten ergab, dass von 1998 bis heute die Quote der Jugendlichen, die im Jahr vor der Befragung mindestens eine Gewalttat begangen haben, in keiner Stadt gestiegen und zumeist sogar beträchtlich gesunken ist. Die Quote lag vor zehn Jahren zwischen 17,3 und 24,9 Prozent, in den Jahren 2005 bis 2008 aber nur noch zwischen 11,5 und 18,1 Prozent.
2,9 Prozent aller Jugendlichen verübten laut der Studie schwere Körperverletzungen. Neu dabei sei, dass jeder fünfte Täter seine Tat auch fotografiere oder filme, sagte Pfeiffer. Zudem sei Mobbing an Schulen ein "ernstzunehmendes Problem".
Die Tatsache, dass die Polizei eine steigende Jugendgewalt misst, steht den Forschern zufolge dazu nicht im Widerspruch. Vielmehr habe die Polizei an Schulen erfolgreich um Vertrauen geworben, was die Anzeigebereitschaft der jugendlichen Opfer gefördert habe.
Pfeiffer fasste die Studie in griffigen Thesen zusammen. Dazu gehört auch die Feststellung, dass laut den Berichten der Jugendlichen aus Opfer- und aus Tätersicht "Jugendliche mit Migrationshintergrund häufiger Gewalttaten begehen als deutsche Jugendliche". Diese Täter seien aber selbst auch stärker ausgeprägten "Belastungsfaktoren" ausgesetzt - beispielsweise "innerfamiliärer Gewalt" und "gewaltorientierten Männlichkeitsnormen".
Auch der Alkohol- und Drogenkonsum stelle einen "eigenständigen Risikofaktor" für Jugendgewalt dar. Allerdings falle der Alkohol- und Drogenkonsum "bei jungen Muslimen" schwächer aus.
Die Studie ist die erste, die einen Schultyp als mitverantwortlich für die Entstehung von Gewalt und Kriminalität identifiziert. Die Zusammenballung von Problemschülern an Haupt- und Förderschulen sei ein "eigener Wirkfaktor" bei der Herausbildung krimineller Karrieren, erklärte Pfeiffer. Die Gefahr, in delinquente Kreise zu geraten, sei dort um ein Vielfaches höher - und damit auch die Chance, dass sie abrutschten. "Der Faktor Nummer Eins bei der Entwicklung von Mehrfachtäterkarrieren ist ein delinquenter Freundeskreis." Die Pfeiffer-Studie stellt aber auch fest, dass "sich die Verbesserung von Bildungschancen präventiv auswirkt".
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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