Anders als die jüngsten Missbrauchsskandale vermuten lassen, sind sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahren seltener geworden. Das belegt eine groß angelegte Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, die am Dienstag in Berlin veröffentlicht wurde. „Entgegen aller Erwartungen geht der sexuelle Missbrauch drastisch zurück“, sagte der Leiter des Instituts, Christian Pfeiffer. Das Thema sei mehr in die Öffentlichkeit gerückt, die Opfer seien mutiger und die Abschreckung für die Täter größer geworden.
Anfang 2010 waren in Deutschland massenhaft Fälle von Kindesmissbrauch in Schulen und katholischen Einrichtungen ans Licht gekommen. In den Monaten darauf offenbarten immer mehr Opfer ihr zum Teil Jahrzehnte zurückliegendes Leid. Die Bundesregierung setzte einen Runden Tisch ein. Die Fachleute dort kümmerten sich um verschiedene Aspekte - unter anderem darum, die Forschung zum Thema voranzutreiben.
Auswertung noch nicht abgeschlossen
Bislang gab es in Deutschland nur eine repräsentative Befragung zu sexuellem Kindesmissbrauch. Die Untersuchung stammt aus dem Jahr 1992. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen wiederholte und erweiterte die Studie von damals nun - gefördert vom Bundesforschungsministerium. In den ersten fünf Monaten des Jahres wurden dazu mehr als 11.000 Menschen zwischen 16 und 40 Jahren befragt.
Die Auswertung ist noch nicht völlig abgeschlossen. Ende 2013 soll die gesamte Studie vorliegen. Veröffentlicht wurde nun jedoch ein erster Zwischenbericht, der sich auf die Angaben jener Befragten konzentriert, die vor ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal Opfer sexueller Übergriffe wurden.
6,4 Prozent der weiblichen Befragten gaben demnach an, dass sie in ihrer Kindheit oder Jugend solche Erfahrungen gemacht haben. Bei den männlichen Befragten waren es 1,3 Prozent. In der Vorgängerstudie von 1992 hatten 8,6 Prozent der Frauen von solchen Übergriffen in ihrer Kindheit und Jugend berichtet und 2,8 Prozent der Männer. Die Zahl der Missbrauchsfälle ist damit zurückgegangen.
Die Opfer gehen heute öfter zur Polizei
Als mögliche Gründe sehen die Forscher unter anderem eine gestiegene Bereitschaft von Missbrauchsopfern, die Täter anzuzeigen. „Während in den 80er Jahren im Durchschnitt nur etwa jeder zwölfte Täter damit rechnen musste, dass er zur Verantwortung gezogen wird, trifft es heute jeden dritten“, sagte Pfeiffer. Die Öffentlichkeit sei sensibler für das Thema geworden und die Prävention besser.
Die Täter sind laut Studie meist Männer aus der eigenen Familie oder dem Bekanntenkreis der Kinder und Jugendlichen. Nur in knapp jedem vierten Fall handelt es sich um einen Unbekannten. Tatorte sind oft das eigene Zuhause der Opfer oder die Wohnung des Täters.
Bei 8,6 Prozent der Frauen, die als Kind oder Jugendliche missbraucht wurden, war einer ihrer Lehrer der Täter. Ein Übergriff durch einen katholischen Priester wurde dagegen nur in einem einzigen Fall genannt.
Schritt zur Enttabuisierung
Bundesforschungsministerin Annette Schavan bezeichnete die Studie als weiteren Schritt zur Enttabuisierung des Themas und zu einer „Kultur des Hinsehens“. Auch in der Forschung sei etwas aufgebrochen. Die Zeiten, in denen sexueller Missbrauch ein „Schmuddelthema“ an den Universitäten gewesen sei, seien vorbei, sagte Schavan. Die Hochschulen hätten Interesse an dem Thema, nun müsse es dauerhaft in der Forschung etabliert werden.
Schavans Ministerium hat dazu neben der Studie weitere Forschungsprojekte angestoßen. Unter anderem sollen angehende Pädagogen und Ärzte schon im Studium für sexuellen Missbrauch sensibilisiert werden. Schavan sagte, künftig dürfe es keine Lehrer- oder Medizinerausbildung mehr geben, in der das Thema nicht vorkomme. (dapd)
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