Trotz weltweiter Ankündigungen und Pläne für den Bau neuer Atomkraftwerke steuert die Kernenergie auf einen Abwärtstrend zu. Die viel beschworene Renaissance der Atomenergie dürfte vor allem an einem "besorgniserregenden Defizit" an Fachpersonal, an "ernsten Engpässen bei den Industriekapazitäten" und einer sich abzeichnenden "Kosteneskalation" scheitern: Zu diesem Ergebnis kommt eine bisher unveröffentlichte Studie im Auftrag des Bundesumweltministeriums, die der Frankfurter Rundschau vorliegt.
In ihrem 130-seitigen "Weltstatusbericht Atomindustrie 2009" bilanziert eine internationale Autorengruppe um den Pariser Atomenergie-Experten Mycle Schneider: Selbst wenn man den Anteil des Atomstroms nur konstant halten wollte, müssten bis 2015 zusätzlich zu den offiziell im Bau befindlichen Reaktoren 47 neue Meiler geplant, gebaut und in Betrieb genommen werden.
Im folgenden Jahrzehnt müssten weitere 191 AKW hinzu kommen - eines alle 18 Tage, allein, um die Kapazität vom Netz gehender Meiler auszugleichen, wie die Experten in ihrem detaillierten Szenario vorrechnen . Das sei "kaum realistisch". Selbst wenn die Laufzeit von 52 US-Reaktoren auf - großzügig gerechnete - 60 Jahre verlängert würde, China seine 20 angekündigten Atommeiler wirklich baute und in Ost- und Westeuropa neue Reaktoren hinzukämen, sei es angesichts langer Planungsvorläufe "unmöglich", die Atomstromkapazität auf heutigem Stand zu halten oder gar zu erhöhen,urteilt die Studie.
Vor allem in den rund 50 potenziellen Newcomer-Staaten, die derzeit den Einstieg in die Atomkraft vorbereiten oder Interesse daran bekunden wie Marokko, Polen, Malaysia oder Brasilien, dürfte die strahlende Zukunft auf absehbare Zeit hochfliegender Traum bleiben.
Keiner dieser "Anfängerstaaten" verfüge in den nächsten 15 Jahren über die erforderlichen technischen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für ein ziviles Atomprogramm. Nicht nur das Fachpersonal für Betrieb und Aufsicht der Meiler fehle vielen Neueinsteigern - oft gebe es nicht einmal die nötigen Stromnetze.
Aber auch alte "AKW-Profis" wie Frankreich und die USA stoßen an ihre Grenzen. Weltweit nämlich gehen die Baby-Boomer der Atomtechnik in Rente. Allein beim größten AKW-Betreiber, der französischen EDF, verabschieden sich bis Mitte des kommenden Jahrzehnts 40 Prozent des Personals in Ruhestand. Und der Nachwuchs macht sich rar. Einem Bedarf von 1500 Fachingenieuren stehen gerade mal 300 Studienabsolventen gegenüber. In den USA, so klagt die dortige Energiewirtschaft, wolle zudem nur jeder vierte frisch Diplomierte mit Nuklear-Know-How in einem Atomkraftwerk anheuern.
Auch bei den industriellen Ressourcen gebe es zumindest kurzfristig "ernsthafte Engpässe", die die Atom-Renaissance ausbremsen, bilanziert die Studie. Derzeit könne nur ein einziges japanisches Unternehmen die Teile für Reaktordruckbehälter fertigen.
Vor allem ungeahnte Preisexplosionen könnten viele der weltweit angekündigten AKW-Projekte in Altpapier verwandeln. Die Kostensteigerungen, die sich derzeit in Finnland beim Bau des EU- Vorzeigereaktors Olkiluoto abzeichnen, sind offenbar weltweit Trend. Der Preis pro Kilowattstunde Atomstrom sei von 2000 auf 4000 US-Dollar geschnellt, warnte jüngst das Massachusetts Institute für Technology.
Ohne Milliarden-Staatsbürgschaften und direkte oder verkappte Subventionen, die auf die Stromkunden umgelegt werden müssen, sei der Neubau von Atommeilern in keinem Land zu machen, urteilt der Bericht.
Dessen Auftraggeber, Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD), sieht in der Studie den Beleg, dass "Atomkraft als Stromlieferant weltweit immer unwichtiger wird". Ressourcen, Ingenieurleistungen und Kapital "reichten nicht einmal aus, den Abwärtstrend aufzuhalten, geschweige denn, die Zahl der Reaktoren zu vergrößern", sagte Gabriel der Frankfurter Rundschau. "Die von den Propagandisten der Atomenergie immer wieder behauptete Renaissance der Atomenergie findet gar nicht statt, es gibt allenfalls eine Renaissance der Ankündigungen."
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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