kalaydo.de Anzeigen

Reportage aus dem Schlosspark: Stuttgart im Ausnahmezustand

"Verbrecherbande!" "Barbaren!" - Vielstimmiges Wutgeheul mischt sich mit der Trillerpfeifen-Orgie. Es ist ein Uhr nachts, und der Kampf ist verloren. Fast alle sind außer sich vor Zorn. Reaktionen im S21-Ticker.

Ich bin friedlich
"Ich bin friedlich" hat sich eine Demonstrantin in Stuttgart auf die Wangen schreiben lassen.
Foto: dapd

Ein paar Leute stehen auch nur stumm da, mit traurigem Gesicht. Sie bringen keine Worte hervor. Sie können es nicht fassen. Soeben haben zwei Arbeiter mit Motorsägen den ersten Baum im Stuttgarter Schlosspark flachgelegt. Es geht ruck zuck, und schon kippt die Kastanie seitlich weg. Da sind Profis am Werk. Drei gelbe Bagger rücken an, ein riesiger Greifarm packt den Stamm und hebt ihn weg. Es knackt und ächzt. Die Männer und ihre Maschinen machen Kleinholz aus den Hoffnungen der Protestierer, die mächtigen Bäume im Schlosspark neben dem Hauptbahnhof doch noch retten zu können. „Aufhören, aufhören“, skandieren die Prostierer.

Die Stuttgarter Landesregierung hat ihre Ankündigung wahrgemacht, ab 1.Oktober mit den Rodungen zu beginnen. Nur knapp eine Stunde nach Mitternacht, genau um 0.58 Uhr.
Die Szenerie ist gespenstisch. Der Schlosspark, die „gute Stube“ der baden-württembergischen Landeshauptstadt, wo die Stuttgarter sonst bei gutem Wetter chillen und flanieren, wird von Flutlicht auf hohen Masten erhellt. Ein Teil des Geländes ist abgesperrt, und hinter den mobilen Zäunen formiert sich ein massives Polizeiaufgebot. Rund um die Sperren stehen tausende Demonstranten, vorne Auge in Auge mit den Polizisten. „Das ist ja wie bei der Startbahn West“, sagt ein Grauhaariger. Nur eben 30 Jahre später. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das nochmal erlebe.“

Die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten waren am Donnerstag in einer Weise eskaliert, wie es kaum jemand erwartete. Polizeikräfte hatten den Schlossgarten mit Wasserwerfern, Tränengas und Pfefferspray geräumt. Es gab viele Verletzte. „Bulldozerpolitik“ sei das, eine zynische „Demonstration der Macht“, kritisierte die Opposition im Landtag. „Es ist schon Wahnsinn, was die hier alles angefordert haben“, sagt auch eine Polizistin aus Nordrhein-Westfalen, die vorne am Zaun Dienst tut – und ihren Helm hochgeklappt hat, um mit den Demonstranten zu sprechen. Man hört viele fremde Dialekte. Ein Großteil der Hundertschaften kommt aus anderen Bundesländern.

Wasserwerfer gegen S21-Gegner

Bildergalerie ( 30 Bilder )

Nach der Gewaltorgie tagsüber hat sich die Lage am Abend etwas beruhigt. Musik schallt durch den Park, es wird getrommelt, hunderte von Kerzenlichtern am Boden zwischen den Bäumen außerhalb der Absperrung schaffen eine fast romantische Atmosphäre. Wenn man nicht so genau hinschaut. Es sind nämlich Grablichter. Gegen acht Uhr am Donnerstagabend „pflücken“ Einsatzkräfte mit Hubwagen Demonstranten aus den Bäumen, die dort stundenlang ausgeharrt haben. Danach dauert es dauert noch fünf Stunden, bis die ersten Bäume fallen.
Die Protestierer sind die inzwischen bekannte Stuttgarter Mischung aus Gutbürgerlichen, auch viele ältere Menschen, Grün-Wählern und ganz junge Leuten. Auch junges Volksfestpublikum von den Cannstatter Wasen mischt sich darunter, je später es wird. Einige sind deutlich alkoholisiert, aber sie bestimmen die Szene nicht. Vereinzelt sind auch Leute unter den Demonstranten, denen man nicht in jeder Lebenslage gerne begegnen würde. Aber von den „Berufsdemonstranten“, die Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) anrückten wähnte, ist wenig zu sehen. Der „schwarze Block“ ist zuhause geblieben.

Trotzdem beginnt schon bald der Kampf um die Deutungshoheit über den Protest. „Friedlicher Protest“ sei doch „etwas anderes“, sagt ein Polizeisprecher freitagfrüh. In der Nacht seien immer wieder Flaschen und aufgesammelte Kastanien in Richtung Polizei geworfen worden. Mehrfach hätten Vermummte versucht, über die Absperrungen zu klettern. Dagegen habe die Polizei Pfefferspray eingesetzt. Der SPD-Politiker Peter Friedrich, der auch in den Schlossgarten gekommen ist, hat eine ganz andere Wahrnehmung: „Die Demonstranten reagieren verantwortungsbewusster als diejenigen, die dieses Szenario hier zu verantworten haben“, sagt der Generalsekretär der Landespartei. Die hiesige SPD hatte Stuttgart 21 bis vor kurzem noch unterstützt. Jetzt allerdings befürwortet auch sie einen Volksentscheid darüber.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wünschte sich, "dass solche Demonstrationen friedlich verlaufen. Das muss immer versucht werden und alles muss vermieden werden, was zu Gewalt führen kann." Die Kanzlerin verteidigte das Bahnprojekt erneut als sinnvoll und richtig. Wer mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene bringen und die Logistik modernisieren wolle, der müsse auch zu den dafür notwendigen Maßnahmen bereit sein.

Die baden-württembergische Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) kritisiert das Vorgehen der Demonstranten. Sie sagte am Freitag im Deutschlandfunk, man werde „nachdenklich, wenn man Baustellen für Zukunftsprojekte derartig absichern“ müsse. So hätten Schüler einen Polizeiwagen besetzt. Die Ministerin deutete an, dass Demonstranten Kinder „bewusst nach vorne geschoben“ hätten. „Ich bin mir nicht sicher, ob man das als friedlich bezeichnen kann.“

Einen Baustopp schloss Gönner erneut aus. Das Projekt stehe für die Zukunftsfähigkeit Baden-Württembergs und des ganzen Landes. „Wir sind bereit, dafür auch in die Opposition zu gehen“, sagte die CDU- Politikerin mit Blick auf die Landtagswahl im kommenden März.

Grünen-Chef Cem Özdemir sagte, die Gewalt sei von der baden-württembergischen Landesregierung ausgegangen. Innenminister Heribert Rech (CDU) habe „auf skandalöse Weise ältere Damen, Jugendliche, die friedlich demonstrieren, und Mütter zusammenprügeln“ lassen, sagte Özdemir im ARD-„Morgenmagazin“. „Ich appelliere an die Landesregierung, zurückzukehren zu vernünftigen Umgangsformen.“

Nächste Demo: Freitag, 19 Uhr

Das Gros der Demonstranten harrt bis drei Uhr aus. Danach bleiben noch ein paar Hundert bis zum Morgen. Kleine Gruppen blockieren immer mal wieder Straßen rund um den Hauptbahnhof, Polizeiwagen fahren mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nacht. Die Holz-Häcksler knacken unentwegt. Stuttgart ist im Ausnahmezustand.

Bis am Nachmittag, 16 Uhr, sollen die erste Fäll-Arbeiten abgeschlossen sein. Dann sind die 22 Bäume weg, die der Grundwasser-Aufbereitungsanlage für das Milliardenprojekt im Weg stehen. Für 19 Uhr ist im Park die nächste Demo gegen Stuttgart 21 angesetzt. (mit Agenturen)

S21-Ticker
17:08 Uhr - Volkszorn organisiert sich im Netz

Der Zorn über Stuttgart 21 bricht sich auch im Netz Bahn. Auf Twitter, Facebook und in diversen Blogs wird seit Tagen kommentiert und informiert. Dort machen die Menschen ihrem Unmut über das Milliarden-Bahnprojekt Luft, verlinken Videos vom harten Einsatz der Polizei und rufen zu weiteren Protesten in vielen deutschen Städten auf. Manche suchen im Netz sogar nach Mitfahrgelegenheiten zu den Demonstrationen.
„Wir wollen, dass Bilder unzensiert ins Netz kommen und für jeden zu sehen sind“, sagt Tilo Emmert. Der 39-Jährige betreibt seit einer Woche die Website CamS21.de. Gegner des Bauprojekts schicken ihm ihre Videos von den Demos, die er dann auf seine Seite stellt. Am Mittwoch zählte er knapp 20.000 Besucher. „Sie waren live dabei, als die Wasserwerfer der Polizei sich ihren Weg durch die Menge bahnten.“
Hinter CamS21 stehen acht Privatleute, die sich untereinander nicht einmal alle kennen. „Die Berichterstattung der letzten Wochen über Stuttgart 21 war gefühlt zensiert“, so begründet Emmert ihr Engagement. Auf Twitter hatte er seine Idee bekanntgemacht. Emmert filmt auch selbst mit der Webcam seines Laptops, gehüllt in eine Plastiktüte. „Resonanz? Ist gut“, sagt er. Die Kommentare im Netz zeigen: „Die Menschen fühlen Trauer, Wut, Hilfslosigkeit und Ohnmacht.“ Es gehe schon lange nicht mehr nur um das Projekt. „Den Menschen wird nicht zugehört, dass macht sie furchtbar wütend.“


„Bilder wie aus dem Iran“, schreibt ein Nutzer namens okflo auf Twitter. Diesen Vergleich findet Emmert unpassend. „Das hier ist etwas ganz anderes. Bei uns geht es nicht um Leben und Tod, uns geht es um Demokratie“, sagt er. „Vielleicht erinnern die Bilder aus Stuttgart an die aus dem Iran, aber sie sind ganz anders motiviert.“Das Internet dient den Protestierenden auch als Organisationsplattform. „Kommt in den schlosspark - jetzt oder nie!“, schreibt zum Beispiel ein Nutzer namens aleks_be auf Twitter. „Aber nicht alle sind aktivierbar. Bei den Aktionen kann man nur mit einem Bruchteil von ihnen rechnen“, warnt Fritz Milert vom Blog bei-abriss- aufstand.de, an dem rund 20 Autoren beteiligt sind. „Ohne das Netz wären wir aber längst nicht so schnell“, sagt der 31-Jährige. Auf seinem Blog werden Infos über geplante Aktionen verbreitet. Schon Gerüchte landen auf der Seite, werden aber auch als solche markiert.
Die Protestseite www.parkschuetzer.de zählte allein im September 250.000 Besucher, sagte Webmaster Manuel Haeckel (26). 28 000 von ihnen haben sich als dort als „Parkschützer“ registriert. In brenzligen Situationen, wie etwa am Donnerstag im Schlosspark, wird ein Teil von ihnen auch per Kurznachricht benachrichtigt. „Wenn wir sie über SMS informieren, reagieren die Leute ziemlich schnell“, sagt Haeckel. Rund 6000 Menschen stehen in seinem SMS-Verteiler.
Die Solidarität im Netz scheint groß zu sein. Unter dem Stichwort „#S21“ finden sich auf Twitter zahllose Kommentare. So schreibt etwa JohnnyThan: „Wir stehen mit dem Herzen hinter euch ... Dank Live Cam und #Twitter folgen wir euch.“ Einige wenige Twitterer sehen das allerdings anders, etwa Salzig2010: „Ich kann das Mitleidsgetue der s21-Gegner nicht mehr hören!!!!“, schreibt er. „Ihr seid so arm dran.... ja, aber ihr seid selbst dran Schuld!!!!“ (dpa)

Website der Parkschützer

Protest-Website

Livecams

Autor:  Joachim Wille
Datum:  1 | 10 | 2010
Kommentare:  96
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Zeitgeschichte

Deutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Die FR beschreibt das Land anhand der Lebensgeschichten ihrer Einwohner.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!