Ein paar Leute stehen auch nur stumm da, mit traurigem Gesicht. Sie bringen keine Worte hervor. Sie können es nicht fassen. Soeben haben zwei Arbeiter mit Motorsägen den ersten Baum im Stuttgarter Schlosspark flachgelegt. Es geht ruck zuck, und schon kippt die Kastanie seitlich weg. Da sind Profis am Werk. Drei gelbe Bagger rücken an, ein riesiger Greifarm packt den Stamm und hebt ihn weg. Es knackt und ächzt. Die Männer und ihre Maschinen machen Kleinholz aus den Hoffnungen der Protestierer, die mächtigen Bäume im Schlosspark neben dem Hauptbahnhof doch noch retten zu können. „Aufhören, aufhören“, skandieren die Prostierer.
Die Stuttgarter Landesregierung hat ihre Ankündigung wahrgemacht, ab 1.Oktober mit den Rodungen zu beginnen. Nur knapp eine Stunde nach Mitternacht, genau um 0.58 Uhr.
Die Szenerie ist gespenstisch. Der Schlosspark, die „gute Stube“ der baden-württembergischen Landeshauptstadt, wo die Stuttgarter sonst bei gutem Wetter chillen und flanieren, wird von Flutlicht auf hohen Masten erhellt. Ein Teil des Geländes ist abgesperrt, und hinter den mobilen Zäunen formiert sich ein massives Polizeiaufgebot. Rund um die Sperren stehen tausende Demonstranten, vorne Auge in Auge mit den Polizisten. „Das ist ja wie bei der Startbahn West“, sagt ein Grauhaariger. Nur eben 30 Jahre später. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das nochmal erlebe.“
Die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten waren am Donnerstag in einer Weise eskaliert, wie es kaum jemand erwartete. Polizeikräfte hatten den Schlossgarten mit Wasserwerfern, Tränengas und Pfefferspray geräumt. Es gab viele Verletzte. „Bulldozerpolitik“ sei das, eine zynische „Demonstration der Macht“, kritisierte die Opposition im Landtag. „Es ist schon Wahnsinn, was die hier alles angefordert haben“, sagt auch eine Polizistin aus Nordrhein-Westfalen, die vorne am Zaun Dienst tut – und ihren Helm hochgeklappt hat, um mit den Demonstranten zu sprechen. Man hört viele fremde Dialekte. Ein Großteil der Hundertschaften kommt aus anderen Bundesländern.
Nach der Gewaltorgie tagsüber hat sich die Lage am Abend etwas beruhigt. Musik schallt durch den Park, es wird getrommelt, hunderte von Kerzenlichtern am Boden zwischen den Bäumen außerhalb der Absperrung schaffen eine fast romantische Atmosphäre. Wenn man nicht so genau hinschaut. Es sind nämlich Grablichter. Gegen acht Uhr am Donnerstagabend „pflücken“ Einsatzkräfte mit Hubwagen Demonstranten aus den Bäumen, die dort stundenlang ausgeharrt haben. Danach dauert es dauert noch fünf Stunden, bis die ersten Bäume fallen.
Die Protestierer sind die inzwischen bekannte Stuttgarter Mischung aus Gutbürgerlichen, auch viele ältere Menschen, Grün-Wählern und ganz junge Leuten. Auch junges Volksfestpublikum von den Cannstatter Wasen mischt sich darunter, je später es wird. Einige sind deutlich alkoholisiert, aber sie bestimmen die Szene nicht. Vereinzelt sind auch Leute unter den Demonstranten, denen man nicht in jeder Lebenslage gerne begegnen würde. Aber von den „Berufsdemonstranten“, die Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) anrückten wähnte, ist wenig zu sehen. Der „schwarze Block“ ist zuhause geblieben.
Trotzdem beginnt schon bald der Kampf um die Deutungshoheit über den Protest. „Friedlicher Protest“ sei doch „etwas anderes“, sagt ein Polizeisprecher freitagfrüh. In der Nacht seien immer wieder Flaschen und aufgesammelte Kastanien in Richtung Polizei geworfen worden. Mehrfach hätten Vermummte versucht, über die Absperrungen zu klettern. Dagegen habe die Polizei Pfefferspray eingesetzt. Der SPD-Politiker Peter Friedrich, der auch in den Schlossgarten gekommen ist, hat eine ganz andere Wahrnehmung: „Die Demonstranten reagieren verantwortungsbewusster als diejenigen, die dieses Szenario hier zu verantworten haben“, sagt der Generalsekretär der Landespartei. Die hiesige SPD hatte Stuttgart 21 bis vor kurzem noch unterstützt. Jetzt allerdings befürwortet auch sie einen Volksentscheid darüber.
Bundeskanzlerin Angela Merkel wünschte sich, "dass solche Demonstrationen friedlich verlaufen. Das muss immer versucht werden und alles muss vermieden werden, was zu Gewalt führen kann." Die Kanzlerin verteidigte das Bahnprojekt erneut als sinnvoll und richtig. Wer mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene bringen und die Logistik modernisieren wolle, der müsse auch zu den dafür notwendigen Maßnahmen bereit sein.
Die baden-württembergische Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) kritisiert das Vorgehen der Demonstranten. Sie sagte am Freitag im Deutschlandfunk, man werde „nachdenklich, wenn man Baustellen für Zukunftsprojekte derartig absichern“ müsse. So hätten Schüler einen Polizeiwagen besetzt. Die Ministerin deutete an, dass Demonstranten Kinder „bewusst nach vorne geschoben“ hätten. „Ich bin mir nicht sicher, ob man das als friedlich bezeichnen kann.“
Einen Baustopp schloss Gönner erneut aus. Das Projekt stehe für die Zukunftsfähigkeit Baden-Württembergs und des ganzen Landes. „Wir sind bereit, dafür auch in die Opposition zu gehen“, sagte die CDU- Politikerin mit Blick auf die Landtagswahl im kommenden März.
Grünen-Chef Cem Özdemir sagte, die Gewalt sei von der baden-württembergischen Landesregierung ausgegangen. Innenminister Heribert Rech (CDU) habe „auf skandalöse Weise ältere Damen, Jugendliche, die friedlich demonstrieren, und Mütter zusammenprügeln“ lassen, sagte Özdemir im ARD-„Morgenmagazin“. „Ich appelliere an die Landesregierung, zurückzukehren zu vernünftigen Umgangsformen.“
Nächste Demo: Freitag, 19 Uhr
Das Gros der Demonstranten harrt bis drei Uhr aus. Danach bleiben noch ein paar Hundert bis zum Morgen. Kleine Gruppen blockieren immer mal wieder Straßen rund um den Hauptbahnhof, Polizeiwagen fahren mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nacht. Die Holz-Häcksler knacken unentwegt. Stuttgart ist im Ausnahmezustand.
Bis am Nachmittag, 16 Uhr, sollen die erste Fäll-Arbeiten abgeschlossen sein. Dann sind die 22 Bäume weg, die der Grundwasser-Aufbereitungsanlage für das Milliardenprojekt im Weg stehen. Für 19 Uhr ist im Park die nächste Demo gegen Stuttgart 21 angesetzt. (mit Agenturen)
Der Zorn über Stuttgart 21 bricht sich auch im Netz Bahn. Auf Twitter, Facebook und in diversen Blogs wird seit Tagen kommentiert und informiert. Dort machen die Menschen ihrem Unmut über das Milliarden-Bahnprojekt Luft, verlinken Videos vom harten Einsatz der Polizei und rufen zu weiteren Protesten in vielen deutschen Städten auf. Manche suchen im Netz sogar nach Mitfahrgelegenheiten zu den Demonstrationen.
„Wir wollen, dass Bilder unzensiert ins Netz kommen und für jeden zu sehen sind“, sagt Tilo Emmert. Der 39-Jährige betreibt seit einer Woche die Website CamS21.de. Gegner des Bauprojekts schicken ihm ihre Videos von den Demos, die er dann auf seine Seite stellt. Am Mittwoch zählte er knapp 20.000 Besucher. „Sie waren live dabei, als die Wasserwerfer der Polizei sich ihren Weg durch die Menge bahnten.“
Hinter CamS21 stehen acht Privatleute, die sich untereinander nicht einmal alle kennen. „Die Berichterstattung der letzten Wochen über Stuttgart 21 war gefühlt zensiert“, so begründet Emmert ihr Engagement. Auf Twitter hatte er seine Idee bekanntgemacht. Emmert filmt auch selbst mit der Webcam seines Laptops, gehüllt in eine Plastiktüte. „Resonanz? Ist gut“, sagt er. Die Kommentare im Netz zeigen: „Die Menschen fühlen Trauer, Wut, Hilfslosigkeit und Ohnmacht.“ Es gehe schon lange nicht mehr nur um das Projekt. „Den Menschen wird nicht zugehört, dass macht sie furchtbar wütend.“
„Bilder wie aus dem Iran“, schreibt ein Nutzer namens okflo auf Twitter. Diesen Vergleich findet Emmert unpassend. „Das hier ist etwas ganz anderes. Bei uns geht es nicht um Leben und Tod, uns geht es um Demokratie“, sagt er. „Vielleicht erinnern die Bilder aus Stuttgart an die aus dem Iran, aber sie sind ganz anders motiviert.“Das Internet dient den Protestierenden auch als Organisationsplattform. „Kommt in den schlosspark - jetzt oder nie!“, schreibt zum Beispiel ein Nutzer namens aleks_be auf Twitter. „Aber nicht alle sind aktivierbar. Bei den Aktionen kann man nur mit einem Bruchteil von ihnen rechnen“, warnt Fritz Milert vom Blog bei-abriss- aufstand.de, an dem rund 20 Autoren beteiligt sind. „Ohne das Netz wären wir aber längst nicht so schnell“, sagt der 31-Jährige. Auf seinem Blog werden Infos über geplante Aktionen verbreitet. Schon Gerüchte landen auf der Seite, werden aber auch als solche markiert.
Die Protestseite www.parkschuetzer.de zählte allein im September 250.000 Besucher, sagte Webmaster Manuel Haeckel (26). 28 000 von ihnen haben sich als dort als „Parkschützer“ registriert. In brenzligen Situationen, wie etwa am Donnerstag im Schlosspark, wird ein Teil von ihnen auch per Kurznachricht benachrichtigt. „Wenn wir sie über SMS informieren, reagieren die Leute ziemlich schnell“, sagt Haeckel. Rund 6000 Menschen stehen in seinem SMS-Verteiler.
Die Solidarität im Netz scheint groß zu sein. Unter dem Stichwort „#S21“ finden sich auf Twitter zahllose Kommentare. So schreibt etwa JohnnyThan: „Wir stehen mit dem Herzen hinter euch ... Dank Live Cam und #Twitter folgen wir euch.“ Einige wenige Twitterer sehen das allerdings anders, etwa Salzig2010: „Ich kann das Mitleidsgetue der s21-Gegner nicht mehr hören!!!!“, schreibt er. „Ihr seid so arm dran.... ja, aber ihr seid selbst dran Schuld!!!!“ (dpa)
Website der Parkschützer
Der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, sieht die Polizisten als Leidtragende des Konflikts um „Stuttgart 21„: „Wir fühlen uns ohne Zweifel zwischen zwei politischen Lagern und müssen sozusagen als Puffer den Kopf hinhalten“, sagte Freiberg der „Stuttgarter Zeitung“ (Samstagausgabe). „Die Politik muss die Konflikte lösen, nicht die Polizei.“ Die baden-württembergische Landesregierung dürfe nicht nur auf die Durchsetzung ihrer Ziele durch die Polizei setzen, sondern müsse auf eine Gesprächsebene kommen.
Das harte Vorgehen der Einsatzkräfte am Donnerstag hält der GdP-Chef dennoch für angemessen. Die Beamten seien über Stunden aggressiv angegangen worden. „Da wollten Jugendliche die Gitter von Polizeifahrzeugen herunterreißen“, sagte Freiberg. Andere junge Menschen hätten sich vor Wasserwerfer geworfen oder „Inszenierungen“ von angeblichen Reizgasverletzungen vorgeführt.
Als Belastung bezeichnete er die personelle Unterbesetzung der Polizei. Allein an diesem Wochenende seien Großeinsätze nicht nur in Stuttgart, sondern auch in Gorleben, bei den Einheitsfeierlichkeiten in Bremen, bei NPD-Aktionen und Fußballspielen nötig.
Am Donnerstag war es bei den seit Wochen andauernden Protesten gegen „Stuttgart 21“ zur Eskalation gekommen. Nach Behördenangaben wurden 130 Demonstranten beim Polizei-Einsatz von Wasserwerfern und Pfefferspray verletzt. Nach Angaben der Protestierer gab es weitere 280 Verletzte, die von Sanitätern der Demonstranten behandelt wurden. Auch sechs Polizisten erlitten Verletzungen. (afp)
In Mainz haben am Freitagnachmittag rund 100 Menschen gegen das umstrittene Bahnprojekt „Stuttgart 21“ protestiert. Der Sprecher des Grünen-Landesverbands, Daniel Köbler, kritisierte insbesondere den „brutalen Polizeieinsatz“ in Stuttgart am Donnerstag. Er warf der baden-württembergischen Landesregierung vor, friedliche Demonstranten einschüchtern zu wollen. Zwischenfälle gab es während der halbstündigen Veranstaltung vor dem Mainzer Hauptbahnhof nicht. Der Bundesvorstand der Grünen hatte zu bundesweiten Protesten gegen „Stuttgart 21“ aufgerufen. (dapd)
Nach dem massiven Polizeieinsatz gegen Gegner des umstrittenen Bahnprojekts „Stuttgart 21“ ernten die baden-württembergische Landesregierung und die Bundesregierung scharfe Kritik. „Niemand versteht, wenn Sondereinsatzkommandos mit Schlagstöcken auf Jugendliche und Rentner losgehen“, erklärte SPD-Parlamentsgeschäftsführer Thomas Oppermann am Freitag in Berlin. Dieses Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten in Stuttgart sei „für unsere Demokratie unwürdig“. Der Bundesregierung warf Oppermann vor, einer Bundestagsdebatte über die Proteste in Stuttgart ausgewichen zu sein.
Grünen-Fraktionschefin Renate Künast wies die Kritik an den Demonstranten gegen „Stuttgart 21“ zurück. „Hier wird versucht, aus braven, demokratietreuen Bürgern Kriminelle zu machen“, sagte sie in Berlin. Sie sei hingegen „begeistert über diesen zivilen Ungehorsam“ der Demonstranten. Die Verantwortung für die Eskalation des Polizeieinsatzes trage die Regierung in Baden-Württemberg.
Grünen-Chef Cem Özdemir kritisierte den Appell von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an die Gegner von „Stuttgart 21“, gewaltfrei zu demonstrieren. „Frau Merkel hat offensichtlich die Bilder von gestern Abend nicht gesehen“, sagte er. Statt an die Demonstranten hätte sie ihren Appell an die Landesregierung und die Polizei richten müssen.
Der grüne Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann, der nach eigenen Angaben während der Proteste vor Ort war, erklärte, das Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten sei „an Brutalität und Rücksichtslosigkeit nicht zu überbieten“. Die Verantwortung liege allerdings zuallererst beim baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus und beim Landesinnenminister Heribert Rech (beide CDU), die offenbar bereit seien, „mit Hilfe der Polizei ihre Interessen durchzuprügeln“.
Besorgt über das gewaltsame Vorgehen der Polizei, die am Donnerstag und in der Nacht zu Freitag Wasserwerfer und Reizgas gegen die Demonstranten eingesetzt hatte, äußerte sich auch der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU). „Das ist das Gegenteil von dem, was wir erreichen wollten“, sagte er in Berlin. Nun müsse geklärt werden, wer der Polizei welche Anweisungen erteilt habe und wie es zu der Eskalation kommen konnte. Derzeit könne nicht abschließend beurteilt werden, ob das Prinzip der Verhältnismäßigkeit gewahrt worden sei.
CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe wies die Kritik der Grünen an der Bundesregierung als „schäbig“ und „völlig verantwortungslos“ zurück. Er rief die grüne Parteiführung auf, „die Situation in Stuttgart nicht weiter aufzuheizen“. (afp)
Der Vermittler zwischen Gegnern und Befürwortern des umstrittenen Bahnprojekts „Stuttgart 21“, der Stuttgarter Stadtdekan Michael Brock, hat den Polizeieinsatz vom Donnerstag scharf kritisiert. Er selbst sei bei den Protesten gewesen und die überwiegende Zahl der Demonstranten habe sich friedlich verhalten, sagte Brock, der in der vergangenen Woche bei einem Sondierungsgespräch zwischen beiden Seiten als Vermittler eingesetzt wurde, am Freitag auf dapd-Anfrage.
Die Aktion der Einsatzkräfte, mit Wasserwerfern und Pfefferspray gegen die Demonstranten vorzugehen, sei ein „falsches Signal“ an die Bevölkerung. Es sei eine „Machtdemonstration der Polizei“ gewesen. Brock warnte jedoch davor, sich nun gegenseitig die Schuld zuzuweisen.
Darüber hinaus kritisierte der Stadtdekan, dass es im Vorfeld der Demonstration kein Gespräch zwischen den Gegnern von „Stuttgart 21“ und den Befürwortern gegeben habe. Zukünftig dürfe es keinen Baufortschritt ohne vorherige Gespräche mit den Gegnern und umgekehrt keine Demonstrationen ohne Gespräche mit den Projekt-Befürwortern geben, forderte er. Ansonsten drohe die Demokratie in der Stadt zu zerbrechen. (dapd)
„Wir Grüne demonstrieren überall im Land, um den Menschen in Stuttgart unsere Solidarität zu bekunden und deutlich zu machen, dass wir an der Seite derer stehen, die gegen S21 sind, die für eine andere Bahnpolitik einstehen und ihr Recht auf friedlichen Protest geltend machen wollen“, erklärten die Parteivorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir am Freitag in Berlin.
Das „brachiale und äußerst brutale Vorgehen der Polizei“ gegen friedliche Demonstranten, sei „durch nichts zu rechtfertigen“. Die beiden Grünen-Chefs bezeichneten es als offenkundig, „dass die baden-württembergische Landesregierung bestrebt ist, Tausende von Demonstranten, die seit Monaten friedlich Widerstand leisten, durch eine Strategie der Einschüchterung und Kriminalisierung zu diskreditieren“.
Roth und Özdemir kritisierten in dem Zusammenhang auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Es sei „ein bemerkenswerter Vorgang“, dass neben dem baden-württembergischen Innenminister Heribert Rech (CDU) auch die Kanzlerin sowie CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe das Vorgehen der Polizei „ohne Wenn und Aber“ verteidigten und zugleich versuchten, „die friedlich demonstrierenden Menschen zu kriminalisieren“.
Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, versicherte, dass sich ihre Fraktion dafür einsetzen werde, den Polizeieinsatz „in allen Details“ aufzuklären. Nachdem die Grünen am Morgen damit gescheitert waren, das Thema auf die Tagesordnung des Bundestags zu hieven, habe die Fraktion nun eine aktuelle Stunde im Bundestag vereinbart. Den Vertretern der Koalition warf sie vor, sie hätten versucht, „aus braven, demokratisch gesonnenen schwäbischen Bürgerinnen und Bürgern Kriminelle zu machen“. (dapd)
Angesichts des gewaltsamen Vorgehens gegen „Stuttgart 21“-Demonstranten droht der Fraktionschef der Linken im Bundestag, Gregor Gysi, mit der Einsetzung eines Untersuchungsausschusses. Er wolle wissen, wer die Strategieänderung gegenüber den Protestierern veranlasst habe, sagte Gysi am Freitag in Berlin.
Zunächst solle abgewartet werden, ob der Vorfall im Innenausschuss des Bundestags aufgeklärt werden könne. Andernfalls behalte sich die Linke vor, einen Untersuchungsausschuss zu beantragen. Die Zuständigkeit des Bundes leitete er unter anderem daraus ab, dass die Bahn in Händen des Bundes sei und zudem auch die Bundespolizei an dem Einsatz beteiligt gewesen sei.
Gysi warf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Untätigkeit vor. Er erinnerte an die Äußerungen der Kanzlerin, dass die Landtagswahl in Baden-Württemberg im kommenden Jahr eine Abstimmung über das umstrittene Projekt sein solle. Wenn sie sich selber ernst nehme, müsse sie einen Baustopp durchsetzen, sagte Gysi und fügte hinzu: „Denn wenn es ein Volksentscheid sein soll, muss auch noch was zu entscheiden sein.“
Zugleich forderte Gysi den Rücktritt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten, Stefan Mappus, sowie des Innenministers, Heribert Rech (beide CDU). „Was hier passiert, das ist nicht hinnehmbar“, konstatierte er. (dapd)
Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) hat im Konflikt um das Bahnprojekt Stuttgart 21 alle Beteiligten zur Abrüstung aufgerufen. „Die Bilder von gestern dürfen sich nicht wiederholen“, sagte Mappus am Freitag in Stuttgart. Zugleich verteidigte er das gewaltsame Vorgehen der Polizei. „Ich stelle mich hinter unsere Beamtinnen und Beamten.“ Die Polizisten seien von Demonstranten mit Flaschen beworfen worden. „Auf eine solche Situation mussten die Beamten reagieren.“ Der CDU-Politiker bedauerte aber, „das ein solches Vorgehen notwendig geworden ist“. Er rief die Projektgegner auf, sich mit den Befürwortern an einen Tisch zu setzen. „Wir brauchen in dieser schwierigen Situation Gesprächsbereitschaft und Gesprächsfähigkeit.“ (dpa)
Nach der Eskalation der Auseinandersetzungen um das Bahnprojekt „Stuttgart 21“ hat der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) angekündigt, die Ursachen der Gewalt gründlich aufzuklären. Rech sagte am Freitag in Stuttgart: „Es bleibt hier nichts unaufgeklärt„“. Er fügte zugleich hinzu, dass aber nur Demonstranten verletzt worden seien, die „unmittelbar auf Konfrontationkurs gegangen“ seien. Es seien 29 Menschen festgenommen und 30 Strafanzeigen gestellt worden.
Rech sagte mit Blick auf die zahlreichen Verletzten, er sehe bislang „keine Anhaltspunkte dafür, dass auf Seiten der Polizei was schief gelaufen ist“. Beamte der vier Hundertschaften aus anderen Bundesländern hätten ihm vielmehr „mit Entsetzen berichtet, welche Aggressivität ihnen entgegengeschlagen ist“. Verschiedene Dokumentationsteams der Polizei seien vor Ort gewesen. Nun würden deren Videoaufzeichnungen ausgewertet, um die Einsätze beurteilen zu können.
Zur Großdemonstration am Freitagabend erwarteten die Veranstalter bis zu 100.000 Teilnehmer. Rech drückte seine Hoffnung aus, dass diese Aktion so friedlich verlaufen werde, wie von den Veranstaltern angekündigt. Vielleicht bestehe dann die Möglichkeit, „wieder in einen vernünftigen Dialog zu kommen“. (afp)
CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe hat den Vorwurf der Grünen zurückgewiesen, Bundeskanzlerin Angela Merkel sei mitverantwortlich für die Eskalation der Proteste gegen das Bahn-Projekt „Stuttgart 21“. „Die Grünen handeln völlig verantwortungslos“, sagte Gröhe am Freitag in Berlin. „Aus zahlreichen Verletzten mit abstrusen Vorwürfen an die Bundeskanzlerin politischen Vorteil ziehen zu wollen, ist zutiefst schäbig.“
Grünen-Fraktionschefin Renate Künast hatte der „Financial Times Deutschland“ gesagt: „Es ist auch Merkels Einsatz, wenn jetzt Schlagstöcke und Reizgas gegen Schülerinnen und Schüler eingesetzt werden.“
Gröhe warf der Grünen-Politikerin vor, „aus dem Fernsehsessel in Berlin heraus die Vorgänge in Stuttgart für grüne Propaganda“ zu instrumentalisieren. Der CDU-Generalsekretär rief die Spitzen der Grünen auf, die Situation in Stuttgart nicht weiter anzuheizen. (rtr)
Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) hat Vorwürfe zurückgewiesen, die Polizei sei bei der Räumung des Schlossgartens für das Bahnprojekt Stuttgart 21 brachial gegen Demonstranten vorgegangen. „Wir haben im Augenblick keinerlei Anhaltspunkte für Fehlverhalten der Polizei“, sagte er am Freitag in Stuttgart. Dies werde aber noch genauer analysiert. Dagegen hätten Polizisten über Aggressivität von Demonstranten berichtet. „Die Einsatzkräfte waren bis an die Grenze gefordert.“ Stuttgarts Polizeipräsident Siegfried Stumpf sagte, erstmals seit 40 Jahren seien in der Landeshauptstadt wieder Wasserwerfer im Einsatz gewesen. Hintergrund dafür sei die „Eigensicherung“ der Beamten gewesen.
Ein Demonstrant könnte möglicherweise nach dem Einsatz von Reizgas sein Augenlicht teilweise verlieren. Rech sagte, dass er bislang den Namen des Mannes nicht kenne, aber mit ihm Kontakt aufnehmen wolle. Wenn der Vorfall lückenlos aufgeklärt sei, könnte auch ein Ermittlungsverfahren gegen den Polizeibeamten eingeleitet werden. (dpa/dapd)
Die Gegner des Projekts „Stuttgart 21“ bekommen Unterstützung aus Sachsen-Anhalt. Die Grünen haben für Freitagabend zu Solidaritätsaktionen aufgerufen. In Magdeburg und Dessau sind vor den Hauptbahnhöfen (19.00 Uhr) Kundgebungen geplant, wie die Grünen-Landeschefin Claudia Dalbert ankündigte.
„Was gestern in Stuttgart passiert ist, ist entsetzlich und inakzeptabel“, sagte sie. Das Vorgehen der Polizei gegenüber den Demonstranten sei an Brutalität und Rücksichtslosigkeit nicht zu überbieten. Wer mit Knüppeln und Wasserwerfern auf friedlich demonstrierende Menschen losgehe, schade der Demokratie. Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) habe offenbar jegliches Maß verloren. (dapd)
Die Gegner des umstrittenen Bahnprojekts „Stuttgart 21“ haben nach dem massiven Polizeieinsatz am Donnerstag vor der für Freitagabend geplanten nächsten Großdemonstration zu friedlichen Protesten aufgerufen. „Wir rufen auf jeden Fall dazu auf, dass es gewaltfrei bleibt“, sagte der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen „Stuttgart 21“, Axel Wieland, am Freitag. Sollte die Polizei dann erneut Wasserwerfer oder Reizgas einsetzen, würden die Bilder für die Demonstranten sprechen. Wieland erwartet „viele zehntausend“ Menschen zu der erneuten Demonstration.
Laut Angaben der Polizei wurden am Donnerstag in Folge des Polizeieinsatzes 130 Demonstranten verletzt. Davon mussten 16 ins Krankenhaus, 114 konnten ambulant behandelt werden. Auch seien sechs Polizisten verletzt worden. 26 Menschen im Alter zwischen 15 und 68 Jahren nahm die Polizei vorübergehend fest oder in Gewahrsam. Wieland sprach dagegen von einer deutlich höheren Zahl an Verletzten. Die Sanitäter des Aktionsbündnisses hätten alleine 280 Menschen behandelt, die Verletzungen durch von der der Polizei eingesetztes Reizgas oder durch Schlagstöcke erlitten hätten.
Derweil beendeten Bauarbeiter bis zum frühen Freitagmorgen die für den Bahnhofsneubau nötige Fällung der ersten 25 Bäume im Stuttgarter Schlossgarten. Dagegen protestierten in der Nacht erneut rund 2000 Demonstranten lautstark. Laut Polizei kam es hier erneut zum Einsatz von Pfefferspray, weil kleine Gruppen von Gegnern des Bauprojekts versucht hätten, über die Absperrung um das Gelände mit den Bäumen zu klettern. (afp)
Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) hat Vorwürfe zurückgewiesen, Polizisten seien unangemessen gegen Gegner des Bahnprojektes „Stuttgart 21“ vorgegangen. Gewerkschaftschef Rainer Wendt sagte am Freitag dem Nachrichtensender n-tv, an diesem Einsatz sei „nichts, aber auch gar nichts auszusetzen“. „Angemessen und vernünftig, aber eben auch energisch hat die Polizei hier ihren Auftrag erfüllt“, betonte Wendt.
Die Polizei habe sich den Einsatz nicht ausgesucht, sagte der Gewerkschafter weiter. Die Beamten hätten hier einen Auftrag und hätten ihn auch erfüllt. Die Anwendung polizeilicher Gewalt erfolge immer nach langer Ankündigung und nach langer Androhung und auf Grundlage bestehender Gesetze und Vorschriften, versicherte Wendt. „Die Bilder waren alles andere als schön, aber dafür ist die Polizei auch nicht hier“, sagte der Gewerkschafter.
Wendt geht von weiteren Protesten in Stuttgart aus. Der Gewerkschafter stellte zugleich klar: „Auch da wird die Polizei ihre Arbeit machen und das durchsetzen, was Parlamente und Regierungen beschlossen haben.“ Scharf griff Wendt die SPD an, die im Landtag und anderen Parlamenten zu dieser Situation mit ihrer Entscheidung beigetragen habe. Wenn die SPD „jetzt die Polizei an den Pranger stellt und über die Beamten herfällt, die ihre Arbeit machen, dann ist das schon ein Stückchen politische Schmierenkomödie, die wir keinesfalls so akzeptieren werden“, unterstrich der Gewerkschafter. (dapd)
Nach den gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Gegnern des Bahn-Projekts „Stuttgart 21“ und der Polizei hat sich auch der Bundestag mit der Eskalation des Streits befasst. Der Antrag der Grünen-Fraktion, am Freitag im Berliner Reichstag eine aktuelle Stunde über „Stuttgart 21“ abzuhalten, erhielt allerdings nicht die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, Britta Haßelmann, begründete den Antrag ihrer Fraktion damit, dass es im Zuge der Demonstrationen am Donnerstag und in der Nacht zu Freitag „hunderte Verletzte, darunter Jugendliche und ältere Menschen“ gegeben habe. „Die Lage vor Ort spitzt sich absolut zu“, warnte Haßelmann.
Für eine Debatte im Bundestag sprachen sich auch die SPD- und die Linksfraktion aus. „Stuttgart 21 kann man nicht mit Gewalt durchknüppeln“, sagte der Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Christian Lange. „Mir tun die Polizisten leid, auf deren Rücken diese Rambo-Politik ausgetragen wird“, fügte er hinzu. Lange forderte den baden-württembergischen Innenminister Heribert Resch (CDU) zum Rücktritt auf. Linksfraktionsgeschäftsführerin Dagmar Enkelmann sagte, nach den erschreckenden Bildern von verletzten Demonstranten dürfe der Bundestag „nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“.
Unions-Parlamentsgeschäftsführer Peter Altmaier (CDU) kritisierte, der Antrag auf eine aktuelle Stunde sei „durchsichtig, er ist taktisch und er ist insbesondere politisch schädlich“. Seine Fraktion lehne es ab, dass der Bundestag ohne Kenntnis der Fakten eine Debatte über die Proteste in Stuttgart führe, die mit „Vorverurteilungen und Verdächtigungen“ die Eskalation der Lage vorantreibe. Wie Altmaier argumentierte auch der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP, Jörg van Essen, dass der Polizeieinsatz in Stuttgart vornehmlich Sache der baden-württembergischen Landesregierung sei. „Wir lassen es nicht zu, dass hier der Föderalismus auf den Kopf gestellt wird“, begründete er die Ablehnung einer Debatte im Bundestag. (afp)
Der Grünen-Innenpolitiker Wolfgang Wieland hat nach Eskalation der Proteste gegen das Bahnprojekt „Stuttgart 21“ schwere Vorwürfe gegen die baden-württembergische Landesregierung erhoben. Nach einer kurzfristig einberufenen Sondersitzung des Innenausschusses am Freitagmorgen in Berlin sagte Wieland, dass es bei dem Einsatz vier verletzte Bundespolizisten gegeben habe, dadurch drei durch Fremdverschulden. Dabei handele es sich um Hämatome, also nicht um schwere Verletzungen. Auch sei eingeräumt worden, dass es eine „Falschinformation“ gewesen sei, dass mit Pflastersteinen geworfen worden sei. „Es handelte sich ganz offenbar um Kastanien.“ Der Grünen-Politiker betonte: „Wenn man das so etwas in die Welt setzt, dann will man anheizen. Dann will man eigenes zu hartes Vorgehen damit rechtfertigen.“ Die Sondersitzung war von der Linken-Fraktion am Donnerstag beantragt worden. Der Innenausschuss soll sich am kommenden Mittwoch in seiner regulären Sitzung erneut damit befassen.
Die zuvor friedlichen Proteste gegen das Bahnprojekt waren am Donnerstag eskaliert. Bei Absperrungen für Baumfällarbeiten im Stuttgarter Schlossgarten setzte die Polizei gegen die Demonstranten Wasserwerfer und Pfefferspray ein, um deren Blockaden zu lösen. Die Demonstranten sprachen von mehreren Hundert Verletzten. Laut Deutschem Roten Kreuz wurden bis am frühen Freitagmorgen 114 Demonstranten ambulant behandelt, 16 wurden in Krankenhäuser gebracht. Der Einsatz der Polizei wurde scharf kritisiert. (dapd)
Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) hat das Vorgehen der Polizei bei den Protesten gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 verteidigt. Er sagte am Freitag im ARD- „Morgenmagazin“, um 11 Uhr werde Polizeipräsident Siegfried Stumpf den Ablauf des Geschehens auf einer Pressekonferenz darlegen. Dabei werde er auch „dokumentieren, wie die gestrige Schülerdemonstration instrumentalisiert wurde, wie dort Widerstandshandlungen gegen die Polizei gefahren wurden, wie Polizeifahrzeuge angegriffen und besetzt wurden, wie Reifen zerstochen wurden, und wie die Polizei darauf reagiert hat“.
Die Polizeibeamten seien „entsetzt“ gewesen über die Aggressivität, die ihnen entgegenschlug, sagte Rech. „Im übrigen haben wir Anti-Konflikt-Teams eingesetzt. Das ist völlig fehlgeschlagen, weil die Demonstranten nicht bereit waren, mit der Polizei zu reden.“ Rech verwies darauf, dass die Schülerdemonstration nicht für den Schlossgarten genehmigt gewesen sei. (dpa)
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