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Suchtbekämpfer Gaßmann: "Erwachsene sind noch schlimmer"

Suchtbekämpfer Gaßmann erklärt im Interview mit der Frankfurter Rundschau, warum alle über die Jugend reden und warum 40-jährige Männer "die Grenze ihres Fassungsvermögens" erreicht haben.

Raphael Gaßmann ist Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.
Raphael Gaßmann ist Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.
Foto: dhs

Herr Gaßmann, alle Welt spricht von komasaufenden Jugendlichen. Sind denn Erwachsene so viel nüchterner als der Nachwuchs?

Überhaupt nicht. Wir haben zwar statistisch betrachtet große Zuwachsraten bei 15- bis 20-Jährigen, die mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Aber wir haben teilweise sogar noch höhere Zuwächse in fast allen anderen Altersstufen - sogar bei den 80-Jährigen. Die einzige Ausnahme sind die 30- bis 40-jährigen Männer, da könnte man salopp sagen: Die haben die Grenze ihres Fassungsvermögens erreicht.

Über diese Personen redet aber keiner.

Dabei kann man sich erwachsenes Komasaufen jederzeit im Kölner Karneval anschauen. Da liegen ja nicht nur 15-Jährige unter den Bänken.

Echte Männer trinken halt, oder?

Nicht nur echte Männer, auch echte Frauen. Wir sind in Deutschland auf einem katastrophal hohen Niveau, sechster Platz weltweit, rund zehn Liter reiner Alkohol pro Kopf und Jahr. Von der Alkoholindustrie höre ich dazu immer dasselbe: Wir wollen ja nur den erwachsenen Genusstrinker ansprechen und haben überhaupt kein Interesse, mit Alkoholabhängigen oder Kindern und Jugendlichen Geschäfte zu machen.

Glauben Sie das?

Da geht's nicht um Glauben, ich habe ja Zahlen. Wir wissen, dass etwa 50 Prozent der Gesamtalkoholmenge, die in Deutschland verkauft wird, von zehn Prozent aller Konsumenten getrunken werden. Das heißt, die Hälfte allen Alkohols wird ohne jeden Zweifel von hochgradigen Problemkonsumenten getrunken. Nun könnte man, wenn man es ernst meinte, nur noch die Hälfte des Alkohols verkaufen. Da sagen uns aber alle Industrieverbände: Das machen wir nicht mit, der Absatz darf nicht sinken.

Treibt die Industrie Menschen in die Abhängigkeit?

Nehmen wir das Beispiel Alkopops: Die wurden speziell für Jugendliche designed. Was junge Menschen ja nun wirklich nicht mögen, ist der Geschmack von Alkohol oder Zigaretten. Also hat die Industrie den Einstieg erleichtert, indem sie einfach Zucker und Fruchtaromen reingekippt hat. Hat fürchterlich gut geklappt.

Wieso ist eigentlich die Politik so untätig?

95 Prozent aller Erwachsenen trinken Alkohol, mit anderen Worten: fast alle Wähler. Deswegen spricht man besser über saufende Jugendliche - damit vergrätzt man keine Wähler.

Klingt zynisch.

Das ist zynisch. Der Jugendschutz in Deutschland im Bereich Alkohol und Tabak ist in der Praxis katastrophal. Ich erinnere daran, dass der Vorstand des Bundesverbandes Tankstellen sich jüngst vor die Presse gestellt und angekündigt hat, dass die Tankstellenpächter ab 2010 dann doch mal das Jugendschutzgesetz einzuhalten gedenken. Das war der Punkt, da hätte der Mann angezeigt werden müssen. Aber er hat Applaus gekriegt.

Wohin führt das noch?

Was heißt, wohin führt das? Gucken Sie, wo wir schon sind: Wir haben 70000 vorzeitige Todesfälle im Jahr durch Alkohol. 56 000 Gewaltverbrechen, von Vergewaltigung bis Mord, werden unter extremem Alkoholeinfluss verübt, wir haben 20 000 Autounfälle, Scheidungen, misshandelte Kinder undundund.

Lässt sich vergleichbares von einer anderen Droge behaupten?

Nein. Durch Zigaretten gibt es zwar etwa doppelt so viele Tote. Aber nichts enthemmt so wie Alkohol. Dagegen können Sie Heroin, Kokain, Ecstasy und alles andere vergessen.

Interview: Jörg Schindler

Datum:  3 | 7 | 2009
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