Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

14. Februar 2012

Sudan: Der Kampf der Vergessenen

 Von Johannes Dieterich

In den Nuba-Bergen im Sudan tobt ein von der Welt unbemerkter Krieg. Regierungstruppen und Rebellen liefern sich Gefechte. Frauen und Kinder sterben.

Drucken per Mail
TOROGE –  

Von der Anhöhe des Berges aus betrachtet sieht alles sehr idyllisch aus. Sanft abfallende Hügel markieren die Ausläufer der Nuba-Berge, dahinter erstreckt sich ein weites Tal zum Horizont. Am Himmel geht links ein perfekter Vollmond auf und rechts die warme Sonne unter. Zwischendrin aber herrscht der Krieg. „Dort“, sagt Mubarak Abdurachman Ahmed und zeigt mit dem Finger in die Tiefe, „sitzt der Feind.“
Auf einem Hügel in knapp zwei Kilometern Entfernung blitzt Mündungsfeuer auf. Das harte Gebell eines schweren Maschinengewehrs schallt zum Berg herauf. Ein zweites Mündungsfeuer blitzt auf, kaum hundert Meter vom ersten entfernt. „Und das sind wir“, sagt der Rebellenoffizier. „Wir zeigen es ihnen.“
Das sonore Dröhnen von Mörsergranaten ist zu hören, dann der markerschütternde Einschlag eines Panzergeschosses. Zwei Mig-Jets rasen im Tiefflug über das Tal: Ihre abgeworfenen Raketen detonieren mit Getöse in der Savanne.„Wir haben die Oberhand“, meint Mubarak bestimmt. „Denn wir wissen, wofür wir kämpfen.“
Zwischen Vollmond und Sonne
Allerdings hält die Schlacht um das Garnisonsstädtchen Toroge bereits seit Tagen an – mit einer Intensität, die so nicht zu erwarten war. Angesicht der geringen Aufmerksamkeit, die der Krieg zwischen den nubischen Rebellen und den sudanesischen Regierungstruppen im Rest der Welt erfährt, hatte man vermutet, dass der Konflikt eher im Verborgenen und ohne großen Widerhall ausgetragen wird. Doch der Krieg in der Provinz Südkordofan ist in Wahrheit so allgegenwärtig wie die Luft, durch die die Bomben fliegen.
Zwischen Vollmond und untergehender Sonne kreist inzwischen eine russische Antonow-Transportmaschine, deren Besatzung hin und wieder eine Bombe aus der geöffneten Ladefläche kullern lässt. Der Sprengsatz stürzt mit lautem Pfeifen in die Tiefe, um irgendwo in der Landschaft zu explodieren: Ob er dort eine Stellung der Rebellen, mehrere Zivilisten oder nur eine Ziege zerfetzt, bleibt dem Zufall überlassen.Kinder, die mit ihren Müttern und Großmüttern am Berghang zwischen Felsbrocken und in Höhlen kauern, fangen an zu schreien.
Hunderte von Flüchtlingen halten hier bereits seit Wochen mit ein paar Kochtöpfen und Bastmatten aus. Sie hoffen wie Mousa Malwa, dass sie bald wieder in ihre Hütten nach Toroge zurückkehren können. Zusammen mit seinen fünfzehn Kindern wurde der 38-jährige Vater von seiner Frau getrennt, als die Regierungstruppen vor zwei Monaten das Garnisonsstädtchen einnahmen. „Ich weiß nicht einmal, ob sie noch lebt“, sagt Malwa leise.
Er und zwei seiner Kinder schauen mit geröteten Augen zu dem am Himmel kreisenden Flugzeug hinauf. Spätestens wenn das Pfeifen der Bombe zuhören ist, müssen sie hinter den Felsen verschwunden sein. Sonst könnte es ihnen wie den beiden Jungen gehen, deren Beine eine Bombe gestern zerfetzte.
„Ihr Widerstand wird nicht mehr lange dauern“, meint Kuku Jazkwa, der seine Kommandozentrale am Fuß des Berges aufgeschlagen hat. Den Brigadegeneral scheint der Kriegslärm völlig kaltzulassen: Wann immer während des Interviews eine Mig 29 über den Befehlsstand donnert, werden die Gäste ins Erdloch beordert – der General selbst bleibt trotzig draußen stehen.
Sobald sie Toroge eingenommen hätten, würden die Rebellen zur Provinzhauptstadt Kadugli und dann auf direktem Weg zur sudanesischen Hauptstadt Khartum weiterziehen, sagt der Kommandant. Dass die Sudanesische Volksbefreiungsarmee Nord(SPLA-N) das Garnisonsstädtchen gerade erst verloren und der Feuerkraft der Regierungstruppen wenig entgegenzusetzen hat, sagt Jazkwa nicht.
Wieder einmal stehen die von der völkischen Filmemacherin Leni Riefenstahl einst als „edle Wilde“ stilisierten Nuba mit dem Rücken zur Wand. Das Misstrauen der Afrikaner gegen die in Khartum herrschende arabische Elite ist Hunderte von Jahren alt: Von deren Sklaven jagenden Vorfahren wurden die Nuba einst aus dem fruchtbaren Niltal in die Bergwelt der heutigen Südkordofan-Provinz abgedrängt, wo sie lernten, mit Entbehrungen zu leben.
In den 80er-Jahren schlossen sie sich dem Aufstand der im Südsudan lebenden afrikanischen Völker gegen die Khartumer Zentralregierung an – nur, um sich vom 2005 geschlossenen Frieden wieder einmal übergangen zu sehen. Während der Friedensvertrag den Südsudanesen die Möglichkeit einräumte, sich nach einem Referendum vom Norden loszulösen, blieb den Nuba diese Chance verwehrt: Ihr Siedlungsgebiet liegt etwas nördlich einer von der britischen Kolonialmacht 1956 gezogenen Linie, die von den Unterhändlern als Grenze zwischen den beiden Teilstaaten festgelegt wurde.
Im Friedensvertrag hieß es zwar noch, das Schicksal der Nuba solle durch „öffentliche Konsultationen“ geregelt werden. Doch Khartum ließ einen solchen Dialog nie zu. Wenige Wochen vor der Unabhängigkeit des Südsudans fanden in Südkordofan im Mai vergangenen Jahres Wahlen statt. Als Kandidaten standen sich der populäre nubische SPLA-N-Kommandant Abdelaziz al-Hilu sowie der vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Kriegsverbrechen in Darfur angeklagte Ahmed Haroun gegenüber. Haroun gewann überraschend mit hauchdünner Mehrheit. In den Augen der Nuba konnte das nicht mit rechten Dingen zugehen. Anfang Juni brach in Südkordofan wieder der Krieg aus. „Wir hatten gar keine andere Wahl“, sagt Offizier Mubarak, der dem Rebellenchef al-Hilu als politischer Kommissar zur Seite steht. „Die Völkermörder in Khartum hätten uns alle umgebracht.“
Die Angst im Traum
Seitdem sitzt Sawsan Hassan wieder in der Höhle bei Tungoli mitten in den Nuba-Bergen, in der sie schon vor dem kurzlebigen Friedensschluss saß. Zwischen den mächtigen Felsbrocken brachte sie sechs ihrer acht Kinder zur Welt: Inzwischen haben sich entlang der Bergkette wieder Tausende von Flüchtlingen in provisorischen Hütten und Zelten niedergelassen, um sich beim Geräusch der Antonows fluchtartig in die Felsspalten verziehen zu können. „Sie kommen morgens um neun oder nachts um zwei“, sagt Hassans ältester Sohn Nejumi. „Zu keiner Zeit können wir uns sicher sein.“
Gelegentlich wacht der 22-Jährige nachts vom Brummen der Flugzeugmotoren auf und rennt los – um noch im Laufen festzustellen, dass er das Geräusch geträumt haben muss. Schon seit einem halben Jahr geht der Gymnasiast Nejumi nicht mehr zur Schule. Sein Internat hat wie fast alle Schulen in den Nuba-Bergen den Betrieb eingestellt. Seine Eltern wollen, dass er in den Südsudan flieht, um dort wenigstens zur Schule gehen zu können – ohnehin reichen die Familienvorräte an Sorghum und Sesam höchstens noch für drei Monate aus. Was danach geschieht, weiß Mutter Hassan nicht. Internationale Organisationen, die sich um Tungolis Höhlenmenschen kümmern, gibt es nicht. Kaum ein Hilfswerk hat sich jemals in die Nuba-Berge verirrt. Und die wenigen Organisationen, die hier wie die christlich-fundamentalistische „Samaritans Purse“ auch einige überlebenswichtige Einrichtungen wie Brunnen bauten, brachten sich nach Ausbruch des Krieges schnell in Sicherheit.
In der gesamten Region, die größer als Baden-Württemberg ist und einst mindestens 400 000 Menschen beheimatete, halten sich derzeit lediglich zwei ausländische Hilfswerker auf: ein im Dienst der katholischen Kirche arbeitender amerikanischer Arzt und Raphael Veicht, der im Auftrag des deutschen Hilfswerks Cap Anamur das Krankenhaus von Lwere betreut.
Mancher Patient hat schon mehrere Nachtmärsche hinter sich, wenn er schließlich das mit zwei OP-Tischen und einem eigenen Labor ausgestattete Hospital erreicht – schwer Erkrankte werden zuweilen kilometerweit im Bett herbeigeschleppt. Der im Münchner Universitätskrankenhaus Großhadern zum Intensiv- und Anästhesie-Pfleger ausgebildete Raphael Veicht schneidet Geschwüre auf, päppelt unterernährte Kinder auf, gibt vom Bombenterror in die Depression gejagten Frauen Stimmungsaufheller und zieht verletzten SPLA-Kämpfern Granatsplitter aus dem Leib.
Das würde er auch mit Regierungssoldaten tun, sagt er. Nur, dass diese weder von Bomben beworfen noch sich jemals nach Lwere verirren würden. Hin und wieder muss auch der beleibte Bayer beim Nahen einer Antonow aus seinem Behandlungszimmer rennen, um in einem der zahllosen ausgehobenen Erdlöcher Schutz zu suchen. Jüngst detonierte sogar eine Rakete nicht weit vom Hospital entfernt. „Sie müssen gar nicht unbedingt treffen, um ihr Ziel zu erreichen“, sagt Raphael Veicht. Khartum genüge es, wenn es die Bevölkerung in den Wahnsinn treibt.
Es ist erst zehn Uhr morgens, doch Jusif Kafi Durfan rinnt der Schweiß bereits in Strömen von der Stirn. Der 36-Jährige führt einen kleinen Flüchtlingstreck an, der aus zwei beladenen Fahrrädern, seiner Schwägerin und deren sechs Kindern besteht. Durfans Bruder wurde im September von einer Bombe zerfetzt. Sie traf ihn, als er aus dem Schutz der Felsen nochmals schnell zur Hütte rennen wollte, um etwas Essen zu holen. Seine eigene Familie hat Durfan bereits vor vier Monaten über die Grenze ins südsudanesische Flüchtlingslager Yida gebracht, jetzt ist die Familie des verstorbenen Bruders dran. „Für keinen von uns“, sagt der Farmer ausdruckslos, „gibt es hier noch eine Zukunft“.
An seinem Fahrrad hängen Pfähle, die zu einem Bett zusammengesteckt werden können; auf die Gepäckträgern sind Plastikplanen und Wasserkanister geschnürt; die Schwägerin balanciert eine Wanne mit Kochgeschirr auf dem Kopf. Mehr ist der Familie nicht geblieben. Manche gehen zur Fuß, andere mit dem Fahrrad, wieder andere haben das Glück, einen Platz auf einem klapprigen Lkw zu ergattern. Es ist kein Strom, eher ein stetiges Tröpfeln von Flüchtlingen, die aus den Bergen verschwinden.
„Tut was!“
Fast die Hälfte der Bevölkerung hat bereits ihre Heimat verlassen. Das einst quirlige Kauda liegt abends wie ein Geisterstädtchen stromlos in der Dunkelheit, der Markt besteht aus leeren Tischen, sämtliche Mobilfunksender funktionieren nicht mehr.„Wir haben gar nichts dagegen, wenn unsere Leute weggehen“, sagt Vizekommandant Philip Kawa im Hauptquartier der Rebellen. „Im Gegenteil, wir ermuntern sie dazu.“ Lieber würden sie den Krieg in einem leeren Land führen, als die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft ziehen, meint der Rebellenkommandant – für ihre Versorgung könnten sie schon selber sorgen.
Vom Optimismus seines Frontkommandanten ist Kawa trotzdem weit entfernt. „Dieser Krieg kann noch Jahre dauern“, räumt der Brigadegeneral ein. „Wir befinden uns derzeit in der Defensive.“ Grund dafür sei nicht zuletzt das Desinteresse der internationalen Gemeinschaft. Die habe zwar Gaddafi mit einem Flugverbot belegte, doch die Luftwaffe des als Völkermörder angeklagten sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir könne ihr Unwesen ungestört weiter treiben. „Tut was dafür, dass sich das ändert“, fordert Kawa seine Gäste auf.
Neun Monate nach Kriegsbeginn wird auf der Seite der Rebellen schon der Volkssturm mobilisiert. Nicht weit von der Front in Toroge entfernt trainiert am Wegrand ein Bataillon neuer Rekruten, viele von ihnen in Badelatschen. Unter ihnen der grauhaarige Jusif al Doud Suleiman, der einst im schwäbischen Blaubeuren Deutsch gelernt hat. Beim Robben über den staubtrockenen Boden hält der 48-Jährige als Gewehrersatz einen Holzprügel in der Hand. „Ich bin keineswegs zu alt“, betont der studierte Landvermesser. „Hier muss jetzt jeder helfen.“
Juma hat es geschafft. Nach zweitägigem Fußmarsch aus dem Kriegsgebiet bei Toroge ist der neunjährige Junge mit seiner Mutter und drei Geschwistern im südsudanesischen Flüchtlingscamp Yida angekommen. Bald wird er zum ersten Mal in seinem Leben zur Schule gehen können.Wirklich sicher ist der abgemagerte Junge mit den ängstlich aufgerissenen Augen allerdings auch hier nicht. Im November bombardierte Khartums Luftwaffe selbst das im Nachbarland gelegene Lager – eine Bombe landete mitten auf dem Schulgelände.
Auch wird sich Juma kaum satt essen können, denn die rund 30 000 in Yida lebenden Flüchtlinge haben mit einem Drittel der anderswo üblichen Tagesration auszukommen – mehr steht Gavin Gramstad vom US-Hilfwerk „Samaritans Purse“ zur Verteilung nicht zur Verfügung. Vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen werde das Camp praktisch ignoriert, klagt der Stationschef. Auf diese Weise sollten die Nuba zum erneuten Umzug bewegt werden, weil das Lager den UN-Beamten viel zu nahe am Kriegsgeschehen läge.
Nachts um zehn Uhr haben die Flüchtlinge dann ausnahmsweise einmal Grund zur Freude. Unter dem lauten Jubel der Campbewohner passieren mehrere Hundert südsudanesische SPLA-Soldaten auf Lastwagen das Lager in Richtung Grenze. Es heißt, sie würden zur Verstärkung ihrer einstigen nubischen Waffenbrüder zur Front nach Toroge gebracht. Bisher hatte sich der Südsudan aus dem Konflikt im Nachbarland zumindest offiziell herausgehalten. Angesichts des sich auch in anderen Bereichen rapide verschlechternden Verhältnisses zwischen den beiden Bruderstaaten werden die Visiere jetzt offenbar geschlossen.
„Wenn sich die Welt auch weiter nicht darum kümmert, was hier passiert“, sagt ein in Yida tätiger katholischer Priester düster, „dann gnade uns Gott.“

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Parteitag

Darum bleibt „Die Linke“ saft-und kraftlos

Von  |
Der Tortenwerfer ersparte Linke-Politikerin Wagenknecht eine heikle Debatte.

Linker Populismus ist rechtem Populismus zuweilen gefährlich nahe - darüber beim Linke-Parteitag offen zu reden, hätte sich gelohnt. Doch dazu kam es nicht. Der Leitartikel. Mehr...

Atomwaffen

Worte der Hoffnung

Obama: „Aber wir müssen auch den Mut haben, der Logik der Angst zu entkommen und eine Welt anstreben ohne Atomwaffen.“

Barack Obama spricht erneut von einer Welt ohne Atomwaffen. Er weckt damit Erwartungen, die er selbst nicht erfüllen kann. Doch sein Traum könnte ein Ziel für die Menschheit sein. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung