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09. Januar 2013

Südafrika Bodenschätze: Der letzte Goldrausch

 Von Tom Schimmeck
Auf einem alten Emailleteller wird das Gold gewaschen. Die winzigen Goldteilchen wandern dabei auf den Boden.  Foto: Tom Schimmeck

Sie steigen tief in baufällige Minen, sie riskieren ihr Leben für ein paar Gramm Edelmetall. Die Armen Südafrikas wollen ihren Anteil an den Bodenschätzen der Nation. Es ist Diebstahl – doch nicht selten treibt die Minenarbeiter pure Verzweiflung.

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Kagiso –  

Von Weitem schon hört man die Hammerschläge, beim Näherkommen dann ein stetes Schaben und Kratzen. Hinter ein paar Bäumen knien Dutzende Männer und Frauen auf großen Betonflächen, den Fundamenten längst verschwundener Gebäude. Ihre Arme sind vorgestreckt, ihre Oberkörper schleifen hin und her. Sie zermahlen Steine zu Staub. Sie suchen Gold. „Es ist ziemlich friedlich hier“, sagt George, 26, und fährt sich mit einer staubweißen Hand über das verschwitzte Haupt. Nur manchmal schaue die Polizei vorbei. „Die sagen, das ist illegal“, erklärt sein Kumpel, den sie Zambia nennen, „die nehmen dich fest – wenn du nicht schnell genug abhaust.“ Zum Glück haben die Polizisten meist Besseres zu tun. „Die wissen auch“, sagt George, „dass das unser Überleben ist.“

Die illegale Goldgräberei ist ein ziemlich offenes Geheimnis auf dem West Rand. Man muss nur freundlich fragen. „Goldsucher?“ Der Krämer im Tudor Slum streckt seinen runden Kopf aus dem Bretterverschlag, der ihm als Ladentresen dient. Er nickt wissend. „Da drüben“ – er zeigt gen Westen auf eine gewaltige Abraumhalde, die den Horizont versperrt – „da drüben buddeln immer ein paar Jungs. Bis die Hubschrauber kommen. Dann rennen sie.“

Saure Brühe in der Siedlung

Die Bewohner des Tudor-Slums, 30 Kilometer westlich des Zentrums von Johannesburg gelegen, eine von unzähligen Siedlungen aus Blech und Pappe im Umfeld der großen Stadt, leben selbst direkt auf einer alten Mine, dem Tudor-Schacht. Der Sand ist voll mit Arsen, Kobalt und Cadmium. Er ist radioaktiv. Weil im Untergrund nicht nur Gold, sondern auch Uran liegt. Wenn es regnet, suppt eine saure Brühe durch das Wohngebiet. Sie leuchtet orange und riecht nach Essig. Die giftige Hinterlassenschaft von 125 Jahren Goldrausch.

Südafrikas illegale Bergleute holen sich ihren Anteil an den Bodenschätzen der Nation.  Foto: Tom Schimmeck

Längst hätten die Menschen umgesiedelt werden sollen. Aber wohin? Südafrikas Regierung hat seit 1994 über drei Millionen Häuser bauen lassen. Vielen Bewohnern von Hüttensiedlungen ist eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zugesagt worden. Im benachbarten Township Kagiso sieht man Fortschritte. Im Tudor Slum nicht. Politiker machen Versprechungen, an die sie selbst nicht recht glauben. Sobald Menschen ein neues, besseres Heim ergattern und wegziehen, rücken sofort neue, noch bedürftigere nach: Arbeitslose, Flüchtlinge, Landvolk ohne Land. Seit Jahren fordern die Bewohner Strom, Wasser, Toiletten. Als im Juli zwei Kinder auf der Hauptstraße neben ihren Hütten totgefahren wurden, protestierten die Bewohner, bauten Barrikaden aus brennenden Reifen. Die Polizei antwortete mit Gummigeschossen und Tränengas.

Hier befinden sich die Goldfelder
Hier befinden sich die Goldfelder
 Foto: Galanty

„Wir ringen um Lösungen, die Armut und Ungleichheit zu besiegen“, sagte damals der Präsident Jacob Zuma. Die Wirtschaftspolitik, die das Leben der Masse der Südafrikaner verbessern soll, scheint nicht zu funktionieren. Es gibt blendenden Reichtum in Südafrika, auch neuen, schwarzen Reichtum. Er zeigt sich auf glitzernden Partys, spiegelt sich in schweren Luxuskarossen, oft deutscher Bauart. Zugleich aber leben noch immer 50 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 25,5 Prozent, inoffiziell weit darüber. Auf dem Gini-Index, dem Gerechtigkeitsbarometer der Weltbank, belegt Südafrika den letzten Platz.

Das Gold, sagen darum die, die danach suchen, sei ihre Rettung. Sie graben danach, klettern in verfallene Schächte, zum Beispiel die der Durban Deep Mine von 1897, seit fast 20 Jahren außer Betrieb. „Wir kratzen die Reste zusammen“, sagt Luxon, 34, ein kräftiger Kerl. Er stammt aus Masvingo in Simbabwe. Luxon sucht hier schon lange nach Gold, tastet sich fast täglich mit einer Lampe an der Stirn und einem Sack auf dem Rücken tief hinein in die Dunkelheit. „Das ist gefährlich“, sagt Luxon. „Es geht viele Etagen abwärts. Alles ist dreckig und kaputt da unten.“

Aber es lohnt sich. Manchmal. Wenn die Händler mit ihren feinen Waagen kommen, wird in „points“ abgerechnet, in Punkten. Zwei Punkte bringen 60 Rand, gut fünf Euro. Die guten Tage sind die Sieben-Punkt-Tage. Für ein Gramm gibt es etwa 31 Euro. An Glückstagen kann die Ausbeute größer sein. Viel größer. Aber das ist sehr, sehr selten.

Viele kommen von weither: Aus anderen Provinzen Südafrikas, aus Mosambik, Lesotho und Simbabwe. Sie arbeiten zusammen. Männer und Frauen knien einträchtig nebeneinander, zerschlagen die Brocken mit Hämmern und zerreiben sie auf dem alten Fundament in stundenlanger Arbeit zu immer feinerem Pulver.

Die Gesichter der Goldschürfer sind von Staub bedeckt.
Die Gesichter der Goldschürfer sind von Staub bedeckt.
 Foto: Tom Schimmeck

Ist es Diebstahl? „Für uns gibt es keinen anderen Weg, Geld zu verdienen“, argumentiert George. „Das ist doch viel besser als stehlen.“ „Ich hab noch nie irgendwo eine Arbeit gefunden“, sagt Primrose, 24, eine schlanke Frau mit Ringelsocken. „Und es gibt hier viel weniger Streit und Kriminalität, seit wir das hier machen“, ergänzt Zambia. „Das ist viel besser als alles andere: als zu Hause sitzen, als Nichtstun“, findet Noxolo. „Ich kann meine Schwester ernähren und meinen Sohn.“ Der Kleine, Sindiso, hockt neben ihr im Staub.

In Johannesburg hat sich schon immer alles um das begehrte Edelmetall gedreht. Die Stadt wurde buchstäblich auf Gold gebaut. Als Erster stolperte hier 1886 ein Australier namens George Harrison über einen Klumpen. Und entdeckte so das „Reef“, jene gut 200 Kilometer lange Goldader, die den kargen, dünn besiedelten Witwatersrand in eine der pulsierendsten Metropolen Afrikas verwandeln sollte. Ingenieure, Anwälte, Bankiers, Spieler, Händler, Musiker, Prostituierte und Journalisten strömten aus Schottland und Australien, aus Osteuropa und Amerika herbei. Afrikanische Arbeiter wurden von überallher nach Johannesburg verfrachtet, um den Schatz zu bergen. Selbst der Rand, die Währung, ist nach der Goldader benannt. Rand ist ein Synonym für Reef.

Binnen zehn Jahren wuchs Johannesburg zur größten Stadt Südafrikas. Dann fochten die Briten bis 1902 einen brutalen Krieg gegen die Buren, um sich diesen Reichtum zu sichern. Auf Zulu hieß Johannesburg bald eGoli – Platz des Goldes. Das Sotho-Wort Gauteng, der heutige Name der Provinz, hat die gleiche Bedeutung. Gauteng ist die mit Abstand kleinste Provinz des Landes, mit den meisten Bewohnern: mehr als zwölf Millionen. Sie erwirtschaften über zehn Prozent des gesamten Sozialprodukts südlich der Sahara. Gautengs Bergbaustädte rund um Johannesburg liegen wie an einer Schnur aufgereiht – immer an der Goldader entlang. Durch sie zieht sich, von Krugersdorp bis Boksburg, die alte Main Reef Road, 45 Kilometer lang. Gesäumt von den riesigen, senfgelben Abraumhalden der vielen Goldgruben.

Gut 50 000 Tonnen, über ein Drittel allen je auf Erden gewonnenen Goldes, stammen aus Südafrika. Bis zu vier Kilometer tief haben die Bergleute in die Erde gebohrt und gesprengt. Internationale Konzerne machen traumhafte Profite. Denn der Goldpreis ist derzeit himmelhoch, der Lohn für die harte Arbeit unter Tage noch immer niedrig. Das Land verfügt über große Mengen an Gold, Platin, Diamanten, Chrom, Mangan, Vanadium, Kohle und anderen Bodenschätzen. Doch die Arbeitsplätze im Bergbau schwinden. In den letzten Monaten wurden Tausende Minenarbeiter, die in wilden Streiks einen höheren Anteil am Gewinn verlangten, gefeuert.

Der Bergbau, rechnet die Industrie vor, ist weiterhin der Exportschlager, schafft direkt und indirekt noch immer eine Million Jobs und ist für rund 18 Prozent des Bruttosozialproduktes gut. Doch sein Anteil fällt. An die 6 000 Minen, sagen Experten, sind in Südafrika derzeit stillgelegt.

In vielen Gruben tobt nun ein Kampf um die Reste. Illegale Goldgräber, „Zama Zama“ genannt – was so viel bedeutet wie: Versuche dein Glück –, verschwinden bis zu einem halben Jahr unter Tage, im Gewirr der endlosen Stollen, viele Hundert Kilometer lang. Sie sind in Syndikaten organisiert. Die Bosse versorgen sie mit Wasser, Nahrung, Werkzeug, Sprengstoff und Waffen.

„Hier sind wir Brüder“, sagt Busiso, einer der Goldsucher vom West Rand. Östlich von Johannesburg, auf dem East Rand, gehe es weit härter zu. Letztes Jahr versuchte Busiso dort sein Glück. „Die sind viel brutaler. Alles Gangster. Es gibt jede Menge Waffen“, erzählt er. „Das ist organisiertes Verbrechen. Leute wie wir, die nur einen Hammer und einen Meißel besitzen, haben keine Chance.“

Busiso hat für die Gangster geschuftet. Er bekam Essen und Paraffin. Manchmal grub er in einer kleinen Gruppe, manchmal allein; schlief auf den Steinen, ohne Decke. „Die brauchst du nicht. Es ist warm da unten. Du schwitzt.“ Einsam habe er vor sich hin geschuftet, sagt Busiso, „nur ich und die Steine, ganz allein“. Später nahm er sich Musik mit nach unten, einen MP3-Player. Als es ihm zu heiß wurde, ist er abgehauen.

Nach langem Hämmern, Mahlen und Schleifen wird das Pulver gewässert und auf Blech getrocknet.
Nach langem Hämmern, Mahlen und Schleifen wird das Pulver gewässert und auf Blech getrocknet.
 Foto: Tom Schimmeck

Die Zama Zama kämpfen untereinander um die ergiebigsten Plätze. Immer öfter liefern sie sich Schlachten mit Wachleuten und der Polizei, die mittlerweile Spezialkommandos gebildet hat. Die Bergbauunternehmen treiben wachsenden Aufwand, um ihre Stollen zu sichern: Sie ziehen Zäune, verpfropfen die Eingänge mit Beton, installieren biometrische Scanner, rekrutieren noch mehr Sicherheitspersonal, machen Razzien unter Tage. Doch auch die Syndikate rüsten auf, technisch und militärisch. Sie heuern erfahrene Bergleute an, beschaffen Chemikalien und Spezialgerät und bestechen korrupte Schichtleiter, um selbst in noch aktiven Minen mitzumischen. Ihre Söldner tragen AK-47, legen Sprengfallen und nehmen im Ernstfall „Legale“ als Geiseln. Im Schacht Masimong fanden Wachleute eine handschriftliche Botschaft: „Wenn wir euch sehen, werden wir schießen und den Fahrkorb bombardieren.“

Ein erfolgreicher Zama Zama, der mit Geldbündeln und schicken Klamotten heimkehrt zu den armen Anverwandten, gilt als Held. Doch das Risiko ist ziemlich hoch. 2007 wurden bei einem Feuer in der St. Helena Mine im Free State 23 illegale Goldsucher getötet, 2009 starben 91 im Eland-Schacht an Rauchvergiftungen. Im vergangenen März erschlug ein Felssturz auf dem East Rand 20 Illegale. 2010 erschoss der Werkschutz der Grootvlei Mine vier Goldsucher.

Wer hilft, wird gefeuert

In vielen Minen ist es jetzt verboten, Essen unter Tage mitzunehmen – um die Illegalen auszuhungern. Bergleute, die in Verdacht geraten, ihnen zu helfen, werden gefeuert. Allein auf dem East Rand würden Illegale jährlich einen Schaden von umgerechnet 140 Millionen Euro anrichten, sagen Unternehmen. Das Volumen des illegalen Goldgeschäfts Südafrikas wird auf 490 Millionen Euro geschätzt.

Es ist ein gut organisiertes Verbrechen. Doch auch Klassenkampf schwingt mit. Die Illegalen erhalten Zulauf von den vielen Chancenlosen, Arbeitslosen und Entlassenen. Manch legaler Bergmann unterstützt sie heimlich, weil er sich auf der Verliererseite fühlt. Der regierende ANC drohe die Arbeiter zu verlieren, warnt Zwelinzima Vavi, Chef des Gewerkschaftsbundes Cosatu. Weil sich die Lage der schwarzen Südafrikaner in 18 Jahren ANC-Herrschaft eher verschlechtert habe: „Wir haben nicht profitiert. Wirtschaftlich ist die Bruchlinie der Apartheid noch immer da.“

Die Männer und Frauen beim Tudor-Schacht würden dem wohl zustimmen, wenn sie nur Muße hätten für solche Debatten. Doch sind sie viel zu beschäftigt, ihre Existenz aus dem Staub der Minen zu holen. Nach stundenlangem Hämmern, Malen und Schleifen wird das feine Pulver gewässert. Die leichteren Sedimente werden abgekippt, die schweren packen Noxolo und Primrose auf ein Blech über einem Feuer und trocknen sie, breiten dann den dampfenden Sand in der Sonne aus. George nimmt eine Handvoll, vermischt sie mit Wasser, füllt das Ganze in einen alten Emailleteller und schwingt es sanft hin und her. „Er wäscht jetzt das Gold aus“, erklärt Luxon beinahe andächtig.

Die winzigen Goldteilchen wandern beim Schwenken auf den Boden – weil sie schwerer sind als der Sand. George kippt die leichteren Sedimente vorsichtig ab. Schwenkt den Teller wieder. Neigt ihn schließlich ein wenig und zeigt mit dem Finger auf die Spitze der Sandablagerung. „Du musst hier gucken, im Sonnenlicht“, sagt George. Ein paar winzige funkelnde Pünktchen werden sichtbar, mit bloßem Auge kaum zu erkennen. „Da, da, siehst du?“, sagt George stolz. „Da ist das Gold.“

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