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14. Dezember 2012

Südafrika: Mandelas neureiche Enkel

 Von Tom Schimmeck
Party beim Sushi-König. Kenny Kunene (l.), ein ehemaliger Gangster, hatte sich zu seinem 40. Geburtstag etwas ganz Besonderes zum Servieren des Essens ausgedacht. Anschließend schleckte er die Sushi-Reste von den Frauenkörpern ab. Foto: afp

Immer mehr Schwarze gehören in Südafrika inzwischen zur Elite der Gesellschaft. Sie verdienen Millionen, lassen es sich demonstrativ gut gehen – und vergessen mitunter, für welche Ideale ihre Väter und Großväter einst gekämpft haben.

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Immer mehr Schwarze gehören in Südafrika inzwischen zur Elite der Gesellschaft. Sie verdienen Millionen, lassen es sich demonstrativ gut gehen – und vergessen mitunter, für welche Ideale ihre Väter und Großväter einst gekämpft haben.

Johannesburg –  

Sechs Meter hoch ragt die Bronzestatue von Nelson Mandela. Zu ihren Füßen spielen zwei schwarze Jungs, schick gekleidet. Ihr Vater telefoniert daneben mit seinem Smartphone. Junge Leute warten auf ihr Date, um sich ins glitzernde Nachtleben zu stürzen. Der Mandela-Platz in Sandton, im Norden Johannesburgs gelegen, Herzstück einer opulenten Shopping-Mall, ist der Treffpunkt der Reichen und Schönen.

Lange dienten die ausladenden Villenviertel Sandtons als Refugium der weißen Oberschicht Südafrikas. Konzerne verlegten ihr Hauptquartier hierher, als ihnen Johannesburgs Innenstadt zu unsicher, zu turbulent, zu „afrikanisch“ wurde. Doch längst haben alle Hautfarben des Landes, das sich gerne Regenbogennation nennt, den Norden erobert. Hier zählt nicht mehr die Rasse, sondern der Kontostand. Man erkennt sich an der Automarke, an der Krawatte, dem Duft und dem Schmuck. Man kauft bei Hugo Boss und Dunhill, bei Ermenegildo Zegna und Louis Vuitton. Fürs Baby gibt es die neueste Gucci-Kollektion.

Stolz auf den Erfolg: Geschäftsmann Kenny Kunene - umringt von schönen Frauen.
Stolz auf den Erfolg: Geschäftsmann Kenny Kunene - umringt von schönen Frauen.
Foto: imago stock&people

Austern und riesige Steaks

Im Butcher Shop, der Fleischerei, stapeln sich die Austern auf Eis, ganze Schweine und riesige Steaks hängen in der Vitrine. Hier speisen die, die es geschafft haben und schlürfen die besten Tropfen. „Guter Wein, gutes Essen, ich liebe das einfach“, sagt ein schwarzer Geschäftsmann, der mit seinen Freunden die Ledersessel der holzgetäfelten Lounge nebenan bevölkert. Sie rauchen, trinken, reden und essen Delikatessen. Die Herren tragen feine Sakkos und übergroße Uhren. Sehr demonstrativ. „Wir hatten nichts“, erklärt ein älterer Herr seinem Gegenüber, „und haben was draus gemacht.“ Er hebt sein Glas. „Du bist Anwalt geworden und ich Geschäftsmann. Dafür müssen wir uns nicht schämen.“

Noch immer lebt ein Großteil der Bevölkerung in Armut. Doch Südafrikas schwarze Mittelschicht wächst rapide. Sie ist stolz auf ihren Erfolg. Sie gilt als erfolgshungrig und zielstrebig. „Black Diamonds“ nennen die Marktforscher sie – schwarze Diamanten. Etwa zehn Prozent der schwarzen Bevölkerung werden bereits zu dieser Gruppe gezählt. Sie treibt mit ihrer Konsumlust das Wachstum voran. Ihre Kaufkraft wird auf 130 Milliarden Rand (11,5 Milliarden Euro ) geschätzt. Bis zu 50 000 „Black Diamonds“, besagt eine Studie, ziehen jeden Monat aus den Townships in die ehemals weißen Suburbs. Der Immobilienmarkt zieht an. Möbelhändler und Golfclubs melden gute Umsätze. Blackberrys und Single Malts sind gefragt. Deutsche Marken wie Audi und Mercedes laufen gut. Bei manchen darf es jetzt auch ein Porsche sein. Über 20 Prozent der 2010 in Südafrika verkauften Autos waren Luxuskarossen, weit mehr als in China und den USA. Im vergangenen Monat meldete die Autoindustrie ein Verkaufsplus von 10,5 Prozent.

Ein BMW gilt noch immer als verlässliches Symbol schwarzen Aufstiegs. Die Marke ist schon lange so populär, dass sie Spottvarianten wie „Be My Wife“ („Werde meine Frau“) hervorgebracht hat. „Wir können nicht klagen“, sagt eine Verkäuferin im riesigen BMW-Verkaufssalon im Zentrum Johannesburgs, wo Dutzende nagelneuer Schlitten dicht an dicht hinter Glasfronten stehen. „Wir verkaufen im ganzen Land.“

Zumeist geht Südafrikas Öffentlichkeit mit einem Lachen über die Allüren seiner Aufsteiger hinweg. Ein wenig Prahlerei gehört dazu. Bescheidenheit gilt im Showgeschäft nicht als Tugend. Doch die Verquickung von Reichtum und Politik stößt zunehmend auf Kritik. Vor allem, wenn die Medien wieder voll sind von Exzessen der „Fat Cats“, der neuen Superreichen.

Kenny Kunene - der wohl schillerndste Neureiche

Etwa die Partys des Sushi-Königs Kenny Kunene. Seinen 40. Geburtstag zelebrierte der wohl schillerndste Neureiche von Sandton im eigenen Club über den Dächern der Stadt. Neben üblichen Accessoires – Dom Pérignon und kubanische Zigarren – gab es Sushi, serviert auf den Körpern kaum bekleideter junger Frauen, die der Jubilar, geschmückt mit weißer Smokingjacke und Sonnenbrille, persönlich abschleckte. Geladen war auch der Sprecher des Staatspräsidenten sowie der damalige Führer der ANC-Jugend.

Kenny Kunene, Kind aus armen Verhältnissen, ist ein ehemaliger Gangster, der wegen Betrugs sechs Jahre in Haft saß. Als Kind in Apartheid-Tagen, sagte er einmal in einem Interview, sei er mit seinen Freunden in die Viertel der Weißen geschlichen, um die Villen und Sportwagen zu bestaunen. „Unser Ziel war es, die Regierung zu stürzen und alles zu nehmen, was der weiße Mann hatte.“

Schon im Gefängnis war Kunene für seine Partys berühmt. Sein Startkapital lieferte die Biografie eines Zellenkumpanen, des Bankräubers Gayton McKenzie, die er vermarkten half. Kunene arbeitete als Dieb, Englischlehrer und Fischhändler, als PR-Mann und schließlich als Lobbyist für große Bergbauunternehmen, wobei ihm exzellente Kontakte zum ANC behilflich waren. Inzwischen wird sein Vermögen auf knapp 30 Millionen Euro geschätzt.

Krasser noch als der Fall Kunene sind die Peinlichkeiten der Verwandtschaft vieler ANC-Führer. Khulubuse Zuma etwa, der Neffe des Präsidenten Jacob Zuma, ein stark übergewichtiger junger Mann, fällt nicht nur auf, wenn er seinen silbernen Maserati mit 181 Stundenkilometern durch die Heimatprovinz KwaZulu lenkt. Auch seine Geschäfte machen regelmäßig Schlagzeilen. Zuma war, gemeinsam mit Zondwa Mandela, einem Enkel Nelson Mandelas, Direktor der Firma Aurora Empowerment Systems, die 2009 die Pamodzi-Minen im Osten Johannesburgs übernahm. Ein verheerendes Geschäft. Die Infrastruktur der Mine verrottete, mehr als 5 300 Arbeiter sollen ihren Job verloren haben, nachdem sie über Monate keine Löhne erhielten. Um die Rechnung des Wachdienstes zu begleichen, wurden schließlich Haushaltsgüter und drei Luxuswagen aus dem großen Fuhrpark des Zuma-Neffen versteigert. Anfang November entzog sich Khulubuse einer Aussage vor Gericht in Pretoria. Als Grund gab er gesundheitliche Probleme wegen seines extremen Gewichts an.

Der Reichtum der gut Vernetzten, der Frauen, der Kinder und sonstigen Angehörigen der Mächtigen stößt zunehmend auf Argwohn in Südafrika. Leute wie Kunene „spucken ins Gesicht der Armen“, sagt Zwelinzima Vavi, Chef des Gewerkschaftsdachverbandes Cosatu, dem sich nach eigenem Bekunden inzwischen der Magen umdreht. Es gehe letztlich um die Frage, was Freiheit ist, und was man damit anfange, sagt auch der südafrikanische Gesellschaftskritiker Jonny Steinberg. „Die Gedanken, dass man ostentativ reich werden muss, als wichtigste Dividende der Freiheit, ist stark verbreitet.“

Der Zweifel beschränkt sich nicht auf die Partykönige. Täglich berichten südafrikanische Medien über Skandale der „Tenderpreneurs“ – eine Wortschöpfung aus „tender“ (Ausschreibung) und „entrepreneur“ (Unternehmer). Sie bezeichnet jene Neureichen, die Staatsaufträge ergattern und dabei enorme Gewinne einstreichen. Auch viele politische Führer betreiben nebenher gute Geschäfte. Und häufen beträchtliche Vermögen an.

„Du bist unsere letzte Hoffnung“

Der ANC-Wohnungsminister Tokyo Sexwale etwa wird auf etliche Hundert Millionen Euro geschätzt, er besitzt unter anderem Weingüter am Kap. Unlängst recherchierte die Tageszeitung Star, dass auf Sexwales Gut Bloemendal in Durbanville Tageslöhne von nur sieben Euro gezahlt werden, in einer Region, wo es zuletzt zu gewalttätigen Streiks verarmter Landarbeiter kam. Dennoch wird der Minister mit dem breiten Charme eines Paten verehrt. Als er im November ins Township Lenasia reiste, um einen Streit um illegal erworbenes Land zu schlichten, streckten Menschen ihm Schilder entgegen mit der Aufschrift: „Du bist unsere letzte Hoffnung.“ Zur Entspannung eilte Sexwale in einen nahe gelegen Kindergarten, um ein paar Mandela-Lieder zu singen. Die Kleinen waren hernach der Ansicht, er selbst sei Mandela. Sexwale ist für den ANC-Parteitag, der am Sonntag beginnt, als Vizepräsident nominiert.

Genau wie Cyril Ramaphosa, einst Gewerkschaftsführer und Kandidat für die Nachfolge Nelson Mandelas. Auch er hat es in der Privatwirtschaft zum Multimillionär gebracht. Seine Holding Shanduka Group profitierte von einem Regierungsprogramm zur Förderung der Teilhabe der schwarzen Mehrheit an der Wirtschaft, das sich „Broad-Based Black Economic Empowerment“ (BEE) nennt. Das Programm ermutigt Firmen, schwarze Manager einzustellen und sich schwarze Teilhaber zu suchen. Firmen in schwarzem Besitz werden bei Ausschreibungen bevorzugt. Das Ziel: eine allmähliche Umverteilung des ungleich verteilten Reichtums.

Tatsächlich aber bezweifeln viele Experten dies. Von BEE habe „nur eine recht kleine Zahl von Schwarzen profitiert“, sagt Robert Schrire, Politologe an der Universität Kapstadt. „Eine kleine Elite hat alle verfügbaren Kostbarkeiten bekommen.“ Die Folge: Auch in Südafrika wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer. „Der ANC-Elite ging es im letzten Jahrzehnt immer besser, doch dem Rest der Gesellschaft nicht“, meint Anthony Butler, Autor einer Biografie über den Multimillionär Ramaphosa. Der einst hoch angesehene Freiheitskämpfer ist zum Machtmenschen geworden, besitzt Anteile an Platinminen, Mobilfunkunternehmen, Banken, macht Geschäfte mit McDonald’s, Coca-Cola und dem Rohstoffmulti Glencore. Sein Shanduka-Imperium gilt als vielversprechendes Sprungbrett nach Afrika. In Nigeria, Mosambik, Mauritius und Ghana hat der Konzern bereits investiert. Die Zukunftsaussichten gelten als rosig. China hat sich im vergangenen Jahr mit 25 Prozent an der Holding beteiligt.

Denn Afrika, der Kontinent, der lange nur als Hort von Armut, Verschuldung und Hyperinflation, von Hunger, Krisen und Krieg wahrgenommen wurde, ist seit Jahren eine der stärksten Wachstumsregionen der Welt. Im vergangengen Jahrzehnt lagen sechs der zehn am stärksten prosperierenden Staaten südlich der Sahara, mit Wachstumsraten meist deutlich über fünf Prozent. Und es sind nicht nur Öl-Nationen wie Nigeria und Angola. Auch Äthiopien, Botswana, Ghana, Kenia, Mosambik, Sambia, Senegal und Tansania gelten Investoren längst als hochattraktiv. 2011 stieg das Volumen ausländischer Investitionen laut einer Studie von Ernst&Young um 27 Prozent. Produktion, Handel, Konsum und Tourismus wachsen. Bis 2030, schätzt die Afrikanische Entwicklungsbank, werde die Mittelklasse des Kontinents auf 300 Millionen Menschen anwachsen. Mit einer Kaufkraft von über zwei Billionen Dollar.

Südafrika gilt als wichtiger Motor des Fortschritts auf dem Kontinent. Die „Fat Cats“ schöpfen in dieser Entwicklungsphase den Rahm ab, die Korruption greift um sich. Und doch profitiert allmählich auch die Masse. Millionen haben seit der ersten freien Wahl 1994 Zugang zu Trinkwasser und Strom bekommen, Hunderttausende Häuser wurden neu gebaut. Der Anteil der Menschen, die von weniger als zwei Dollar am Tag leben – ein Gradmesser für Armut – ist von 12 Prozent (1996) auf fünf Prozent (2010) gefallen. Die rund zehn Millionen Angehörigen der schwarzen Mittelschicht verfügen in der Summe inzwischen über mehr Kaufkraft als die weiße Minderheit. Die Einkommen steigen deutlich, um – inflationsbereinigt – etwa 3,3 Prozent pro Jahr.

Wenn das Geld brennt

Nirgends ist dies sichtbarer als in Soweto, dem Millionen-Township im Südwesten Johannesburgs. Hier schießen neben Blechhüttensiedlungen und den winzigen Matchbox-Häusern aus der Apartheid-Ära Wohlstands-Viertel aus dem Boden. Die neue Generation von Reichen shoppt in der Maponya-Mall, einem Einkaufszentrum mit über 200 Läden, in diesen Tagen vor Weihnachten gut besucht. Das einzige weiße Gesicht gehört zu einem Weihnachtsmann, der sich unter einem riesigen Tannenbaum mit Kunden fotografieren lässt.
Soweto ist Heimat quirligen Lebens geworden, mit neuen Geschäften Bars und Nachtclubs. Im Thokoza Park picknicken junge Familien und stellen ganz nebenbei ihr neues Auto zur Schau. Selbst arme Jugendliche haben ihren Weg gefunden, dem neuen Reichtum Tribut zu zollen. Die Izikhothane, Jungen zwischen fünf und vierzehn Jahren, treffen sich in den Townships, um teure Klamotten und Accessoires vorzuführen, die sie irgendwie ergattert haben. Das Zulu-Wort Izikhothane bedeutet so viel wie: „Die, die lecken“ – eine Anspielung auf den Sushi-König Kunene. Die Gangs konkurrieren um das tollste Outfit und die größte Aufmerksamkeit. Der Höhepunkt ihrer Partys ist die Zerstörung. Dann verbrennen sie ihre glänzenden Schuhe, ihre bunten Jacketts und sogar Geldbündel. Ihr Ziel, sagen sie alle, sei Ruhm.

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