Sieben Meter lang ist das Band, das Evangelina mitgebracht hat. Sieben Meter für sieben Wünsche, sagt sie, nur welche das sind, verrät sie nicht, sonst gingen sie nicht in Erfüllung. Und dann wäre alles umsonst gewesen: die teure Fahrkarte, die zwölf Stunden im Bus, die sechs Stunden, die sie jetzt schon in der Schlange steht, und die zwei Stunden, die sie noch brauchen wird, bis sie endlich am Ziel ist.
Argentinien, Provinz Corrientes: Dürre Wiesen bis zum Horizont, unter verkrüppelten Bäumen suchen Rinder Schutz vor der Sonne. Acht Kilometer außerhalb der kleinen Stadt Mercedes liegt das Grab von Antonio Mamerto Gil Núñez, genannt „Gauchito Gil“. Volksheilige wie ihn gibt es Dutzende im Lande, aber um keinen von ihnen ist der Kult in den letzten Jahren so gewachsen wie um diesen Gaucho. Überall in Argentinien stehen heute Altäre für ihn, an Landstraßen, in Dörfern und selbst mitten in Buenos Aires. Der Wallfahrtsort für alle Gaucho-Gläubigen ist und bleibt jedoch sein Grab in Corrientes, ein Santiago de Compostela tief in der Pampa.
Vom Deserteur zum Wundertäter
Aus der Ferne sieht man zuerst die roten Fahnen über dem Grab. Dann tauchen am Straßenrand Bretterbuden mit Souvenirs auf. T-Shirts für 35 Peso zeigen auf der Vorderseite den Gaucho Gil mit langen schwarzen Haaren, Schnauzer, und rotem Stirnband; hinten, wo bei einem Pop-Star die Tour-Daten stünden, ein Gebet: Oh Gaucho Gil, erfülle meine Wünsche! Pilger und gewöhnliche Schaulustige kommen das ganze Jahr hindurch, doch jetzt, im Januar, ist Hochsaison. Allein zwischen 2008 und 2010, sagt die lokale Polizei, verdoppelte sich die Zahl der Besucher auf 250 000.
Marcos ist gerade erst angekommen. Auf der Heckscheibe seines roten Fiat prangt ein Gauchito Gil, groß wie ein Zeichenblock. „Danke, Antonio Gil“, steht darunter. Marcos begann nach einem Motorradunfall, zu ihm zu beten, letztes Jahr war das. Dicke Narben sind ihm an seinem Bein geblieben, doch zum Glück sind sie alle gut verheilt. Deshalb ist Marcos hier, um sich zu bedanken.
Um den Gaucho Gil rankt sich, wie sollte es anders sein, eine Legende. Vor 140 Jahren, so heißt es, desertierte er aus der Armee. Auf der Flucht stahl er Vieh und teilte es mit den Armen – ein argentinischer Robin Hood. Nach einem Tanzabend wurde Gil geschnappt, man machte kurzen Prozess mit ihm. Der Henker, so die Legende, hatte sein Messer schon an Gils Kehle gesetzt, da versprach ihm der Gaucho, sein krankes Kind zu heilen, wenn er für ihn bete. Es kam, wie es kommen musste: Gil wurde hingerichtet, der Henker reuig und das Kind wieder gesund. Gil wurde zur lokalen Legende, später zum Patron für Fernfahrer und schließlich zum einem Universalheiligen, auf den selbst in der größten Krise scheinbar Verlass ist.
Neben der Straße haben Ramona und Luis ihr Zelt aufgeschlagen. Zwischen ihnen steht eine Thermoskanne, groß wie ein Putzkübel. Eiskalte Limonade ist darin, für den Tereré, den kalten Mate-Tee. Ramona und Luis kommen aus Rosario, 600 Kilometer weiter im Süden. Neun Kinder haben sie. Die jüngsten beiden, die Zwillinge, waren erst zehn, als damals, zur Jahreswende 2001/2002, die Krise losbrach und Luis seine Arbeit bei der Eisenbahn verlor. Egal, wo er suchte, ein neuer Job fand sich nirgendwo. Und da seien sie dann zum ersten Mal zum Grab des Antonio Gil gepilgert, erzählt Ramona: Gauchito, hilf uns!
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