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22. Juli 2012

Syrien: Die Angst geht um in Damaskus

Straßenzug in Damaskus. Foto: dpa

Der Tod ist in Syrien allgegenwärtig. Allein im Juli sollen bislang mehr als 2700 Menschen ums Leben gekommen sein. In der umkämpften Hauptstadt Damaskus setzt das Assad-Regime laut Augenzeugen Kampfhubschrauber ein. Italien fordert seine Staatsbürger auf, das Land zu verlassen.

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Aus der syrischen Hauptstadt Damaskus meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Sonntag Angriffe von Regierungstruppen auf die Viertel Masse und Barse, die zuvor von Rebellen gehalten worden waren. Dabei seien Kampfhubschrauber eingesetzt worden, es habe viele Opfer gegeben. Das staatliche Fernsehen erklärte, die Lage in der Hauptstadt sei ruhig, Kampfhubschrauber würden nicht eingesetzt. Die amtliche Nachrichtenagentur SANA meldete, Regierungstruppen hätten das Viertel Kabun aus Rebellenhand zurückerobert. Am Samstag hatten die Truppen bereits das Viertel Midan wieder eingenommen.

An den Zufahrten nach Damaskus errichteten die Behörden Kontrollstellen, um die Innenstadt von aufständischen Vororten abzuriegeln. Nach Angaben von Bewohnern konnten viele Lebensmittelgeschäfte ihre Vorräte deshalb nicht auffüllen. Müll sammelte sich in den Straßen. „Die Spannung ist greifbar, die Menschen haben Angst vor dem, was kommen mag“, sagte ein Bewohner, der nicht genannt werden wollte.

In Damaskus wie in Aleppo leben Angehörige der syrischen Elite, die von den engen Verbindungen zum Regime von Assad profitierten. Seit Monaten gewannen die Rebellen jedoch im Umland von Aleppo Unterstützung, während sich in der Stadt Ärger über das gewaltsame Vorgehen der Regierung gegen Regimegegner breitmachte. Besonders die Studenten in Aleppo protestierten immer wieder gegen die Regierung.

Der französische Außenminister Laurent Fabius mahnte Assad derweil zum Rücktritt. Sein „Regime ist vom eigenen Volk, das großen Mut beweist, abgestraft worden“, erklärte er. „Es ist Zeit, den Übergang und die Ära danach vorzubereiten.“ Zudem rief Fabius die zersplitterte syrische Opposition zur Einigkeit auf.

DRK besorgt über Versorgungslage

Seit Beginn des Konflikts sind in Syrien nach Angaben von Aktivisten mehr als 19.000 Menschen umgekommen. Allein in diesem Monat seien 2.752 Menschen getötet worden, teilte die Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Sonntag mit. Damit handele es sich um den Monat mit den meisten Opfern seit Beginn des Aufstandes im März 2011, sollte der bisherige Trend im Juli anhalten. Rom forderte italienische Staatsbürger angesichts der zunehmenden Gewalt am Sonntag zum Verlassen des Landes auf.

Immer mehr Syrer fliehen derweil vor den zunehmend blutigen Kämpfen in ihrem Land. Innerhalb von 48 Stunden seien zwischen 8.500 und 30.000 Syrer über die Grenze in den Libanon geflohen, teilten die UN am Freitag mit. Auch Tausende Exiliraker kehrten in ihre Heimat zurück.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) äußerte sich besorgt über die humanitäre Lage im Land. Durch die Kämpfe in Damaskus habe sich in der vergangenen Woche die Versorgungslage für zahlreiche Menschen in der Hauptstadt verschlechtert. Viele Geschäfte hätten geschlossen, alles sei teurer geworden. Innerhalb Syriens ist nach Angaben des Roten Kreuzes die Versorgungslage für etwa 1,5 Millionen Zivilisten durch den Konflikt schwierig geworden.

Rebellen melden Sturm auf Aleppo

Die syrischen Rebellen haben nach eigenen Angaben eine Aktion zur „Befreiung“ der Stadt Aleppo begonnen. Aktivisten veröffentlichten auf der Videoplattform YouTube eine Stellungnahme des Rebellenkommandeurs Oberst Abdul Dschabbar Mohammed Akidi, in der er am Sonntag erklärte, der Befehl zum Einmarsch nach Aleppo sei erteilt worden. Die Gefechte in der größten Stadt des Landes dauerten den dritten Tag an.

Die Beobachtungsstelle und der Aktivist Mohammed Said erklärten, in mehreren Stadtteilen von Aleppo werde gekämpft. Bereits am Samstag hatten Augenzeugen erklärt, die Gefechte gehörten zu den bisher schwersten in der nordsyrischen Stadt. Bisher stand Aleppo, die bevölkerungsreichste Stadt des Landes mit knapp 1,7 Millionen Einwohnern, loyal zum syrischen Präsidenten Baschar Assad und blieb von den Unruhen im Land weitgehend verschont.

Der Aktivist Mohammed Said sagte via Skype aus der Stadt, zahlreiche Rebellen der Freien Syrischen Armee seien nach Aleppo gekommen und kämpften nun gegen Regierungssoldaten. Rebellenkommandeur Akidi sagte, Angehörige religiöser und ethnischer Minderheiten in der Stadt hätten nichts zu befürchten. Dies gelte auch für die Religionsgemeinschaft der Alawiten, der Assad angehört. „Unser Krieg ist nicht mit euch, sondern mit der Assad-Familie“, sagte er.
Der Gouverneur der irakischen Provinz Nineva, Atheel Al-Nudschaifi, sagte, Rebellen hätten einen syrischen Grenzübergang zur irakischen Stadt Rabija eingenommen. Nach offiziellen irakischen Angaben schlug ihnen dabei kaum Widerstand entgegen. Insgesamt haben die Rebellen damit die Kontrolle über vier Übergänge in den Irak und die Türkei übernommen.

Krisentreffen der Arabischen Liga

Die Arabische Liga will am späten Sonntagabend in der katarischen Hauptstadt Doha über die Krise in Syrien beraten. Das Syrien-Komitee der Liga soll sich dabei auf Außenminister-Ebene treffen, hieß es am Sonntag in Kairo am Sitz der Organisation.

Beobachter gehen davon aus, dass die Teilnehmer heftige Kritik am Friedensplan des UN-Vermittlers Kofi Annan üben werden. Ägyptischen Medien zufolge reiste der Generalsekretär der Liga, Nabil al-Arabi, bereits am Samstagabend nach Doha. (dapd/dpa)

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