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27. Juli 2012

Syrien: In Aleppo stehen massive Kämpfe bevor

Fernsehbilder, die offenbar den Beschuss der Stadt Homs zeigen. Foto: dpa

Assads Truppen wollen Aleppo zurückerobern. Die Rebellen bereiten sich deshalb auf einen Großangriff der Bodentruppen vor. Die USA fürchten, dass die syrische Regierung dort ein Massaker anrichten könnte.

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Assads Truppen wollen Aleppo zurückerobern. Die Rebellen bereiten sich deshalb auf einen Großangriff der Bodentruppen vor. Die USA fürchten, dass die syrische Regierung dort ein Massaker anrichten könnte.

In der syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo stehen nach Einschätzung der Vereinten Nationen massive Kämpfe zwischen Soldaten und Rebellen bevor. Die Soldaten von Präsident Baschar al-Assad versuchten, „das Gebiet zu räumen“, erklärte die UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay am Freitag in Genf. Sie sei sehr besorgt, dass eine größere Konfrontation wahrscheinlich bevorstehe. Man könne ein Muster erkennen: Assad versuche, die von Rebellen kontrollierten Gebiete durch massiven Beschuss, den Einsatz von Panzern und Durchsuchungen Haus für Haus zurückzugewinnen.

Pillays Äußerungen decken sich mit Berichten von Einwohnern: „Das Regime zieht Truppen und Panzer vor den Toren Aleppos zusammen“, berichtete der Oppositionelle Abu Mohammad al-Halabi per Telefon aus der Stadt. Offenbar belasse es die Führung aber im Moment noch dabei, die von Rebellen gehaltenen Viertel unter Beschuss zu nehmen. Die Kämpfer hätten sich bislang aber weitgehend den Angriffen entziehen können. „Die meisten Opfer sind Zivilisten“, sagte Halabi.

Die Regierung muss Zivilisten schützen

„Es ist die oberste Pflicht der Regierung, Zivilisten vor jeglicher Form von Gewalt zu schützen“, sagte Pillay. Regierung und Opposition müssten sicherstellen, dass zwischen zivilen und militärischen Zielen unterschieden werde: „Zivilpersonen und zivile Objekte wie Wohnungen, Privateigentum, Arbeitsstätten, Schulen und religiöse Einrichtungen, müssen jederzeit geschützt werden.“ „Mord und willkürliche Tötungen, ob durch Regierungs- oder Oppositionskräfte, könnten Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen darstellen“, sagte die Menschenrechtskommissarin. „Wer sie verübt, sollte nicht glauben, dass er der Justiz entkommt.“

Am Freitag wurde ein etwa 60 Jahre alter Mann getötet. Am Donnerstag wurden nach Angaben von Oppositionellen in und um Aleppo mehr als dreißig Menschen getötet. Viele Schulen und andere Gebäude dienten den Menschen als Unterschlupf, sagte Halabi: „Wenn eine Bombe eine Schule trifft, dann gibt es eine Katastrophe.“

Madsched al-Nur, ein anderer Oppositioneller, berichtete, die Rebellen seien im Osten und Westen der Stadt, auch im Zentrum der Großstadt hätten sie bereits Fuß gefasst. „Das Regime hat die Kontrolle über die Zugänge zur Stadt und die wichtigsten Durchfahrts- und Geschäftsstraßen. Und sie bombardieren die Wohngebiete, die unter Kontrolle der Rebellen sind.“ Zehntausende Menschen seien aus der Stadt geflohen und versuchten, sich in der ländlichen Region nahe der türkischen Grenze in Sicherheit zu bringen. Von dort hat sich die syrische Armee in den vergangenen Wochen zurückgezogen.

Tödliche Schüsse auf Dreijährigen

An der Grenze zu Jordanien eröffneten syrische Soldaten nach jordanischen Angaben am Freitagmorgen das Feuer auf eine Gruppe von Flüchtlingen und erschossen dabei einen dreijährigen Jungen. Der Kleine sei seiner Schussverletzung am Hals sofort erlegen, teilte der jordanische Informationsminister Samih Maajtah mit.

Die Soldaten schossen seinen Angaben zufolge auf Flüchtlinge aus Syrien, die in Turra die Grenze überqueren wollten. Zwei Personen sei es gelungen, ins Nachbarland zu fliehen, etwa zehn weitere seien aufgrund der Schüsse zurück auf syrisches Gebiet gerannt, berichtete ein jordanischer Grenzschützer. Jordanien hat bereits mehr als 140.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen.

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan hat mit einem Militäreinsatz gegen Rebellen der in der Türkei verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im benachbarten Syrien gedroht. Die dortige Führung habe den an die Türkei grenzenden Norden des Landes PKK-Kämpfern „anvertraut“, sagte Recep Tayyip Erdogan im türkischen Fernsehsender Kanal 24.

USA will Opposition stärker unterstützen

Die US-Regierung will die syrische Opposition unter bestimmten Voraussetzungen deutlich stärker als bisher unterstützen. Sollten die Rebellen sich sichere Rückzugsgebiete schaffen können, wäre Washington in der Lage, seine direkte Hilfe zu erhöhen, sagten Vertreter der US-Regierung.

Ein übergelaufener General kündigte an, die zerstrittene Opposition Syriens einigen zu wollen. Brigadegeneral Manaf Tlas ist nach eigenen Worten mit Regierungsgegnern in- und außerhalb des Landes mit dem Ziel eines Machtwechsels im Gespräch. Er bemühe sich auch um Unterstützung Saudi-Arabiens und anderer Länder, sagte der einst mit Präsident Baschar al-Assad befreundete Offizier. Angesichts des Vormarsches der Rebellen in der syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo hat die Armee eine großangelegte Gegen-Offensive angekündigt.

Mögliches Massaker

Unterdessen befürchten die USA nach eigenen Angaben, dass die syrische Regierung im umkämpften Aleppo ein Massaker anrichten könnte. „Wir machen uns Sorgen, dass wir in Aleppo ein Massaker erleben werden, und es scheint, dass sich das Regime dafür in Stellung bringt“, sagte Außenministeriums-Sprecherin Victoria Nuland. Sie verwies auf glaubwürdige Berichte über Panzerkolonnen, die sich auf Aleppo hinbewegten, sowie Angriffe durch Hubschrauber. Dies stelle eine ernste Eskalation der Bemühungen der syrischen Regierung dar, die Rebellion niederzuschlagen. „Wir machen uns große Sorgen, zu was sie in Aleppo fähig sind.“

Zugleich schloss die Sprecherin ein militärisches Eingreifen der USA aus. Die Lösung sei nicht mehr Gewalt, sondern ein Ende der Gewalt und der Beginn eines politischen Übergangsprozesses.

Die syrische Armee hat in der Wirtschaftsmetropole Aleppo wie auch in der Hauptstadt Damaskus ihren Druck auf die Rebellen massiv erhöht. Präsident Assad versucht seit 16 Monaten, einen Aufstand gegen seine Herrschaft niederzuschlagen. Mindestens 17.000 Menschen sind nach Angaben der Opposition bislang getötet worden.

Seifenopern fürs Volk

Wer dieser Tage in Syrien das Staatsfernsehen einschaltet, muss sich die Frage stellen, ob der blutige Konflikt im Land wirklich Realität ist. Mehr als 16 Monate nach Beginn der Revolte gegen Staatschef Baschar al-Assad veranlassten erst der tödliche Anschlag vom 18. Juli auf den engsten Führungszirkel und die Ausweitung der Kämpfe auf Damaskus den Sender, über die bedrohlichen Ereignisse zu berichten - wenn auch nur minimal. Während Syrien brennt, wird der Zuschauer mit Seifenopern, Diätshows oder Aerobic-Programmen abgespeist.

Nach dem Anschlag, bei dem vier herausragende Vertreter der Regierung Assad starben, wurde der Ton im Staatsfernsehen dann etwas ernster. Erstmals waren die Leichen von Rebellen zu sehen, daneben Bilder von Soldaten, die stolz erklärten, die Stadtviertel der Hauptstadt „auf Geheiß der Einwohner von Terroristen gesäubert“ zu haben. Der Öffentlichkeit sollte einmal mehr versichert werden, dass sich Syrien einer „Verschwörung“ ausgesetzt sehe und dass „Terroristen“ Chaos verbreiten wollten.
In den Tagen danach wurde der Hurrapatriotismus immer heftiger: Zu sehen sind kampferprobte Soldaten, die ein Spezialtraining absolvieren, unterlegt sind die Bilder von den „mutigen Streitkräften“ mit patriotischer Musik. Die arabischen Satellitensender Al-Dschasira und Al-Arabija werden von der syrischen Führung wegen ihrer kontinuierlichen Berichterstattung über den Konflikt geschmäht, der Slogan des syrischen Staatsfernsehens lautet dagegen: „Unsere Stimme ist lauter, unser Bild ist klarer.“

„Sie wollen uns für dumm verkaufen“

Und während die Kämpfe landesweit immer erbitterter werden und das Blut fließt, wacht der Zuschauer des Staatsfernsehens zu Bildern eines jungen Mannes auf, der erklärt, „wie man einen Bizeps und einen Trizeps trainiert“ - „Enjoy a healthy life“ (Genieße ein gesundes Leben) ist im Hintergrund auf Englisch zu lesen. Anschließend erfährt der Zuschauer alles über die „Vorteile von Vollkornbrot“, „Straußenfarmen in Syrien“, „die Wiederbelebung orientalischer Musik“, „Antiquitätenausstellungen in Aleppo“ oder „Kochen im Ramadan“. Im heiligen Fastenmonat zeigt der Sender am liebsten Seifenopern.

Kurz vor Beginn der Gefechte in der syrischen Hauptstadt informierte das Staatsfernsehen den Zuschauer in einem Bericht auf Englisch über den „so bezaubernden Sommer in Damaskus, dank der Jacaranda-Bäume“. Auch als die Kämpfe im Stadtteil Midan wüteten, versicherte das Staats-TV, dass „alles in Ordnung“ sei. Ein immerhin vor Ort entsandter Reporter interviewte sichtlich eingeschüchterte Autofahrer und bewertete die Situation danach als „ruhig“ - als im Hintergrund Explosionen und Schüsse zu hören waren.

Inzwischen scheint das Staatsfernsehen - von den Regierungsgegnern oft verhöhnt - auch von Assad-Unterstützern teilweise nicht mehr ernst genommen zu werden. „Wir unterstützen auf jeden Fall die Regierung und die Armee, aber die Sender sagen definitiv nicht die Wahrheit“, sagt der Lebensmittelhändler Bassam aus Damaskus. Ahmed, ein nach Beirut geflohener junger Syrer, sagt: „Sie wollen uns für dumm verkaufen.“

In den sozialen Netzwerken im Internet kursieren bereits Witze über an Absperrungen patrouillierende Soldaten, die Zivilisten vorwerfen, sich in Gefahrenzonen begeben und die Situation verkannt zu haben, weil sie ausschließlich das Staatsfernsehen verfolgt hatten. Eine syrische Regierungsanhängerin in Beirut räumt ein: „Sie übertreiben - sie sprechen weder von den Demonstrationen noch über die Opposition.“ (rtr/dapd/dpa/afp)

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