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Politik
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26. November 2011

Syrien: Reise in ein verbotenes Land

 Von Jürgen Todenhöfer
Soldaten an einer Straße in Homs. Die drittgrößte Stadt Syriens mit etwa 800 000 Einwohnern ist eines der Zentren der Proteste gegen Präsident Baschar al-Assad.  Foto: imago

Seit Monaten darf kein westlicher Reporter mehr in die syrischen Rebellenhochburgen. Jürgen Todenhöfer war dort – und sieht Syrien am Rande eines Bürgerkriegs

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Damaskus –  
Arabische Liga berät über Sanktionen

Syriens Führung hat am Freitag auch ein zweites Ultimatum der Arabischen Liga zu einem Ende der Gewalt verstreichen lassen. Syriens Staatschef Assad hatte vergangenen Sonntag ein erstes Ultimatum ignoriert. Daraufhin drohte die Arabische Liga Sanktionen an, sollte die Regierung in Damaskus nicht bis Freitag der Einreise unabhängiger Beobachter zustimmen.
Die Arabische Liga berät am Samstag über Sanktionen wie die Aussetzung von Flügen und den Stopp von Finanz- und Handelstransaktionen.

. „Ich ein Staatsfeind?“, frage ich verdutzt den Grenzbeamten, der mir abends am Flughafen Damaskus die Einreise verweigert. „Gegen Sie liegt ein Einreiseverbot des Geheimdienstes vor!“, antwortet er knapp. „Folgen Sie mir!“ In einem kargen Büro beginnt ein Verhör, immer wieder unterbrochen von hektischen Telefonaten. Im Juni hatte ich als Tourist Syrien bereist und Daraa besucht, die Stadt, in welcher der Aufstand begann. Ich hatte darüber geschrieben. Den Geheimdiensten schien das missfallen zu haben. Ausländische Journalisten sind in Syrien seit langem nicht mehr zugelassen – ein politisches Eigentor der Extraklasse! Seitdem ist die ausländische Berichterstattung nicht mehr zu 80, sondern zu 100 Prozent negativ.

Ich beginne, mich nach einem Plätzchen umzusehen, wo ich bis zur Abschiebung ein paar Stunden schlafen könnte. Doch plötzlich, gegen Mitternacht, wendet ein Anruf des Außenministeriums das Blatt. „Sie können einreisen, entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten!“, sagt einer der Beamten müde. Syrien ist ein Land voller Überraschungen und Widersprüche.

        

Jürgen Todenhöfer, 71,  früherer CDU-Bundestagsabgeordneter und Medienmanager, bereist seit Jahren muslimische Länder und Krisenregionen wie Afghanistan, den Irak oder Libyen. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Feindbild Islam – Zehn Thesen gegen den Hass“. Der ARD-Weltspiegel, am Sonntag, 19.20 Uhr, zeigt seinen Bericht aus Syrien.
Jürgen Todenhöfer, 71, früherer CDU-Bundestagsabgeordneter und Medienmanager, bereist seit Jahren muslimische Länder und Krisenregionen wie Afghanistan, den Irak oder Libyen. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Feindbild Islam – Zehn Thesen gegen den Hass“. Der ARD-Weltspiegel, am Sonntag, 19.20 Uhr, zeigt seinen Bericht aus Syrien.
 Foto: imago

Am nächsten Nachmittag stehe ich auf dem Omajaden-Platz – inmitten einer staatlich organisierten Großveranstaltung für Präsident Baschar al-Assad. Obwohl die Staatsdemo schon morgens begonnen hat, feiern noch mehr als eine halbe Million Menschen. Hunderttausende rufen in Sprechchören: „Assad heißt Freiheit, Assad heißt Demokratie!“ Staunend stehe ich in der Menge. Bezahlte Jubel-Syrer?

Es herrscht Volksfeststimmung. Junge Soldaten und Mädchen fordern mich zum Tanzen auf. Dankend lehne ich ab. Aber in Damaskus scheint Assad mehr Anhänger zu haben, als die Welt glaubt. Die Zahl der Demonstranten ist mindestens zehnmal so groß wie am nächsten Tag in den westlichen Medien berichtet. Das kommt davon, wenn man die Weltpresse aussperrt!

Damaskus allein ist nicht Syrien. Ich beschließe daher, mir auch Homs und Hama, die Hochburgen der Revolution anzuschauen. Auf eigene Faust. Mit einem Taxi, dessen Fahrer dort Verwandte hat.

Homs, einst viel bewundertes Vorbild des friedlichen Miteinanders der Religionen, ist heute Schauplatz blutiger Kämpfe. Unzählige Menschen sind dabei getötet oder schwer verwundet worden. Ich erwarte eine von Panzern umstellte Stadt. Aber am Stadteingang sind weder Soldaten noch militärische Sperranlagen zu entdecken. Nur Schutzwälle aus Sandsäcken an Straßenkreuzungen und öffentlichen Gebäuden erinnern daran, dass hier häufig Kämpfe toben. Die Geschäfte sind offen, tausende Menschen sind unterwegs. Auf dem Wochenmarkt, auf dem es von Fleisch und Gemüse bis zu warmer Unterwäsche alles zu kaufen gibt, erwerbe ich drei Bananen. Der schnauzbärtige Verkäufer schenkt mir eine Tüte Mandarinen dazu. „Danke, dass Sie gekommen sind! Hier kommt niemand mehr her.“

In einem Teehaus spielen alte Männer Backgammon. In einer schummrigen Ecke nehmen wir Platz, bestellen Minztee und eine Shisha-Pfeife. Ein junger Mann setzt sich zu uns. „Heute Abend wird es Kämpfe geben“, sagt er leise. „Sie sollten bald abfahren.“ Dann erzählt er von der Revolution, von seinen Träumen von Freiheit und seiner Angst vor den Geheimdiensten. „Die Menschen hassen das System. Es ist korrupt und brutal.“ Ich will wissen, wie viel Prozent in Homs hinter seinen Freunden, den Rebellen stünden. „Fünfzig Prozent“, antwortet er. „Wir bekommen einen furchtbaren Bürgerkrieg, wenn es nicht bald eine Lösung gibt.“ Wieder staune ich: Nur 50 Prozent unterstützen den Aufstand von Homs? Doch ich höre diese Zahl mehrfach. Vor allem von Alawiten und Christen, die hier 40 Prozent der Bevölkerung stellen.

Nach Sonnenuntergang fahren wir nach Hama, in die Stadt der malerischen Wasserräder und Aquädukte aus römischer Zeit. Im Souk pulsiert das Leben. Fröhlich grüßen uns die Menschen. Drei junge Männer ziehen uns in einen düsteren Hinterhof und berichten von den Kämpfen, die Syrien zweiteilen. Die großen Ballungszentren Damaskus und Aleppo seien noch ruhig, aber im Landesinneren hätten sich zum Schutz der friedlichen Demonstranten bewaffnete Einheiten gebildet. Der Jüngste der Gruppe zeigt mir ein Handy-Foto seines Vaters. Er sei bei einer Demo erschossen worden. Sein Filmmaterial will er mir nicht geben. Da könne er sich gleich im städtischen Gefängnis melden. Die Menschen hier haben Angst.

Spätabends sind wir in unserem Hotel in Hama. Todmüde falle ich ins Bett. Plötzlich höre ich eine Explosion und Gewehrsalven. Ich rufe die Rezeption an und frage, was los sei. „Das Übliche“, sagt der kleine, dicke Mann, der uns kurz zuvor noch eine friedliche Nachtruhe gewünscht hatte, und lacht. „Sie können ruhig weiterschlafen.“

Am nächsten Mittag fahren wir zurück nach Homs. Wieder diskutieren wir mit jungen Leuten, diesmal mit Christen. Auch sie demonstrieren regelmäßig für Demokratie. Unter großem persönlichen Risiko. Sie berichten von der Brutalität der staatlichen Sicherheitskräfte, aber auch von gnadenlosen, schwer bewaffneten Aufständischen. Sie schätzen deren Zahl landesweit auf 5 000. Nur ein Bruchteil davon seien desertierte Soldaten. Die spielten nur in den westlichen Medien eine besondere Rolle.

Die bewaffneten Aufständischen operierten im Stil von Guerilla-Kommandos, sagen unsere Gesprächspartner. Sie töteten nicht nur Soldaten und Polizisten, sondern gezielt auch Zivilisten. Es sind vor allem Alawiten. Aber auch Christen. Fast jeder in Homs kenne derartige Fälle. Die Behauptung, sie schützten Demonstranten, sei ein Vorwand. Ihr Ziel sei die Eskalation des Konflikts, das Chaos. Niemand wisse genau, von wem sie gesteuert werden. Sie hätten der Revolution ihre Unschuld gestohlen. Die meisten friedlichen Demonstranten und auch die Oppositionsparteien hätten andere Motive, sagen die jungen Christen. Ihnen gehe es um echte Demokratie. Sie wollten nicht länger von den staatlichen Sicherheitsapparaten wie unmündige Kinder gegängelt werden. Die Nato brauche man dazu nicht. Man wolle kein zweites Libyen. Der Westen mische sich ohnehin schon viel zu sehr ein. Die Revolution gehöre den Syrern. Syrien sei ein stolzes Land.

Es ist ein langes, nachdenkliches Gespräch, nur gestört von den Sirenen häufig vorbeifahrender Krankenwagen. Von der Straße aus gibt uns der Fahrer nervöse Zeichen aufzubrechen. Er hat mehrere Anrufe aus Damaskus erhalten. Al Dschasira und das syrische Fernsehen berichteten seit sechs Uhr morgens über schwere Kämpfe in Homs. Mit zahlreichen Toten. Das also ist der Grund, warum so viele Krankenwagen durch Homs rasen.

Plötzlich menschenleere Straßen

Die Kämpfe finden im westlichen Teil von Homs, in Baba Amrou, Azzahraa und in der 60th Street statt, während wir uns im Zentrum befinden. Das ist angeblich noch sicher. Ich will noch einmal zur Ad- Droubi-Moschee laufen, um meine Gedanken zu ordnen. Zu vieles geht mir durch den Kopf. Was ist Dichtung, was ist Wahrheit? Doch unser Fahrer wird immer ungeduldiger. Im Schritttempo fährt er hinter uns her. Wie auf ein geheimes Zeichen lassen alle Geschäfte ihre eisernen Rollläden runter. Die Straßen sind plötzlich menschenleer, gespenstisch. „Man soll sein Schicksal nicht überfordern“, denke ich und steige ins Taxi. Erleichtert rast der Fahrer los.

Kurz nach Sonnenuntergang sind wir in Damaskus. Wieder ist hier von Revolution nichts zu spüren. Syrien ist ein tief gespaltenes Land und viel komplexer als die westliche Politik denkt. In den Cafés und Souvenirläden der Hauptstadt sind die Menschen gegenüber den wenigen Touristen, die trotz Reisewarnung gekommen sind, noch liebenswerter als sonst. Sie scheinen entspannt und gelassen. Doch vielleicht ist das nur die Ruhe vor dem großen Sturm, der sich im Landesinneren und in den Vorstädten zusammenbraut. Allein an den beiden Tagen, die wir in Homs und Hama verbrachten, starben dort 68 bewaffnete Aufständische, 34 Zivilisten, aber auch 16 Soldaten. Syrien, Wiege unserer Zivilisation, steuert auf eine blutige Tragödie zu.

Doch der Siegeszug der Demokratie ist unaufhaltbar. In der gesamten arabischen Welt. Auch in Syrien. Und das ist gut so. Das weiß Präsident Assad, und das wissen seine Gegner. Mit beiden habe ich darüber lange Gespräche geführt. Doch müssen dafür, wie in Libyen, Zehntausende oder gar Hunderttausende Menschen ihr Leben lassen? Nicht nur die syrische Regierung, die unverantwortlich hart gegen friedliche Demonstranten vorgeht, sondern auch die Führer der bewaffneten Guerillakommandos sollten darüber nachdenken. Und auch der Westen, der statt zu vermitteln, Öl ins Feuer gießt, und dessen Sanktionen die Existenz Hunderttausender kleiner Leute vernichten.

„Assad ist paradoxerweise der Einzige, der Syrien jetzt noch friedlich zu einer Demokratie umformen könnte“, sagt mir ausgerechnet ein alter marxistischer Oppositionspolitiker. „Wenn er sich freien Präsidentschaftswahlen stellte – mit vollem Risiko. Eine solche demokratische Entscheidung würden sogar die meisten friedlichen Demonstranten akzeptieren. Weil viele Menschen noch immer einen Unterschied zwischen Assad und dem System machen“. Der Oppositionelle hat mehr als ein Jahrzehnt in den Kerkern des Regimes verbracht. Sein leises Lächeln ist von unendlicher Traurigkeit. Als spiegele es die Zukunft seines zerrissenen Landes.

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