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Tage des Terrors: Blutlachen in der Hotellobby

Die Hotellobby ist voller Blutlachen, im Pool schwimmen Leichen. Befreite berichten, wie sie sich mit Küchenmessern und Beilen bewaffneten. Von Christine Möllhoff

Eine befreite Geisel aus dem Trident-Hotel.
Eine befreite Geisel aus dem Trident-Hotel.
Foto: rtr

Zwei Nächte und einen Tag hat der Brite Mark Abell in seinem Hotelzimmer ausgeharrt. Immer in der Angst, dass die Terroristen ihn entdecken. Nicht wissend, ob er das Hotel jemals lebend verlassen wird. Umgeben von "Explosionen, Schüssen und Schreien", erzählt er Reportern nach seiner Befreiung. Sein Handy war die einzige Verbindung zur Außenwelt. Für ihn und 147 weitere Eingeschlossene ging der Terror-Alptraum von Bombay am Freitag zu Ende. Eliteeinheiten konnten sie aus dem Luxushotel Trident Oberoi befreien. Für andere kam die Rettung zu spät. In dem Hotel wurden insgesamt 24 Tote gefunden, darunter auch drei Bundesbürger, was die Zahl deutscher Todesopfer auf vier erhöhte. Insgesamt wurden bis Freitag mehr als 150 Todesopfer gezählt, elf davon Ausländer - neben den Deutschen zwei Australier, ein Brite, ein Spanier, ein Italiener, ein Kanadier, ein Japaner und ein Jordanier.

Nach zwei Tagen schien sich das beispiellose Terrordrama in Indiens Finanz- und Wirtschaftsmetropole am Freitag langsam dem Ende zu nähern. Tragisch endete offenbar das Geiseldrama im jüdischen Nariman-Haus. Am Abend kamen nach ersten Berichten fünf israelische Geiseln, darunter ein Rabbi und seine Frau, um, als Elite-Einheiten das Gebäude stürmten. Zwei Terroristen wurden getötet. Unklar blieb zunächst, wie die Opfer starben und ob sich noch weitere Geiseln in dem Gebäude befanden. Die Operation dauerte am späten Abend an.

Treffpunkt für Juden
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Die Chabad-Bewegung, die weit über 3000 Gästehäuser in gut 70 Ländern unterhält, ist die vielleicht größte ultraorthodoxe jüdische Sekte weltweit. Das Nariman-Haus in Bombay ist eins dieser Gästehäuser. Es gilt als beliebter Anlaufpunkt für israelische und andere Rucksacktouristen. Die bewaffneten Angreifer mussten sich Mittwochabend nicht mal gewaltsam Einlass verschaffen. Chabad-Einrichtungen heißen vom Selbstverständnis jeden willkommen. Meist greifen aber Juden auf das Angebot zurück, die Wert auf koscheres Essen legen, auf Gemeinschaftsgebete sowie auf das Ruhegebot am Sabbat. Ein Rabbiner und seine Frau führen ein Chabad-Haus. Notfalls hält ihr Wohnzimmer als Synagoge her. Das Nariman-Haus, das bis zu achtzig Gästen Platz bietet, wurde bislang von Gavriel und Rivka Holtzberg geleitet. Ihr zweijähriger Sohn Moische war, wie israelische Zeitungen berichteten, von seinem indischen Kindermädchen Sandra erst zwölf Stunden versteckt und dann aus dem vierstöckigen Haus geschmuggelt worden. geg

Interaktive Grafik: Detailkarten der Anschlagsorte

Am Morgen hatten sich Elite-Truppen der NSG, die "Schwarzen Katzen", von einem Hubschrauber auf das Dach des fünfstöckigen Gebäudes abgeseilt. Am Abend sprengten sie dann ein Loch in die Häuserwand und drangen in das Haus vor.

Bis in die Abendstunden hielten die Kämpfe auch im historischen Taj Mahal Hotel, dem Wahrzeichen Bombays, an. Immer wieder erschütterten Explosionen das 105 Jahre alte Gebäude, lieferten sich die Terroristen Schusswechsel mit der Polizei. Reporter warfen sich auf die Straße, um den Kugeln zu entgehen. Sie sprachen liegend in die Kameras.

Zu diesem Zeitpunkt sollen höchstens noch zwei Geiseln in dem Hotel gewesen sein. Bereits am Donnerstag hatte die Polizei eingeschlossene Gäste und Angestellte evakuieren können. Augenzeugen schilderten grauenvolle Szenen. Im Swimming-Pool seien Leichen geschwommen. Der Marmorboden der Lobby sei voller Blutlachen gewesen. "Wir haben das Licht ausgeschaltet und uns mit Küchenmessern und Hackbeilen bewaffnet", erzählt der Südafrikaner Faisul Nagel nach seiner Rettung. Er hatte sich mit anderen in eine Küche geflüchtet. Allein im Taj Mahal sollen 30 Menschen den Tod gefunden haben. Die Sicherheitskräfte gaben sich entschlossen, noch in der Nacht auch das Taj-Hotel zurückzuerobern.

Am Nachmittag hatten die Elite-Truppen zunächst das Oberoi unter Kontrolle gebracht und zwei Terroristen getötet. Unter den Befreiten waren auch zwei Deutsche, die für das Auswärtig Amt arbeiten, sowie 20 westliche Beschäftigte von Fluggesellschaften, darunter drei deutsche Lufthansa-Angestellte. Befreite Inder schüttelten den Sicherheitskräften dankbar die Hände. Nachrichtensender hielten Schweigeminuten ab, um der NSG und den Sondereinheiten zu danken, die ihr Leben für die Menschen riskiert hatten.

Der Angriff auf Indiens Wirtschafts- und Filmmetropole war offenbar eine sorgfältig geplante Kommando-Aktion. Die Täter waren mit Maschinengewehren, Handgranaten und Sprengstoff schwer bewaffnet und verfügten offenbar über detaillierte Lagepläne der Hotels und von anderen Zielen, die sie am Mittwochabend attackiert hatten. Die Täter sollen zwischen 18 und 25 Jahre jung gewesen sein - und entschlossen zu sterben. "Sie sahen wie kleine Jungs aus", sagt ein Augenzeuge.

Der Terroranschlag folgt einem neueren Muster. Hatten sich bisher oft Selbstmordattentäter an belebten Plätzen in die Luft gesprengt, so scheinen Attentäter zunehmend darauf aus zu sein, symbolhafte Orte zu besetzen und Geiseln zu nehmen. Bereits in der afghanischen Hauptstadt Kabul und im pakistanischen Islamabad hatten Terroristen gezielt internationale Luxushotels attackiert.

Autor:  CHRISTINE MÖLLHOFF
Datum:  28 | 11 | 2008
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