Es ist Donnerstagabend, 22 Uhr. In Taiwans Hauptstadt Taipeh gehen langsam die Lichter aus. Im Seven-Eleven-Markt im Wohnviertel des Business-Districts, wo sich die Börsenmakler der umliegenden Büros einen späten Snack holen, herrscht dagegen Hochbetrieb. Es riecht nach Hot Dogs, Kaffee, Fischbällchensud. Vor dem Automaten neben der Kasse steht ein grau melierter Herr in weißen Bermudashorts. Es ist Herr Chen aus der Song-Te-Road, nur ein paar Schritte von hier.
Piep, klick, piep, ratsch. Routiniert tippt Herr Chen auf den Touchscreen ein, um schließlich seine Kreditkarte durchzuziehen. Mit einer Amtshandlung sind Telefonrechnung, Stromrechnung, Bücherbestellung und die Theaterkarten bezahlt. „Sind wir nicht ein praktisches Land?“, ruft Herr Chen. Das Mädchen hinter dem Tresen nickt ihm freundlich zu. Vor der Tür bindet Herr Chen Gigi, das weiße Schoßhündchen los, das geduldig auf ihn gewartet hat. „Vize-Premier Chen!“, ruft plötzlich eine aufgeregte Stimme. Es ist die Verkäuferin aus dem Seven-Eleven-Markt. „Ihre Theaterkarten!“ Sean Chen bedankt sich mit einer angedeuteten Verbeugung.
Dass das Mädchen ihn mit seinem offiziellen Titel anspricht, ist dem zweiten Mann der „Republik China“, wie Taiwan offiziell heißt, ein wenig peinlich. Wohl auch, weil der politische Seiteneinsteiger Wert darauf legt, ein ganz normaler Mensch zu sein, der mit seinem Amt nur seine Pflicht als Staatsbürger tut. Bis vor drei Jahren war Chen Finanzexperte im Privatsektor. Mit Geld kennt sich der Minister für Finanzen und Verbraucherschutz also aus. Er hat keine Bodyguards, keinen Fahrer an den Wochenenden und nach Feierabend, keinen Privatsekretär: „Das ist nicht nur Sparsamkeit, sondern auch ein Abbild unserer Demokratie“, erklärt Chen, der ersten bis heute durchgängig existierenden in Asien überhaupt, wie er betont – was außerhalb Taiwans eher umstritten ist.
Die Republik China (Taiwan) feiert am 1. Januar 2012 den 100. Jahrestag der Staatsgründung. Allerdings ist ihr rechtlicher Status umstritten. Nur 24 Länder unterhalten diplomatische Beziehungen zu Taiwan. Deutschland gehört nicht dazu. Die meisten Staaten haben seit 1971 die Volksrepublik China anstelle der Republik China diplomatisch anerkannt.
Die Volksrepublik China betrachtet die Insel, die früher auch Formosa hieß, als abtrünnige Provinz. Aus Sicht Taiwans dagegen hat sich Festlandchina durch Gründung der Volksrepublik 1949 abgespalten. Lange dominierten militärische Auseinandersetzungen die Beziehungen, inzwischen nähert man sich durch Wirtschaftskontakte an. Seit 2011 erlaubt die Volksrepublik China ihren Bürgern individuelle Reisen nach Taiwan. Vielen Festlandschinesen gilt die Insel als Bewahrer ihrer Kultur.
Für zwei Wochen bin ich Hausgast bei Sean Chens Familie. Sie ist eine von 250 Familien aus ganz Taiwan, die junge Leute aus fast hundert Ländern – von Nigeria bis Kiribati – zu sich nach Hause eingeladen haben. Das Programm heißt „Saytaiwan“ und wurde zu Feier des 100. Jahrestags der Staatsgründung ins Leben gerufen. Sean Chens Frau Miryan Ko entschied sich für mich, weil ihr Mann in den 70er-Jahren als DAAD-Stipendiat in Frankfurt am Main die deutsche Kehrordnung kennenlernte und bis heute davon schwärmt.
„Nachbarn sind Teil der Familie“
Frau Ko war bis zur Pensionierung Managerin bei einem Computerhersteller. Jetzt managt sie die Hausgemeinschaft des Hochhauses, in dem die Familie seit zehn Jahren wohnt. In Taiwan gehören gemeinsame Aktivitäten mit den Nachbarn zum Alltag, egal welcher Schicht man angehört. „Nachbarn sind Teil deiner Familie. Und Familie ist das Wichtigste“, sagt Frau Ko.
Um die Anverwandten, egal ob tot oder lebendig, kreist der Jahreslauf in Taiwan. Heute feiert die Song-Te-Road Nummer 38 das Geisterfest. Für das dazugehörige Opferritual haben die Bewohner Süßigkeiten, Obst, Reis, Fisch und Fleisch in den palmenbewachsenen Innenhof geschleppt. Selbst eine Palette Büchsenbier fehlt nicht. Damit die eigenen Vorfahren die ihnen zugedachten Gaben erkennen, haben die Spender rote Papierfähnchen mit ihren Namen und Wohnungsnummern angebracht. Auf einer Pyramide aus Maracujas, Feigen und Sesam-Crackern thront die Flagge von Frau Ko und Herrn Chen.
Nach einem kurzen Gebet greift Frau Ko beherzt in einen Karton, der bis zum Rand mit Dollarscheinen gefüllt ist und wirft das Geld in eine Feuerschale. Unter Johlen schleudern die Nachbarn Yuan, Yen und Euros hinterher. Natürlich sei das nur bedrucktes Papier, beruhigt mich Frau Ko. Durch das Verbrennen werde den Ahnen Geld ins Jenseits geschickt. Geister, denen es im Reich der Toten an materiellen Gütern mangelt, tauchen nach dem Volksglauben im Diesseits auf und holen sich, was ihnen fehlt. Die Hausgemeinschaft geht kein Risiko ein. Es dauert fast eine Stunde, bis alle Geldscheine in Asche verwandelt sind. Die leiblichen Bedürfnisse der Geister sieht man eher pragmatisch: Am Ende der Zeremonie verschwinden Bierpaletten, Hühnerschenkel und Obsttürme zusammen mit den Stiftern im Lift.
Am nächsten Tag steuert Herr Chen den zehn Jahre alten Familien-Mercedes in die Altstadt von Taipeh. Hier sind die Häuser niedrig und die Straßen eng. Betagte Männer und Frauen sitzen am Straßenrand auf hölzernen Schemeln und spielen Mahjong, ein altes chinesisches Spiel. Kinder kurven auf BMX-Rädern um fliegende Händler und ihre Karren mit Hühnerfüßen und gebackenen Teigfladen herum. Es ist die Gegend, in der Sean Chen vor über 60 Jahren zur Welt kam. Damals war das die Stadt Taipeh, heute ist es ihr kleinster Stadtbezirk. In einem dreistöckigen Haus aus den 50ern wohnen Sean Chens Mutter, seine Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Jeden Samstag um 11.30 Uhr trifft sich der ganze Clan bei Seans Mutter zum Mittagessen. Ausnahmen von diesem Ritual werden nur bei Staatsbesuchen und Auslandsaufenthalten akzeptiert. Familie geht in Taiwan auch für Regierungsmitglieder vor.
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