Teheran ist wieder grün - die Opposition bevölkert erneut die Straßen. Hunderttausende machten am Freitag ihrem Unmut Luft - die größten Protestkundgebungen in der iranischen Hauptstadt seit einem Monat. "Lasst die politischen Gefangenen frei" und "Allah ist groß", skandierte die Menge rund um die große Halle des Freitagsgebets auf dem Campus der Teheraner Universität. Augenzeugen berichteten, die Polizei sei mit Tränengas gegen Demonstranten vorgegangen.
Ganz vorne in den Reihen der politischen Prominenz, die der Predigt des Ex-Präsidenten Haschemi Rafsandschani lauschte, war ein seltener Gast: Mir Hussein Mussawi, der angeblich unterlegene Reformkandidat bei der Präsidentenwahl am 12. Juni, von seinen Anhängern unter den Betern minutenlang mit Sprechchören gefeiert. Sein Kontrahent, der zum Sieger erklärte Mahmud Ahmadinedschad dagegen blieb so fern wie möglich - er reiste in die am östlichen Rande des Landes gelegene Pilgermetropole Maschad.
Land ist in politischer Krise
Denn mit Rafsandschani kam fünf Wochen nach der umstrittenen Abstimmung erstmals ein erklärter Gegner des Präsidenten in der zentralen politischen Veranstaltung des Landes zu Wort, auch wenn sein Auftritt nur im Rundfunk übertragen wurde. Und als erster ranghoher Vertreter der politischen Führung redete Rafsandschani offen von einer politischen Krise, die den Iran erfasst habe.
Das Vertrauen der Iraner sei "verloren gegangen" und müsse "wieder gewonnen" werden. "Wir alle haben einen schlechten Geschmack im Mund, wenn wir an die Wahl denken", sagte er und fügte hinzu: "Jetzt gibt es bei uns zwei Richtungen: Die einen machen einfach weiter, als sei nichts geschehen." Eine "große Gruppe kluger Leute" in diesem Land aber zweifele an dem Wahlergebnis. "Diese Zweifel ernst zu nehmen und auszuräumen, daran müssen wir arbeiten."
Damit aber gab der mächtige Kleriker und Ex-Präsident, der dem 86-köpfigen Expertenrat vorsteht, keinen Zentimeter politischen Boden an Gegner Ahmadinedschad preis. Er fand auch deutliche Worte an die Adresse des Obersten Religionsführers Ali Chamenei, dem die gefürchteten Revolutionären Garden und Bassidsch-Milizen unterstehen. Als eine "bittere Erfahrung, bei der wir alle verloren haben", geißelte Rafsandschani die Unruhen und ihre Unterdrückung. Er sei bei der iranischen Revolution von Anfang an dabei gewesen, rief er aus. "Wir wissen, was Imam Chomeini wollte: Er wollte jedenfalls nicht den Einsatz von Terror und Waffen, selbst dann nicht, wenn es um die Verteidigung der Revolution ging."
Zuvor hatte es seit dem umstrittenen Wahltag am 12. Juni drei Freitagsgebete gegeben, denen Rafsandschani und Mussawi demonstrativ ferngeblieben waren. Beim ersten trat Chamenei persönlich auf, der jede Konzession an die Reformer kategorisch ausschloss, ein Ende der Demonstrationen verlangte und das Wahlergebnis für unanfechtbar erklärte. Bei den nächsten beiden forderten Ajatollahs aus seiner engsten Umgebung unerbittliche Härte gegen verhaftete Demonstranten und unter dem Jubel der anwesenden Regimetreuen die Todesstrafe für deren Anführer. Diesen Hardlinern trat Rafsandschani nun ebenfalls entgegen und forderte die Freilassung aller politischen Gefangenen. "Es ist unnötig, Menschen einzusperren. Lasst sie zu ihren Familien zurückkehren. Wir sollten uns nicht von unseren Feinden dafür auslachen lassen, dass wir unsere Leute ins Gefängnis werfen."
Ahmadinedschad bleibt weg
Auch wenn sich viele junge Mussawi-Anhänger deutlichere Worte gewünscht hätten, mit seiner Freitagspredigt hat Rafsandschani der Protestbewegung neuen Auftrieb gegeben. Den ganzen Nachmittag und Abend dominierte die grüne Bewegung die Straßen und Plätze im Zentrum der Hauptstadt. Nach Angaben von Augenzeugen bewegte sich auch eine größere Menschenmenge in Richtung des berüchtigten Evin-Gefängnisses. Nahe der Universität kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, an anderen Stellen ließen Einheiten der Staatsmacht die Demonstranten jedoch gewähren.
Rafsandschani hat die Empörung im Volk für legitim erklärt, hat die Staatskrise jetzt offiziell auf die politische Tagesordnung der Islamischen Republik gesetzt. Schwer vorstellbar, dass sich Präsident Mahmud Ahmadinedschad nun noch - wie geplant - in der ersten Augustwoche offiziell für das Präsidentenamt vereidigen lassen kann.
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