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21. April 2013

Terror in Boston: Bomber hat wohl versucht sich umzubringen

Im Bostoner Beth Israel Deaconess Medical Center ringt der mutmaßliche Attentäter Dschochar Zarnajew um sein Leben. Das Krankenhaus wird von Sicherheitskräften überwacht.  Foto: dpa

Dem überlebenden Boston-Bomber droht eine Terroranklage. Die Ermittler haben mit seiner Vernehmung noch nicht begonnen. Der 19 Jahre alte Dschochar Zarnajew kann nicht sprechen. Nach Angaben des Senders CBS soll er einen Suizidversuch unternommen haben.

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Nach der Festnahme des mutmaßlichen zweiten Bombenlegers von Boston hat die strafrechtliche Aufarbeitung des Anschlags begonnen. US-Medienberichten zufolge bereitete das US-Justizministerium gegen den bei seiner Flucht schwer verletzten Dschochar Zarnajew eine Anklage wegen Terrorismus vor. Außerdem könnte er vom Bundesstaat Massachusetts wegen Mordes angeklagt werden. Mit einer Anklage Dschochar Zarnajews sei frühestens am Sonntag zu rechnen, deuteten Vertreter der Staatsanwaltschaft und des US-Justizministeriums am Samstagabend an. Welche Höchststrafe Dschochar droht, hängt davon ab, ob er nach Landes- oder Bundesrecht angeklagt wird: Massachusetts kennt keine Todesstrafe, die USA als Bundesstaat aber schon.

An Hals und Zunge verletzt

Der Zustand des verletzten mutmaßlichen Attentäters von Boston, Dschochar Zarnajew, ist nach Angaben von Gouverneur Deval Patrick „ernst, aber stabil“. Er habe sehr viel Blut verloren. Um ihn zu beatmen, sei der mutmaßliche Attentäter intubiert worden. Außerdem sei er medikamentös ruhiggestellt worden. Unabhängig davon sei er auch wegen einer Hals- und Zungenverletzung nicht in der Lage zu sprechen, sagte der Gouverneur von Massachusetts am Samstag. Patrick fügte hinzu, er hoffe, der 19-Jährige werde überleben: „Wir haben Millionen von Fragen, und diese Fragen müssen beantwortet werden“. Zurzeit befinden sich Staatsanwälte im Bostoner Beth Israel Deaconess Medical Center, die darauf warten, ihn befragen zu können. Wann Dschochar Zarnajew wieder sprechen kann, ist noch unklar. Der Beschuldigte wird von einem Pflichtanwalt vertreten.

Der mutmaßliche Marathon-Bomber von Boston soll einem Fernsehbericht zufolge einen Selbstmordversuch unternommen haben. Laut CBS gehen die Ermittler davon aus, dass sich Dschochar Zarnajew eine Pistole in den Mund gesteckt und abgedrückt haben könnte. Das hätte die Analyse seiner Wunden ergeben, berichtete der Sender am Samstagabend (Ortszeit). Dies widerspricht jedoch den Angaben der Polizei, der mutmaßliche Attentäter sei am Freitag mit erhobenen Händen aus seinem Versteck herausgekommen, um sich der Polizei zu stellen.

Auf Flucht Bruder überfahren

Das Motiv der mutmaßlichen Bombenleger von Boston ist weiter unklar. Es verdichten sich aber die Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund. Der Polizeichef von Watertown, Edward Deveau, äußerte sich überzeugt, dass die beiden Brüder Zarnajew allein gehandelt haben. „Nach dem, was wir wissen, waren sie allein.“ Die Bundespolizei FBI geht davon aus, dass der ältere Zarnajew-Bruder die führende Kraft der beiden war. Ermittlerkreisen zufolge wird allerdings noch untersucht, ob weitere Personen in das Attentat verwickelt sind. Nach ersten Indizien ist allerdings davon auszugehen, dass die zwei keine Komplizen hatten.

Dschochar Zarnajew und sein älterer Bruder Tamerlan sollen den Anschlag auf den Bostoner Marathonlauf am Montag verübt haben, bei dem drei Menschen getötet und rund 180 verletzt wurden. Auf ihrer Flucht sollen die aus einer tschetschenischen Familie stammenden Brüder einen Polizisten erschossen und einen weiteren Beamten schwer verletzt haben. Dschochar Zarnajew wurde am Freitag gefasst und mit schweren Verletzungen in ein Bostoner Krankenhaus eingeliefert. Die Polizei nimmt an, dass die Wunden von einem Schusswechsel bei einer Verfolgungsjagd in der Nacht zuvor stammen.

Bei der Schießerei war auch der ältere Bruder Tamerlan schwer verwundet worden. Als Tamerlan keine Munition mehr gehabt habe, sollen ihn Polizeibeamte niedergerungen und gefesselt haben. Der jüngere Bruder sei daraufhin in einen Wagen gesprungen und auf die Polizisten zugefahren. Dabei seien diese zur Seite gesprungen, so Polizeichef Deveau. Dschochar soll dabei seinen Bruder mit dem Fahrzeug überfahren und ihm so tödliche Verletzungen zugefügt haben.

Spurensicherung am Boot, in dem sich einer der mutmaßlichen Bostoner Attentäter versteckt hielt.
Spurensicherung am Boot, in dem sich einer der mutmaßlichen Bostoner Attentäter versteckt hielt.
 Foto: AFP

Ein Arzt, der den sterbenden Tamerlan Dschochar im Beth Israel Deaconness Medical Center in Boston behandelte, berichtete, dass der mutmaßliche Attentäter bei seiner Einlieferung bewusstlos gewesen sei und Wunden am ganzen Körper, darunter viele Schusswunden, gehabt habe. Im Internent kursieren Bilder des toten Attentäters. Ob Tamerlan an den Schusswunden oder anderen Verletzungen starb, konnte Dr. David Schoenfeld nicht sagen. Dies müsse ein Gerichtsmediziner klären, sagte er.

Vater will Sohn in Heimat beerdigen

Der Vater der mutmaßlichen Terrorbrüder will seinen getöteten Sohn in der Heimat, im russischen Konfliktgebiet Dagestan im Nordkaukasus, beerdigen lassen. Allerdings fehle ihm dafür das nötige Geld, sagte Ansor Zarnajew der Staatsagentur Ria Nowosti am Sonntag. Er könne auch weder eine Reise in die USA bezahlen noch einen Anwalt. „Leider können weder Verwandte noch Freunde finanziell helfen“, sagte Zarnajew, der sich derzeit in der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala aufhält. „Natürlich würde ich gerne meinen Sohn abholen, falls seine Leiche freigegeben wird und ihn hier begraben.“

Polizeichef Deveau gab am Samstag zugleich Details zur Festnahme von Dschochar Zarnajew am Freitag bekannt. Der 19-Jährige hatte sich im Bostoner Vorort Watertown, Massachusetts, in einem Boot versteckt. Der Besitzer hatte ihn dort entdeckt und die Polizei alarmiert. Deveau sagte, Dschochar habe nach langer Verfolgung letztlich aufgegeben. Zuvor hatte ein Roboter der Polizei die Abdeckung des Bootes, unter der sich der mutmaßliche Attentäter versteckt hatte, abgerissen, gleichzeitig setzen die Einsatzkräfte Blendgranaten ein. „Schließlich tat er, was wir ihm befohlen hatten, stand auf und hob sein Hemd hoch“, sagte Deveau in einem Interview des TV-Senders CNN. Die Polizei wollte so sehen, ob der Verdächtige Sprengstoff bei sich trug. Deveau sprach von „20 Minuten Verhandlungen“ mit dem Schwerverletzten. Er räumte allerdings ein, dass Zarnajew dabei „nicht viel gesagt“ habe. Er habe aber noch um sich geschossen.

Ermittler konzentrieren sich auf Reise

Die Ermittler untersuchen nach Informationen der New York Times inzwischen, welche Bedeutung eine Reise auf das Tatmotiv der Brüder gehabt haben könnte, die der ältere der mutmaßlichen Attentäter, Tamerlan Dschochar, im vergangenen Jahr nach Tschetschenien und Dagestan, zwei überwiegend muslimisch geprägte Länder im Nordkaukasus, unternommen hat. Beide Länder haben starke Separatistenbewegungen. Tamerlan verbrachte dort 2012 insgesamt sechs Monate. Sein Vater Anzor begründete die Reise damit, dass sein Sohn seinen russischen Pass habe erneuern müssen.

Tamerlan Zarnajew wurde bereits Anfang 2011 vom FBI befragt, nachdem russische Sicherheitsdienste ihn radikal-islamischer Überzeugungen verdächtigt hatten. Das FBI erklärte allerdings, nach einer Überprüfung habe es damals keine Anhaltspunkte für „terroristische Aktivität“ gegeben.

Vater: Söhne waren strenggläubig

Nach Angaben des Vaters der Brüder, Ansor Zarnajew, der in der Hauptstadt der südrussischen Teilrepublik Dagestan, Machatschkala, befragt wurde, waren seine Söhne „strenggläubige Muslime“. Ein Onkel der Brüder, Ruslan Zarni, nannte die beiden jungen Männer „Verlierer“. (lad/dpa/afp)

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