Der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus ist für die westlichen Regierungen und ihre Geheimdienste noch immer ein Schattenkrieg. Wenig Genaues weiß man über Gruppen wie Al- Kaida, die Taliban, die Islamische Bewegung Usbekistan, die pakistanische Lashkar-i-Toiba oder die Truppe des Top-Terroristen Ilyas Kashmiri. Wie sind sie strukturiert, welche Strategien fahren sie, wer hat das Sagen, wen rekrutieren sie – alles Fragen, die lange Zeit im Krieg gegen den Terrorismus eine untergeordnete Rolle spielten, weil der Westen allein eine militärische Lösung suchte.
Erst seit ein paar Jahren versuchen Geheimdienste mit Hilfe von Wissenschaftlern, tiefer in die Gedankenwelt der Terroristen einzudringen. Auch weil dieser Kampf nur zu gewinnen ist, wenn man den Islamisten die Basis nimmt und ihnen die Rekrutierung neuer Kämpfer erschwert.
Dazu aber ist es notwendig herauszufinden, wie ein Terrorist tickt, was ihn von einem radikalen zu einem gewaltbereiten Islamisten macht. Erst in den vergangenen fünf, sechs Jahren haben sich Forscher daran gemacht, dieses Phänomen zu ergründen. Die Erkenntnisse blieben vage. Zwar gibt es eine Reihe von Interviews mit radikalen Islamisten; gewaltbereite Terroristen aber lassen kaum mit sich sprechen.
Kein eindeutiges Profil
Der deutsche Politologe und Terrorexperte Peter Neumann, der das Internationale Zentrum zur Erforschung von Radikalisierung am Londoner King’s College leitet, kommt zu dem Schluss, dass es kein universell gültiges Profil des islamistischen Terroristen gibt. „Sie sind weder alle arm und ungebildet noch alle reich und gebildet“, sagte Neumann kürzlich in einem Vortrag auf der Herbsttagung des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden. Allerdings gebe es eine Reihe von Gemeinsamkeiten, was die Gründe für ihre Radikalisierung anbelangt. Neumann nannte vier Faktoren:
1. Unmut. Dieser äußert sich in einer gefühlten oder objektiv existierenden Unzufriedenheit mit den eigenen Lebensverhältnissen. Eine besondere Rolle spielt dieser Punkt bei den „homegrown terrorists“, Einwanderern meist, die im Westen geboren oder dort aufgewachsen sind. Ihr Unmut macht sich am Gefühl der fehlenden Verankerung in der Gesellschaft fest, an Diskriminierung und der mangelnden Akzeptanz. Neumann spricht hierbei von einem fehlenden „Zu-Hause-Gefühl“.
2. Ideologie. Die Ideologie hat zwar keine überragende Bedeutung im Motivationsgeflecht, aber sie gibt der Unzufriedenheit einen Sinn, indem sie Probleme analysiert und vermeintliche Lösungen anbietet. Die Lösung lautet: Erfülle deine Pflicht für die Ummah, die Gemeinschaft der Gläubigen, die vermeintlich vom Westen angegriffen wurde und nun verteidigt werden muss. Neumann zitierte in diesem Zusammenhang eine Terroristin, die nach ihrer „Bekehrung“ durch einen radikalen Londoner Imam gesagt hatte: „Plötzlich war ich Teil einer großen Sache, eines exklusiven Klubs – des Islam.“
3. Mobilisierung. Den Einzeltäter, der von sich aus als „einsamer Wolf“ zum Gewalttäter wird, gibt es zwar noch, aber er ist die Ausnahme. Radikalisierung ist überwiegend eine soziale Aktivität, die in Gruppen miteinander befreundeter Gleichgesinnter stattfindet. US-Forscher vergleichen das mit der Dynamik krimineller Gangs, die eng zusammengeschweißt und abgeschottet ihre Ziele entwickeln und umsetzen.
4. Traumatisches Erlebnis. Ein solches Ereignis kann persönlicher wie politischer Natur sein. Für Neumann hat dies aber den geringsten Einfluss bei der Radikalisierung von Islamisten.
Radikalisierung verhindern
An diesen vier Faktoren machen sich natürlich auch die möglichen Gegenstrategien des Westens fest, mit denen eine Radikalisierung vor allem junger Muslime verhindert werden kann. So sollten sie besser in die westlichen Gesellschaften integriert werden, um ihnen die Chance zu geben, die eigene Situation zu verbessern. Die Ideologie der Islamisten muss zudem gezielt und ideenreich bekämpft werden. In diesem Zusammenhang ist es wichtig herauszufinden, aus welchen Quellen junge Muslime in Europa ihre politischen Informationen ziehen, um hier effektiv gegensteuern zu können. Schließlich sollten nach Ansicht von Neumann auch traumatische Erlebnisse für Muslime vermieden werden, wie sie in westlichen Staaten etwa durch Überreaktionen des Staates entstehen können.
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