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Thailand-Experte Bünte: "Keine Hoffnung am Horizont"

Der Südostasien-Experte Marco Bünte über den Konflikt zwischen der urbanen Mittelschicht und den armen Bauern, das Königshaus und die Rolle des Militärs.

Marco Bünte
Marco Bünte
Foto: dpa

Herr Bünte, wer ist in diesem Konflikt im Recht: die Rothemden oder die Regierung?

Schwer zu sagen. Beide Seiten haben ihre Wahrheiten.

Zur Person

Marco Bünte ist Politologe. Er arbeitet am Institut für Asien-Studien des Hamburger Leibniz-Instituts für Globale und Regionale Studien und ist Mitherausgeber des Journal of Current Southeast Asian Affairs. (olk)

Die Oppositionellen forderten Neuwahlen, die Regierung war zwischenzeitlich dazu bereit. Hätten die Demonstranten da nicht nach Hause gehen müssen?

Die Rothemden hatten keine Exit-Strategie. Das liegt vor allem daran, dass sie keine homogene Gruppe sind. Auf den Fernsehbildern sieht man immer unschuldige Bauern, aber es gibt auch ausgebildete, bewaffnete Kämpfer. Sonst hätten die Demonstranten sich nicht so lange halten können. Auf das Regierungsangebot hin gab es wohl Diskussionen zwischen den Gruppen, aber keine Einigung. Letztlich setzten sich die Hardliner durch. Das führte zur Eskalation, die Regierung zog ihr Angebot zurück und sagt jetzt, wir lösen das mit Gewalt auf.

Hat sie denn eine andere Wahl?

Kaum. Aber es bleibt die Frage der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Die lässt sich von hier aus nicht wirklich beurteilen.

Wie kann der Konflikt enden?

Premier Abhisit Vejjajiva wird sich für das Vorgehen der Sicherheitskräfte verantworten müssen. Darüber hinaus muss, denke ich, das Angebot von Neuwahlen erneuert werden - sonst besteht die Gefahr, dass Teile der Rothemden sich weiter radikalisieren und in den Untergrund gehen.

Wird die Opposition sich denn mit einer möglichen Wahlniederlage zufriedengeben?

Die Frage stellt sich eher umgekehrt: Die meisten Wähler gibt es im Norden und dem Nordosten, und dort sind die Roten traditionell stark. Es ist zu erwarten, dass die UDD gewinnt - und das könnte wieder die Gelben auf die Straße bringen, die Anhänger der jetzigen Regierung. Ein Problem ist, dass es keine neutrale Instanz gibt, die über beiden steht.

Das war früher mal der König.

Bhumipol Adulyadej ist nicht nur gesundheitlich geschwächt, der Konflikt hat auch das Königshaus beschädigt: Der Kronrat nahm Einfluss aufseiten der Gelben, die Königinmutter ging zur Beerdigung eines bei den Unruhen 2008 zu Tode gekommenen Anhängers der Regierung Abhisit.

Kann die Monarchie ihre vermittelnde Rolle zurückerlangen?

Bhumipol ist 84 Jahre alt. Kronprinz Maha Vajiralongkorn ist unbeliebt, er steht im Ruf, ein Frauenheld zu sein. Seine Schwester ist populärer. Aber jeder Thronfolger hätte es schwer, in die Fußstapfen eines Königs hineinzuwachsen, der seit mehr als sechs Jahrzehnten regiert.

Wie sieht unter diesen Vorzeichen Thailands Zukunft aus?

Es ist leider keine Hoffnung am Horizont. Die Spaltung der Gesellschaft in urbane Mittelschicht und arme Landbevölkerung lässt sich nicht von heute auf morgen verändern. Das muss langfristig geschehen, durch Transferleistungen in die Regionen, durch Reformen. Es gibt aber starke konservative Kräfte. Die jetzige Regierung besteht größtenteils aus diesem Establishment.

Welche Rolle spielt das Militär?

Die Spaltung geht durch die ganze Gesellschaft. Traditionell hält das Militär zur Monarchie und eher zum Establishment, also zu den Gelben; es gibt jedoch auch Offiziere, die mit den Roten sympathisieren. Armeechef Anupong Paochinda hat sich im aktuellen Konflikt für Verhandlungen ausgesprochen. Die Regierung hatte nicht umsonst eine Neuwahl erst für November angeboten: Zuvor stehen wichtige Neubesetzungen in der Generalität an, da wollte Abhisit noch Weichen stellen.

Kann man denn noch nach Thailand in Urlaub fahren?

So lange das Auswärtige Amt vor Reisen nach Bangkok warnt, sollte man nicht dorthin fahren. Aber das geht vorbei, und die Kriegszone ist begrenzt - das ist kein Bürgerkrieg im üblichen Sinne.

Interview: Volker Schmidt

Datum:  18 | 5 | 2010
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