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Theologe Jüngel im Interview: "Das ist keine Bagatelle"

Der Theologe Eberhard Jüngel spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über das Verhalten von Verteidigungsminister zu Guttenberg in der Plagiats-Affäre und die Folgen für die deutsche Wissenschaft.

Eberhard Jüngel.
Eberhard Jüngel.
Foto: dpa

Professor Jüngel, wie beurteilen Sie als Kanzler des Ordens Pour le Mérite das Gebaren des Herrn zu Guttenberg?

Zum Selbstverständnis des Ordens gehört der Verzicht auf politische Stellungnahmen. Ich kann daher nicht im Namen dieser Gemeinschaft von Wissenschaftlern und Künstlern sprechen.

Zur Person

Eberhard Jüngel, geb. 1934, ist evangelischer Theologe und Kanzler des Ordens Pour
le Mérite.

Preußens König Friedrich Wilhelm IV. stiftete den Orden im Jahr 1842 für Wissenschaftler und Künstler. Er wird heute unter dem „Protektorat“ des Bundespräsidenten an höchstens 80 Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland verliehen.

Träger sind u.a. die Historiker Karl-Dietrich Bracher und Fritz Stern, die Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüßlein-Volhard, die Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser und Umberto Eco, der Pianist Alfred Brendel und Regisseur Wim Wenders. (jf)

Als Kanzler sind Sie aber auch selbst Mitglied des Ordens...

... und als Mitglied urteile ich zum Fall des Herrn zu Guttenberg – ein wahrhaft tiefer Fall! – mit Entschiedenheit. Mein Urteil kann ich in ein einziges Wort fassen: Pfui! Dieses „Pfui“ gilt nicht nur dem wissenschaftlichen Fehlverhalten des einstigen Doktoranden, sondern auch dem Verhalten, das der Verteidigungsminister uns seit Bekanntwerden des akademischen Skandals zugemutet hat.

Welches Verhalten meinen Sie genau?

Dieses sich Schritt für Schritt Korrigieren formt sich zu einem Gesamtbild, das die ganze Angelegenheit immer schlimmer gemacht hat.

Wie stark trifft dies die Reputation der deutschen Wissenschaft?

Hier ist das damalige akademische Fehlverhalten vom heutigen Umgang damit zu unterscheiden. Dass es bei der Anfertigung einer Doktorarbeit zu einem Plagiat kommt, ist jeweils ein Einzelfall. Der Ruf der deutschen Wissenschaft wird dadurch so lange nicht beschädigt, wie die betroffene Universität jeden Einzelfall sorgfältig untersucht, aufklärt und sanktioniert. Damit wird eine akademische Untat auf akademische Weise geahndet. Dissertationen sind Wege zur Wahrheit, doch jeder Doktorand sollte sich der Warnung Friedrich Schillers erinnern: „Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld. Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.“ Als evangelischer Theologe füge ich aber ausdrücklich hinzu, dass die menschliche Person mehr ist als die Summe ihrer Taten und Untaten. Die Würde der menschlichen Person sollte unantastbar bleiben.

Das betrifft den einzelnen Täter.

Ja. Was nun den Wissenschaftsstandort Deutschland angeht, so kann dessen Ruf empfindlich beschädigt werden durch den – hoffentlich nicht erfolgreichen – Versuch, die akademische Untat zu bagatellisieren, nur um einen beim Wählervolk beliebten Minister im Amt halten zu können.

Diesen Versuch der Bagatellisierung beobachten Sie?

Die Strategie der Bundesregierung, zwischen dem scheinbar erfolgreichen Politiker und dem gescheiterten Akademiker zu trennen, ist völlig inakzeptabel. Keine deutsche Universität, keine Wissenschaftsgemeinschaft kann das gutheißen.

Der Orden Pour le Mérite ist eine preußische Stiftung. Im Skandal um das Plagiat von Verteidiungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg stehen „preußische Tugenden“ wie Pflicht- und Ehrgefühl zur Disposition.

Als alter Preuße habe ich in den vergangenen Tagen manches Mal kopfschüttelnd zum Porträt Friedrichs des Großen hingesehen, das über meiner Tür hängt.

Was fordern Sie?

Welche Konsequenz Herr zu Guttenberg als Betroffener zu ziehen hat, das sollte ihm sein Gewissen sagen. Im Gewissen geht es ja um die moralische Integrität der gesamten Person. Die Bundeskanzlerin als Regierungschefin wiederum sollte nicht auf die nächsten Wahlen schielen. Auf die Dauer bemerkt auch das Wahlvolk, dass ein Politiker oder eine Politikerin schielt.

Sehen Sie die Stimme der Wissenschaft gegen Volkes Stimme ausgespielt?

Das ist eine beliebte, uralte Strategie, um den Wert der Wissenschaft für den öffentlichen Diskurs herunterzuspielen. Bei der Kanzlerin kann ich mir das – ehrlich gesagt – nicht vorstellen. Sie war selbst Wissenschaftlerin mit Leidenschaft.

Umso schlimmer.

Genau deshalb habe ich von „schielen“ gesprochen. Schielende Politik zerstört das unerlässliche Interesse der Bürger an der „res publica“.

Interview: Joachim Frank

Datum:  28 | 2 | 2011
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