Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, die seit der Jahrtausendwende mordend und bombend durch Deutschland gezogen sind, steckten noch in der Pubertät, als die Mauer fiel. Nur wenige Jahre später, um 1993/1994 herum, aber glitt das Trio – der Professorensohn, der arbeitslose Hilfsarbeiter und das ziellose, aber intelligente Mädchen – in die rechtsextreme Szene ab. Der gewalttätigen Neonazi-Kameradschaft Jena gehörten sie an, eine im Kern acht Mann starke Truppe, die Hatz auf Linke und Ausländer machte. Eine Nazigruppe wie viele im Freistaat: In keinem anderen östlichen Bundesland entstand nach der Wiedervereinigung so schnell eine stabile, straff organisierte Struktur gewaltbereiter Neonazis wie in Thüringen. Mitgeholfen dabei haben Nazi-Kader aus Bayern und West-Berlin – und der Verfassungsschutz, der rechte V-Leute anwarb und mit seinem Spitzellohn ungewollt die Szene subventionierte. Geld spielte offenbar keine Rolle – im Verfassungsschutz-Haushalt waren in den 90er-Jahren bis zu 800.000 Mark jährlich für V-Leute eingeplant.
#gallery
Im thüringischen Jena entdeckt die Polizei die Bombenwerkstatt der Rechtsextremisten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe und stellen Rohrbomben und Sprengstoff sicher. Das Trio wird nicht verhaftet und taucht ab.
Zwei Sprengsätze detonieren auf dem Grab von Heinz Galinski, einst Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Ermittler prüfen nun, ob das Trio dahinter steckt.
Eine Serie von mindestens 14 Banküberfällen werden heute Böhnhardt und Mundlos zugeordnet: zwei in Thüringen, zwei in Mecklenburg-Vorpommern und zehn in Sachsen.
Bombenanschlag auf jüdische Aussiedler in Düsseldorf an der S-Bahn-Haltestelle Wehrhahn. 10 Menschen werden verletzt, zwei davon schwer. Eine schwangere Frau verliert ihr Kind. Die Ermittler vermuten, dass dieser bislang ungeklärte Fall auch auf das Konto des Trios geht.
Enver S. (38) ist das erste Opfer einer Mordserie an vor allem türkischstämmigen Deutschen. Der Blumenhändler stand mit seinem Verkaufswagen an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. Nachmittags fand man ihn dort, von acht Kugeln aus zwei Waffen durchsiebt. Er stirbt zwei Tage später. Bis April 2006 werden acht weitere Morde mit einer der zwei Waffen verübt, die „Döner-Morde“.
Abdurrahim Ö. (49) wurde abends mit zwei Kopfschüssen in seinem Laden, einer Änderungsschneiderei, getötet. Der geschiedene Mann arbeitete tagsüber bei Siemens und besserte abends noch Kleider aus, um sich etwas Geld hinzuzuverdienen. Nachbarn hörten zuvor einen Streit, angeblich soll er sich mit zwei osteuropäisch aussehenden Männern auseinandergesetzt haben.
Süleyman T. (31) arbeitet im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld vormittags im Gemüseladen seines Vaters, als er ermordet wird. Der Vater fand den blutüberströmten Sohn, der auf dem Weg ins Krankenhaus starb. Erst die Obduktion zeigt, dass T. durch drei Schüsse aus nächster Nähe getötet wurde – so schwer entstellt war sein Kopf. Die Ermittler werden aufmerksam, die Soko „Bosporus“ wird gegründet.
Habil K. (38) wird in seinem Lebensmittelgeschäft in München-Ramersdorf mit zwei Kopfschüssen getötet.
Yunus T. (25) wird in einem Dönerstand im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel erschossen. Der Ablauf ist unklar. Der junge Mann, der erst zehn Tage zuvor in die Stadt kam, hatte schwere Schussverletzungen an Kopf und Hals.
Eine Nagelbombe explodiert in der überwiegend von Türken bewohnten Kölner Keupstraße. 22 Menschen werden verletzt. Die Täter hatten die selbst gebaute Bombe auf einem Fahrrad deponiert und ferngezündet. Eine Videokamera hatte die zwei Männer zwar aufgenommen. Dennoch blieb die Suche der Polizei bis vergangene Woche ergebnislos.
Ismail Y. (50) wird mit fünf gezielten Schüssen vormittags in seinem Dönerstand an der Nürnberger Scharrerstraße getötet. Bauarbeiter haben zwei Männer beobachtet, die ihre Fahrräder direkt vor dem Stand abstellten. Sie gingen hinein, kamen rasch wieder heraus und steckten dann eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Die Ermittlungen blieben dennoch ohne Erfolg.
Theodorus B. (41) treffen vor seinem Laden im Münchner Westend drei Schüsse in den Kopf. Der Teilhaber eines Schlüsseldienstes ist Grieche und das einzige nicht-türkische Opfer in dieser Mordserie.
Mehmet K. (39) wurde in seinem Kiosk an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße erschossen. Kurz nach 13 Uhr wurde die Leiche des dreifachen Vaters gefunden. Fünf Kugeln trafen ihn ins Gesicht.
Halit Y. (21) starb kurz nach 17 Uhr in seinem Internetcafé an der Holländischen Straße in Kassel durch zwei Kopfschüsse. Die Mörder gingen ein hohes Risiko ein, mindestens drei Gäste waren zu der Zeit in dem Café.
Michèle K. (22), Polizistin, stirbt in Heilbronn durch einen Kopfschuss. Ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Am Dienstwagen wird die DNA-Spur einer Unbekannten sichergestellt, die – wie sich erst 2009 herausstellt – falsch war. Die für den Gentest benutzten Wattestäbchen wurden beim Hersteller verschmutzt. Die Ermittler jagen zwei Jahre ein Phantom.
Beate Zschäpe sitzt seit Mittwoch in Haft wegen des Verdachts der schweren Brandstiftung – sie hatte ihre Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße angezündet. Vor allem aber wird gegen die arbeitslose Gärtnerin wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord ermittelt. Beate Zschäpe schweigt dazu.
Die mutmaßliche Rechtsterroristin will nach Information der Bild am Sonntag nur aussagen, wenn ihr als Kronzeugin Strafmilderung zugesichert wird. Sie ist die Einzige, die mehr Licht in die über 13 Jahre lange Terrorserie bringen kann.
80 gewaltbereite Nazis
Einer dieser Informanten – der Top-Nazi Tino Brandt – hatte 1994 die „Anti-Antifa-Ostthüringen“ gegründet, aus der zwei Jahre später der „Thüringer Heimatschutz“ (THS) hervorging, dem sich auch Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe anschlossen. 80 gewaltbereite Neonazis rechnete das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) damals der THS zu.
Die Zahl dürfte ziemlich genau sein, da der 1994 als V-Mann Nr. 2045 mit dem Decknamen „Otto“ angeworbene Brandt den Geheimdienst über die THS auf dem Laufenden hielt. Einige seiner Meldungen waren sogar so wertvoll, dass sie an das Bundesamt für Verfassungsschutz weitergeleitet wurden. Der Lohn war üppig – bis zu seinem Abschalten 2001 kassierte Brandt bis zu 40.000 Mark jährlich. Einen Großteil der insgesamt 200.000 Mark Spitzellohn investierte der V-Mann nach eigenen Angaben in den Aufbau des THS.
Nirgendwo stieg die Zahl gewaltbereiter Neonazis nach der Wende so rasant an wie in Thüringen: 1995 zählte das LfV 930 Personen, im Jahr 2000 bereits 1680. In den ersten zwei Jahren nach der Wende agierten an die zwei Dutzend neonazistischer Organisationen im Freistaat. In Thüringen gab es auch das erste Todesopfer rechter Gewalt: Am 25. Juni 1990 erschlugen zwei Skingirls in Erfurt einen 58-Jährigen.
#textline
Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?
US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund
Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner
Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf
Weblog der USA-Experten unserer Redaktion
Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.
Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.