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Tibet: Die Unruhe vor dem Sturm

Vor 50 Jahren flüchtete der 14. Dalai Lama aus Tibet. Kurz vor dem Jahrestag versucht China mit harter Hand, Proteste und Ausschreitungen wie die im vergangenen März im Keim zu ersticken.

Wir wollen endlich Herr unserer eigenen Angelegenheiten sein, sagt der Dalai Lama.
"Wir wollen endlich Herr unserer eigenen Angelegenheiten sein", sagt der Dalai Lama.
Foto: rtr

In der tibetischen Klosterstadt Rebkong macht Chinas Volksbefreiungsarmee aus ihrer Präsenz kein Geheimnis. Truppen marschieren in Camouflage-Uniform die Hauptstraße entlang und absolvieren auf öffentlichen Parkplätzen Drillübungen. Das offene Kasernentor gibt den Blick frei auf gepanzerte Einsatzwagen. Mehrere Hotels seien vollbesetzt mit Soldaten, berichtet ein Stadtbewohner hinter vorgehaltener Hand, darunter auch das einzige, das bis vor kurzem noch ausländische Touristen beherbergen durfte. Der Strom der Pilger, der auf dem Rundweg um das Heiligtum die Gebetsmühlen anschiebt, sei dünner als früher.

Wie in Rebkong (Chinesisch: Tongren) in der großteils von Tibetern bewohnten Provinz Qinghai demonstrieren Pekings Sicherheitskräfte derzeit in allen Hochburgen der Mönchsaufstände vom März vergangenen Jahres ihre Einsatzbereitschaft. Das staatliche Gewaltpotenzial soll protestwillige Tibeter einschüchtern, doch der Aufmarsch beweist auch, wie sehr die Regierung neue Unruhen fürchtet.

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Unser Korrespondent Bernhard Bartsch war in der tibetischen Klosterstadt Rebkong und beschreibt die dortigen Spannungen. "Es kann jeden Moment zur Gewalt-Explosion kommen", sagt der Dalai Lama im FR-Gespräch.

Denn neben dem ersten Jahrestag des so genannten "Ausbruchs von Unordnung vom 14. 3." steht ein weiteres heikles Jubiläum an: Am 10. März 1959 begehrten in Lhasa zehntausende Tibeter gegen die kommunistische Obrigkeit auf. Die Revolte endete mit einem Blutbad und der Flucht des Dalai Lama nach Indien.

Wurde die Regierung vergangenes Jahr von den Tibeterprotesten, die im Vorfeld der Olympischen Spiele weltweit Solidaritätskundgebungen hervorriefen, überrumpelt, so will sie nun jedes Aufkeimen sozialer Spannungen verhindern. Neben scharfen Sicherheitsvorkehrungen setzt sie dafür auf politische Erziehung, Propagandakampagnen und Reiseeinschränkungen. So mussten Klöster in den vergangenen Wochen Belehrungen über eine neue "Sicherheitsklausel" im Gesetz zur Religionsausübung abhalten.

Mönche seien nun ausdrücklich verpflichtet, "die soziale Sicherheit zu wahren, die sozialistischen Gesetze und Zustände zu verteidigen und die grundlegenden Interessen des Volkes sicherzustellen", meldete die Nachrichtenagentur Xinhua. Verboten seien "separatistische Aktivitäten gegen das Mutterland oder die Teilnahme an illegalen Protesten, die öffentliche Störungen verursachen könnten". Lobsang Gyaincain von der Spitze der Kommunistischen Partei in Tibet, verlangte von Mönchen gar, die "reaktionäre Natur der Dalai-Lama-Clique" zu erkennen.

Da Peking überzeugt ist, dass die Unzufriedenheit der Tibeter vor allem vom Ausland geschürt wird, werden alle internationalen Kontakte minimiert. Weite Teile der tibetischen Gebiete sind derzeit für Ausländer gesperrt. Reisebüros berichten, dass sie bis auf Weiteres nur Touren für Chinesen anbieten dürfen. Außerdem erhalten Tibeter seit vergangenem Jahr keine Reisepässe mehr. "Neuanträge und Verlängerungen werden abgelehnt", sagt ein betroffener Tibeter in Qinghai. "Keiner sagt uns den Grund, aber es ist klar, dass damit Kontakte zur Exilregierung verhindert werden sollen."

Auch innerhalb Chinas ist die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. "Wir Mönche dürfen unseren Landkreis nicht verlassen", sagt ein Klosterbruder. Fahrer von Überlandbussen seien angewiesen, Mönche nicht mitzunehmen. Chinas Regierung bemüht sich derweil, ein harmonischeres Bild der Situation zu zeichnen. Vergangene Woche kündigte Peking an, die Wirtschaft in der Region weiter zu fördern, vor allem auch im Autonomen Gebiet Tibet, jener Region, in der die Chinesen den Tibetern eine Teilautonomie zugestehen. Für die kommenden zwei Jahre seien allein dort Infrastrukturprojekte mit einem Gesamtwert von umgerechnet über fünf Milliarden Euro geplant, erklärte Wu Jianhua, stellvertretender Direktor des Statistikbüros in Lhasa.

Dazu gehören eine Verlängerung der Tibeteisenbahn, der welthöchste Flughafen in Ngari auf 4500 Metern sowie der Ausbau der Elektrizitäts-, Trinkwasser- und Telekommunikationsnetze. Damit will die Provinzregierung trotz der Wirtschaftskrise das Wachstum über zehn Prozent halten. Der Fortschritt soll die Demonstrationsbereitschaft verringern.

Zum Beginn des tibetischen Neujahrsfests vergangene Woche wurde die Bevölkerung in Lhasa offiziell zum Feiern aufgefordert. Das Staatsfernsehen zeigte Aufnahmen von Feuerwerken und glücklichen Familien. Abseits der Propaganda gaben zahlreiche Tibeter an, aus Protest das Losar-Fest nicht feiern zu wollen, so wie es beim Jahreswechsel nach dem Tod von Verwandten Brauch ist.

Bei den Protesten im vergangenen Jahr kamen nach Pekinger Angaben 22 Menschen ums Leben. Exiltibetische Kreise gehen von über 200 Toten aus. Und der tibetisch-chinesische Dauerkonflikt fordert weitere Opfer.

Am vergangenen Freitag setzte sich vor dem Kirti-Kloster in der Provinz Sichuan ein tibetischer Mönch in Brand. Der 30-jährige Mann trug dabei eine Tibetflagge und ein Bild des Dalai Lama. Nach Angaben der Organisation Free Tibet Campaign wurde er von Polizisten erschossen.

Die Tragödie ereignete sich einen Tag, nachdem der Dalai Lama seine Anhänger zu Vorsicht aufgefordert und davor gewarnt hatte, sich nicht von chinesischen Sicherheitskräften provozieren zu lassen. "In Tibet gibt es eine neue Schlag-hart-Kampagne", sagte der Friedensnobelpreisträger. Ziel sei es, die Tibeter mit Brutalität und Schikanen zu reizen, bis sie es nicht mehr aushielten und zurückschlügen. "Wenn es dazu käme, könnten die Behörden eine noch nie gesehene und unvorstellbare gewalttätige Niederschlagung starten."

Doch während das Religionsoberhaupt den Tibetern in seiner Heimat von Protesten abrät, planen Mitglieder des tibetischen Jugendkongresses im indischen Exilregierungssitz Dharamsala dramatische Aktionen. Als Teil der Neujahrsfeierlichkeiten wollen sie Puppen von Mao Tsetung und Präsident Hu Jintao verbrennen, um so "böse Geister zu vertreiben".

Auch im Kloster Rebkong ist die Opposition gegen Peking noch nicht gebrochen. Rund um das Kloster gibt es zwar keine Anzeichen für Protest, aber abseits der Hauptstraßen, auf denen das Militär patrouilliert, sind Graffiti mit dem Slogan "Freies Tibet" zu sehen. Aufgefallen sind sie der chinesichen Obrigkeit bisher nicht - die Ordnungshüter verstehen offensichtlich kein Tibetisch.

Datum:  6 | 3 | 2009
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