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25. Oktober 2014

Tod Sterbehilfe Suizid: „Suizid ist ansteckend“

 Von 
Wachkomapatientin im Alten-und Pflegeheim der Diakonie in Düsseldorf.  Foto: dpa

Der Mediziner Reinhard Lindner fordert Zuspruch statt Sterbehilfe für Menschen, die über Selbsttötung nachdenken. Im FR-Interview äußert Lindner sich über Möglichkeiten der Suizidprävention.

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Herr Lindner, etwa 10.000 Menschen verüben in Deutschland jährlich Suizid. Weiß man, wie viele davon unheilbar krank waren?
Genaue Daten darüber gibt es nicht. Aber man kann davon ausgehen, dass es sich um einen sehr geringen Prozentsatz handelt.

Was spricht dagegen, den wenigen Betroffenen, die nicht mehr leben wollen, den ärztlich assistierten Suizid zu ermöglichen?

Weil jeder Mensch, der über seinen Suizid nachdenkt, unseren Zuspruch und Unterstützung braucht und keine Hilfe bei der Selbsttötung. Die Hilfe bei unheilbaren Krankheiten ist sehr differenziert und umfasst unter anderem viele Möglichkeiten der palliativen Behandlung. Im Rahmen dieser Behandlung gibt es durchaus auch Hilfen, die das Sterben direkt erleichtern. Zudem aber sollte gesehen werden, welche Wirkung die Diskussion über assistierten Suizid auf diejenigen Menschen hat, die zwar aktuell nicht unheilbar krank sind, dies aber befürchten.

Das heißt, Sie fürchten, die öffentliche Debatte könnte auch Menschen in allgemeinen Krisensituationen beeinflussen?

Zur Person

Reinhard Lindner ist Oberarzt für Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie am Albertinen-Haus in Hamburg.

Von 1994 bis 2012 arbeitete er am Therapie-Zentrum für Suizidgefährdete der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Bis heute ist Lindner Mitglied im Nationalen Suizidprogramm für Deutschland.

Er ist Privatdozent für das Fach Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Nervenheilkunde. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie mit Älteren.

Ja, die Folgen bekomme ich jetzt schon zu spüren. Deshalb ist die Debatte so gefährlich, denn viele alte Menschen sind sich nicht sicher, ob sie in unserer Gesellschaft noch gewollt sind. Die Frage, welche Bedeutung ihr Leben noch hat, beschäftigt sie sehr. Viele meiner Patienten, die sich in einer psychischen Krise befinden, sagen mir, es verunsichere sie, wenn die Option des Suizids als gesellschaftlich sinnvolle und förderungswürdige Lösung diskutiert wird. Sie unterscheiden nicht, dass es beim ärztlich assistierten Suizid eigentlich nur um ganz wenige Betroffene geht, die sterbenskrank sind. Wir müssen da deshalb mit größter Vorsicht umgehen. Der Suizid ist ansteckend.

Teilen Sie auch die Kritik von Gegnern einer liberalen Sterbehilfe, die einen Dammbruch befürchten?

Ich befürchte eher die Gefahr einer „Sickerblutung“. Das heißt, in unserer Gesellschaft setzt sich ganz langsam eine Einstellung durch, wonach das Leben, wenn es schwierig wird und der Hilfe und Unterstützung bedarf, nicht mehr lebenswert ist und zu Ende gebracht werden muss. Dagegen sollten wir uns verwahren.

Eine Gruppe von Parlamentariern will den ärztlich assistierten Suizid nur unter strengen Voraussetzungen erlauben. Die Krankheit muss unumkehrbar sein, das Leiden extrem, der Patient ausführlich über Behandlungsalternativen aufgeklärt sein. Das reicht Ihnen nicht?

Ich glaube, dass diese drei Punkte in der Praxis nichts taugen werden. Die Frage des unumkehrbaren Leidens wird von Menschen sehr unterschiedlich erlebt. Es gibt ein Prinzip in der Alterspsychiatrie, dass je eingeschränkter Menschen sind, umso größer wird ihre Zufriedenheit mit den kleinen Dingen des Lebens. Es gibt keine Objektivität des Leidens, das ist immer sehr subjektiv. Der Mensch, gerade wenn er sich suizidal an einen anderen wendet, hat im Grunde eine doppelte Botschaft: Ich will sterben und: ich wende mich an den Therapeuten mit der Frage, was möglich ist. So ein Gespräch ist immer geprägt durch Ambivalenz. Ein Prozedere zu finden, nach dem jemand bestinformiert in den Tod geht, missachtet den seelischen Konflikt, in dem sich Suizidale befinden. Das kann man nicht einfach durch eine objektive Beratung lösen, sondern nur in einem längeren psychotherapeutischen Prozess.

Die Parlamentarier entgegnen, dass Depressionen in einem solchen Gespräch erkannt und der Patient an einen Therapeuten verwiesen würde.

Das ist alles sehr plakativ und wenig an der klinischen Realität orientiert. Die Frage, ob jemand depressiv ist oder nicht, ist nicht entscheidend. Wichtig ist vielmehr, ob es in einem Gespräch gelingt, die meist sehr widersprüchlichen Hintergründe für den Suizidwunsch anzusprechen und eine Beziehung anzubieten, in der Auswege aus der Krise überhaupt erst gesucht und gefunden werden können.

Hätten Sie denn Patienten verloren, wenn es ein solches Gesetz gäbe?

Ja, da bin ich mir sicher. Weil ich mit vielen Schwerkranken und Todkranken gesprochen habe, die sich mit dem sehr deutlichen Wunsch nach einem assistierten Suizid an mich gewendet haben. Es war in diesen Situationen aber durch das Angebot einer therapeutischen Beziehung möglich, einen anderen Weg des Sterbens zu finden.

Weiß man, wie Angehörige den assistierten Suizid erleben?

Da gibt es nur sehr wenig Forschung. Aber bekannt ist, dass es auf der einen Seite ein Bemühen gibt, irgendwie seinen Frieden mit der Entscheidung zu machen. Andererseits stellen sich Angehörige nach einem Suizid fast immer die Frage, ob sie die Tat verhindern oder sich anders hätten verhalten können. Das heißt, es kommen massive konflikthafte Schuldgefühle auf, die nur sehr schwer behandelbar sind. Die WHO sagt, dass bei jedem Suizid – und da kann man sicher den assistierten Suizid mit einschließen – mindestens sechs Personen so sehr davon betroffen sind, dass sie medizinischer und therapeutischer Behandlung bedürfen.
Interview: Mira Gajevic

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