London. Für die Polizei und für die Mehrheit der britischen Zeitungen war der Sachverhalt schnell geklärt: Bei den Kundgebungen am Rande des G20-Gipfels in London war ein Mann einem Herzschlag erlegen. Der Betreffende kollabierte zwischen den Fronten der Demonstranten und der Polizei. Polizisten hatten noch erste Hilfe geleistet, obwohl sie von Krawallmachern mit Flaschen beworfen wurden.
Wenige Tage nach dem Vorfall wird diese Version in Frage gestellt. Inzwischen haben drei Augenzeugen unabhängig voneinander erklärt, dass der 47-jährige Zeitungshändler Ian Tomlinson von Polizisten zu Boden gestoßen wurde. Dann habe ihn mindestens ein Beamter mit dem Knüppel geschlagen. Tomlinson rannte später davon - und brach nach 70 Metern zusammen.
Die Fotografin Anna Branthwaite berichtete: "Einer der Beamten in voller Montur kam von hinten und schnappte ihn sich. Er stieß ihn vor sich her. Der Mann stürzte und rollte über den Boden." Der Polizist habe Tomlinson dann "zweimal mit dem Knüppel geschlagen". Der Schauspieler Amiri Howe sah, wie der Zeitungshändler "in Kopfnähe mit dem Knüppel geschlagen wurde". Kezia Rolfe, ein Forschungsassistent, beobachtete, "wie er stürzte und schwer auf den Kopf schlug" und wie er dann "dreißig Sekunden lang reglos am Boden lag". Dabei hatte Tomlinson gar nicht demonstriert, er war auf dem Weg nach Hause.
An Flaschenwürfe gegen die Polizei während ihrer Rettungsversuche erinnert sich im übrigen keiner der Zeugen. Die Beschwerdestelle Scotland Yards versprach nun, den Fall zu untersuchen. Die Liberaldemokratische Partei fordert gar eine öffentliche Untersuchung.
Kritik trifft auch die Berichterstattung der Londoner Medien vor dem Gipfel. Zeitungen hatten auf dramatische Weise vor "Anarchie und Chaos" auf den Straßen Londons gewarnt.
Sie schrieben, die Demonstranten wollten ganze Stadtteile in Schutt und Asche legen und "136 potenzielle Ziele überrennen". Am Ende kam es hauptsächlich zu Gerangel vor der Bank von England und einem einzelnen Übergriff auf ein Gebäude der just verstaatlichten Royal Bank of Scotland.
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