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21. Juli 2012

Transplantation: Schneller Weg zur Spenderleber

 Von Heidi Niemann
In einem Operationssaal wird einem Spender ein Organ entnommen.  Foto: dpa

Ein Göttinger Arzt soll Akten von Patienten gefälscht haben, um sie kranker erscheinen zu lassen - und so eine schnellere Versorgung mit einem Spenderorgan für sie zu erreichen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

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Göttingen –  

Ein Oberarzt im Göttinger Uni-Klinikum hat Dutzende Patientenakten gefälscht, um seinen Patienten bevorzugt zu einer Spenderleber zu verhelfen. Das haben die Ermittlungen der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer ergeben. Der Vorstand der Universitätsmedizin zeigte sich über die Verstöße, die der ehemalige Leiter der Transplantationschirurgie begangen haben soll, erschüttert: Die neuen Erkenntnisse „haben uns tief getroffen“, sagte der Vorstand Krankenversorgung, Professor Martin Siess, am Freitagmittag bei einer Pressekonferenz.

Den Ermittlungen zufolge soll der Oberarzt insbesondere in den Jahren 2010/2011 gezielt Laborwerte gefälscht und Dialyse-Behandlungen erfunden haben, sodass Patienten kränker erschienen, als sie waren. Unter anderem sollen falsche Blutgerinnungs- und Nierenfunktionswerte angegeben worden sein. Außerdem wurden Dialyse-Therapien dokumentiert, die nie stattfanden und nie abgerechnet wurden.

Durch die Manipulationen rückten die betreffenden Patienten auf der Warteliste für Spenderorgane der Stiftung Eurotransplant nach oben. Die Organisation teilt alle Spenderorgane in Deutschland und sieben weiteren europäischen Ländern zu. In den vergangenen Jahren sollen 25 Patienten des Uni-Klinikums bevorzugt eine Spenderleber zugeteilt bekommen haben. Die Ermittler untersuchten zudem die aktuelle Warteliste. Sämtliche 130 Patienten seien überprüft worden, sagte Siess. Bei der Auswertung der neu erhobenen Befunde sei man in 25 Fällen auf Auffälligkeiten gestoßen. Diese Patienten seien von der Warteliste gestrichen worden.

Die Göttinger Universitätsmedizin hatte sich bereits Ende vergangenen Jahres aufgrund eines ersten Verdachtsfalls von dem Transplantationsmediziner getrennt. Den Stein ins Rollen gebracht hatte damals ein anonymer Anrufer. Dieser hatte der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) einen Hinweis auf Manipulationen durch einen Transplantationsarzt gegeben. Das Klinikum hatte daraufhin eine externe Prüfungskommission eingesetzt und die Staatsanwaltschaft Braunschweig eingeschaltet. Diese ermittelt gegen den Spezialisten für Leberverpflanzungen wegen des Verdachts der Bestechlichkeit. Bislang habe man jedoch keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass Geld an den Mediziner geflossen sei, sagte am Freitag die Sprecherin der Strafverfolgungsbehörde, Serena Stamer. Ob der Fall strafrechtliche Folgen nach sich ziehen wird, lässt sich noch nicht absehen.

Der Leiter der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, Professor Hans Lilie, zeigte sich erschrocken: „Wir hätten uns das nicht vorstellen können“, sagte der an der Universität Halle lehrende Medizinrechtler. „Wir müssen uns jetzt darüber Gedanken machen, wie wir so etwas in Zukunft verhindern können.“

Die Uni-Medizin Göttingen hat Konsequenzen gezogen und ihre Abläufe geändert. Nur der Transplantationsbeauftragte darf die Werte der Patienten in die entsprechende Datenbank eingeben. Ärzte hätten keinen Zugang mehr zu dem Rechner, sagte Vorstandsmitglied Sebastian Freytag. Die Transplantationschirurgie hat außerdem seit April einen neuen Leiter.

Der unter Verdacht stehende Oberarzt war schon früher durch Verstöße aufgefallen.


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