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27. April 2015

Transplantationsskandal: Die Aufarbeitung des Transplantationsskandals

 Von Heidi Niemann
In einem Operationssaal einer Klinik wird eine Spenderorganentnahme an einem hirntoten Menschen durchgeführt.  Foto: © epd-bild / Annette Zoepf

Das Verfahren in Göttingen ist das erste, das sich um eine strafrechtliche Aufarbeitung des Transplantationsskandals bemüht. Der frühere Leiter der Transplantationschirurgie am Göttinger Universitätsklinikum muss sich wegen versuchten Totschlags in elf Fällen verantowrten.

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Versuchter Totschlag in elf Fällen und vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen: Wegen dieser Vorwürfe muss sich seit August 2013 der frühere Leiter der Transplantationschirurgie am Göttinger Universitätsklinikum vor dem Landgericht Göttingen verantworten. Nach 20 Monaten ist nun das Ende des Mammutprozesses in Sicht. An diesem Montag will die Staatsanwaltschaft plädieren, an den Folgetagen sind die Plädoyers der Nebenklage und der Verteidigung geplant. Am 6. Mai will dann die Schwurgerichtskammer ihr Urteil verkünden. Dem Göttinger Verfahren kommt eine Pilotfunktion zu: Es ist der erste Prozess, der sich um eine strafrechtliche Aufarbeitung des Transplantationsskandals bemüht. Das Urteil könnte daher auch eine Signalwirkung auf die weiteren Verfahren haben, die gegen Transplantationsmediziner anderer Kliniken anhängig sind.

An den vergangenen 62 Verhandlungstagen haben die Prozessbeteiligten ein immenses Arbeitspensum bewältigt. Die Kammer hat mehr als 100 Zeugen und neun Sachverständige gehört, manche auch mehrfach. Die Prozessakten umfassen inzwischen mehr als 60 Bände, dem Gericht liegen außerdem 38 Kartons mit Patientenakten und sonstigen Unterlagen aus der Universitätsmedizin Göttingen vor.

Der angeklagte Chirurg war von 2008 bis 2011 am Göttinger Klinikum tätig gewesen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 47 Jahre alten Mediziner vor, in elf Fällen durch Datenmanipulationen Patienten zu einer Spenderleber verholfen zu haben, die nach den geltenden Richtlinien keinen Anspruch auf ein Organ gehabt hätten. Damit habe er in Kauf genommen, dass andere Patienten, die wegen der Falschangaben auf der Warteliste von Eurotransplant nach hinten rutschten, möglicherweise verstarben. Außerdem soll er drei Patienten eine Leber eingepflanzt haben, obwohl eine Transplantation medizinisch nicht angezeigt gewesen sei. Die betroffenen Patienten waren später an Komplikationen verstorben. Der 47-Jährige bestreitet die Vorwürfe.

Brisante Indikationsfälle

Der Mediziner war im Januar 2013 wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft gekommen. Elf Monate später setzte das Gericht den Haftbefehl gegen eine Kaution von 500 000 Euro außer Vollzug. Damals hatte die Kammer eine vorläufige Zwischenbilanz gezogen und erklärt, dass sie bei den elf sogenannten Manipulationsfällen einen dringenden Tatverdacht sehe. Hier geht es um den Vorwurf, dass Patienten gegenüber der Organvermittlungsstelle Eurotransplant fälschlicherweise als dialysepflichtig gemeldet wurden, zudem sollen Blutwerte manipuliert worden sein. In dem Prozess hat allerdings keiner der Zeugen erklärt, dass der Angeklagte selbst diese Manipulationen vorgenommen habe.

Von besonderer Brisanz sind die drei übrigen Anklagen, die sogenannten Indikationsfälle. Hier geht es um die Frage, ob die Transplantationen medizinisch gerechtfertigt waren und ob die betroffenen Patienten ausreichend über Risiken und Behandlungsalternativen aufgeklärt wurden.

In seiner damaligen vorläufigen Bewertung stufte das Gericht nur einen der drei Fälle als strafrechtlich relevant an. Dieser betrifft eine 55-jährige Patientin, die mit einer falschen Diagnose eine neue Leber erhalten hatte und wenige Tage nach der Transplantation verstorben war.

Um diesen Fall haben die Verfahrensbeteiligten lange und teilweise erbittert gerungen. An manchen Tagen ähnelte die Verhandlung einem Medizin-Symposium, vor allem dann, wenn die vom Gericht beauftragten Gutachter das Vorgehen des Angeklagten bewerten sollten.

Im Lauf der Zeit waren auch die übrigen Verfahrensbeteiligten so firm in der Materie, dass ihnen Fachbegriffe wie Aszites, portale hypertensive Biliopathie, Cholangitis, Gallengangstenose und Ösophagusvarizen locker über die Lippen kamen. Mehrere Gutachter gaben an, dass die Patientin nicht, wie in den Unterlagen angegeben, an einer Leberzirrhose gelitten hatte, sondern an einer Fibrose. Streitig war, ob die Lebertransplantation trotzdem gerechtfertigt gewesen sein könnte. Einer der Gutachter sah darin einen Behandlungsfehler, somit stand der Tatverdacht der fahrlässigen Tötung im Raum.

„Es wird eine Revision geben."

Ende Februar gab es dann allerdings eine – für den Ausgang des Verfahrens möglicherweise entscheidende – Wende: Auf wiederholtes eindringliches Nachfragen des Gerichts erklärte der Gutachter, dass unter mehreren Prämissen, von denen allerdings keine in den Unterlagen dokumentiert war, eine Transplantation grundsätzlich hätte vertretbar sein können.

Die langwierigen Diskussionen um die rückwirkende Bewertung dieses Falles machten vor allem eines deutlich: Juristische Fragestellungen und Kriterien haben mit der klinischen Realität manchmal wenig zu tun. Nicht alles, was ethisch oder medizinisch fragwürdig erscheint, ist auch unter strafrechtlichen Gesichtspunkten relevant.

Auch nach dem Prozessende wird das Verfahren weiter die Gerichte beschäftigen. Dessen ist sich auch der Vorsitzende Richter Ralf Günther bewusst: „Egal, wie wir entscheiden werden, wird es eine Revision geben“, sagte er am Ende des vorerst letzten Verhandlungstages.

Neben der Justiz haben sich auch medizinische Institutionen um eine Aufklärung des Göttinger Transplantationsskandals bemüht. Prüfer der Bundesärztekammer stellten fest, dass es bei 79 von 105 untersuchten Transplantationen Richtlinienverstöße gegeben hatte. Eine interne Kommission suchte nach Antworten auf die Frage, wie es zu diesen systematischen Verstößen hatte kommen können. Die Gutachter machten dafür unter anderem eine „inadäquate Leitungskultur“ verantwortlich. Es habe ein „Klima von steiler Hierarchie, Repression und Angst“ geherrscht, in dem weder Transparenz noch Kritik erwünscht gewesen seien.

Die Universitätsmedizin Göttingen hat Konsequenzen aus dem Fall gezogen. Sie trennte sich von dem Leiter der Transplantationschirurgie, besetzte die Leitungsstelle neu, nahm diverse Umstrukturierungen und organisatorische Veränderungen vor und zog schließlich einen Schlussstrich: Seit diesem Jahr werden in Göttingen keine Lebern mehr transplantiert.

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