Gorleben. Kurz vor Schluss sind es wieder die altbekannten Bilder. Abgeschirmt von unzähligen Polizisten warten die Tieflader mit dem Atommüll in der Umladestation Dannenberg auf die letzte Etappe in das Zwischenlager Gorleben. Die elf "TN 85"-Behälter mit radioaktiven Abfällen aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague sollten noch am Montagabend in der Halle neben die dort abgestellten 80 Castoren alten Typs aufgereiht werden.
Doch 2008 ist vieles anders im Wendland. Der Widerstand ist heftiger, der Protest breiter, die Polizeiarbeit mühseliger, die Resonanz im Rest der Republik größer. "Wir haben jetzt schon gewonnen", jubelt Jochen Stay von der Initiative "X-tausendmal quer".
Immer wieder gelingt es Demonstranten, Gleise und Straßen zu blockieren. In der Nacht zum Montag klettern Atomkraftgegner unmittelbar vor Dannenberg auf den Zug, am Morgen folgen Greenpeace-Aktivisten und ketten sich an einen der Lastwagen für den Straßentransport. Auf der Nordroute nach Gorleben verkeilen sich 40 Traktoren ineinander; in Grippel, einem Dorf ein paar Kilometer vor dem Zwischenlager, ketten sich Bauern an Betonpyramiden und fordern ein Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU).
Der Zeitplan gerät immer weiter aus den Fugen. Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg frohlockt und warnt zugleich. Die starke Strahlung der Behälter sei Schuld, dass es nicht weitergehe. Wärmebilder von Greenpeace zeigten, dass die Fuhre viel heißer sei als in vergangenen Jahren. Das niedersächsische Umweltministerium widerspricht, die Grenzwerte würden nicht überschritten.
Die Polizei, die die Demonstration mit 15 000 Menschen am Samstag vor dem Zwischenlager noch als "großes, buntes Happening" gelobt hat, beklagt inzwischen eine "hohe Gewaltbereitschaft" einzelner Castor-Gegner. Sabotageakte an Gleisen und das Abfeuern von Signalmunition auf Reiterstaffeln zeugten von "krimineller Energie", kritisiert Einsatzleiter Thomas Osterroth.
Wasserwerfer löschen brennende Barrikaden. Mit riesigen Bohrern rücken Polizisten den Pyramiden zu Leibe. Direkt vor dem Zwischenlager räumen Beamte ohne Schlagstöcke eine Sitzblockade.
1200 Menschen harren hier friedlich zwischen Strohballen und Plastikplanen aus - versorgt mit Waffeln und Decken von Landwirten und Rentnern aus den umliegenden Dörfern. "Wir sind die letzten auf der Route, aber freiwillig gehen wir hier nicht weg", lächelt eine junge Demonstrantin, die die Anfänge der Anti-Atom-Bewegung nur von den Erzählungen ihrer Eltern her kennt. Bevor auch sie von den Polizisten weggetragen wird, wettert sie über die ungeklärte Entsorgungsfrage, über das absaufende Atommüll-Lager Asse und die "Klimaschutz-Lüge" der Energielobby. "Die wollen mit längeren Laufzeiten doch nur ihre Profite vergrößern."
Längst geht es im Wendland nicht mehr um eine Fuhre strahlenden Mülls, auch nicht mehr allein um die Festlegung des benachbarten Salzstockes als Endlager für hoch radioaktive Abfälle. Die gesamte Atomindustrie und mit ihr die sie stützenden Parteien CDU und FDP stehen hier am Pranger - und die Anti-Atomkraft-Bewegung feiert ihre bunte Wiedergeburt. Die Grünen, die einst aus dieser hervorgegangen sind, wittern Morgenluft.
Grünen-Chefin Claudia Roth campiert ein paar Stunden mit den Blockierern vor dem Zwischenlager; Bundestagsvizefraktionschefin Bärbel Höhn ruft das Thema Atomenergie vor Ort zum Wahlkampfschlager für die Urnengänge 2009 aus; die niedersächsische Landtagsfraktion verlegt ihre wöchentliche Sitzung an die Transportstrecke. Konkurrenz bekommen die Grünen dabei von den Linken, deren Parlamentarier hier ebenfalls zahlreich mitmachen.
Den Atomgegnern im Wendland, jenem jahrzehntelang vergessenen Zipfel im Zonenrandgebiet, ist jede Unterstützung recht. Dankbar registrieren sie, dass neben Grünen und Linken diesmal auch die SPD und die IG Metall zum Protest aufrufen. "Wir müssen bei der Bundestagswahl alles tun, damit keine schwarz-gelbe Koalition an die Macht kommt", sagt der niedersächsische IG-Metall-Bezirkschef Hartmut Meine.
Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg feuerte den aufblühenden Widerstand auf der Großdemo am Samstag mit einer Anleihe aus den USA an. "Yes, we can", ruft er. Die Menge ist begeistert.
Der nächste Castor-Transport soll im Jahr 2010 nach Gorleben rollen.
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