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Traumatisierte Soldaten: Angst vor dem Vorwurf "Weichei"

Viele Bundeswehrsoldaten nehmen keine Hilfe an und versuchen, mit ihren Traumata allein fertig zu werden - aus falscher Scham. Heute berät der Bundestag über Hilfen für die Soldaten. Von Jutta Maier

Unter Spannung: Ein Bundeswehrsoldat bewacht eine Straßensperre in Kundus, Afghanistan.
Unter Spannung: Ein Bundeswehrsoldat bewacht eine Straßensperre in Kundus, Afghanistan.
Foto: rtr

Berlin. Es sind die Bilder, die die Soldaten nicht mehr loslassen. Bilder von abgerissenen Gliedmaßen, von sterbenden Kameraden. Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) bei Bundeswehrsoldaten nach Auslandseinsätzen sind spätestens seit der Ausstrahlung des ARD-Films "Willkommen zuhause" Anfang Februar Gegenstand der öffentlichen Debatte und beschäftigen am heutigen Donnerstag auch den Bundestag.

Der Film handelt von einem Bundeswehrsoldaten, der einen Anschlag in Afghanistan überlebt. Nach der Rückkehr hat er Probleme, sich zu integrieren. Beim Geruch von Grillfleisch muss er sich übergeben; als ihm seine Freundin sagt, dass sie schwanger ist, zeigt er keine Reaktion. Typische Anzeichen für PTBS, sagt Oberfeldarzt Peter Zimmermann vom Bundeswehrkrankenhaus Berlin. "Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, sich in ihr soziales Umfeld einzugliedern, sind reizbar und leiden unter den Erinnerungen, die ständig in ihnen hochkommen."

Die Zahl traumatisierter Bundeswehrsoldaten hat sich laut Angaben des Verteidigungsministeriums binnen zwei Jahren vervierfacht: Im vergangenen Jahr ließen sich 226 Soldaten mit PTBS in Bundeswehrkrankenhäusern behandeln, 2006 waren es 55. Die Zahl verletzter Bundeswehrsoldaten stieg von 41 im Jahr 2007 auf 71 im vergangenen Jahr. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sagte, er nehme die Entwicklung sehr ernst.

CDU, SPD, FDP und Grüne fordern nun unter anderem die Einrichtung eines Forschungszentrums zur Behandlung von PTBS in der Bundeswehr sowie eine anonyme Telefon-Hotline. Ihr interfraktioneller Antrag wird heute im Bundestag diskutiert. Innerhalb der Bundeswehr sei das Problem lange Zeit heruntergespielt worden, betont Winfried Nachtwei (Grüne). Die Fraktionen folgen einem 17-Punkte-Programm, das der Bundeswehrverband vor einem Jahr aufgelegt hat. Dessen Vorsitzender, Oberstleutnant Ulrich Kirsch, betonte im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau, die Soldaten müssten bestehende Hilfen aber auch annehmen. Viele versuchten, mit ihren Traumata allein fertig zu werden - aus falscher Scham, weil sie nicht als "Weicheier" gelten wollten.

Aus Sicht Zimmermanns könnte die gestiegene Zahl behandelter Traumata auch Ausdruck einer gestiegenen Akzeptanz sein: "Da hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel getan." Der Psychologe beantwortet auf der Homepage der Initiative "Angriff auf die Seele" E-Mails anonymer Ratsuchender. Seit der Freischaltung der Seiten im Oktober 2008 haben sich knapp 50 Betroffene gemeldet. "Traumatisierte stehen unter Dauerspannung", erklärt Zimmermann, "sie brauchen ihre ganze Kraft, um die Erinnerungen zu unterdrücken."

Ein PTBS-Forschungszentrum hält der Psychologe für sinnvoll. PTBS werde seit 1980 diagnostiziert und sei im zivilen Bereich, etwa bei Verkehrsunfällen oder Vergewaltigungen, gut erforscht. Bei der Bundeswehr dagegen gebe es Defizite. Unklar sei daher auch, wie viele Soldaten unter PTBS leiden. Die Kapazitäten zur stationären Betreuung in den vier Bundeswehrkrankenhäusern bezeichnet Zimmermann aber als "ausreichend". Dort werden schwere Traumata in mehrwöchigen stationären Therapien und ambulanter Nachbetreuung behandelt.

In anderen Fällen genügen drei bis vier Sitzungen beim Psychologen, um die Betroffenen wieder einsatzbereit zu machen. Denn es bleibe zwar häufig eine "gewisse Restsymptomatik", sagt Zimmermann, aber trotzdem wollten die meisten wieder in den Einsatz: "Sie fühlen sich verpflichtet."

Unterdessen befürchtet der Verein Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW), dass die Zahl traumatisierter Soldaten angesichts der verschärften Sicherheitslage in Afghanistan deutlich steigen wird."Krieg macht krank. Wir setzen Menschen unmenschlichen Situationen aus, in denen sie im Extremfall selbst unmenschlich werden und medikalisieren anschließend das Problem", sagt IPPNW-Vorsitzende Angelika Claußen. Sie begrüßt deshalb den Antrag der Parteien. Die beste Prävention psychischer Folgeschäden von Kriegseinsätzen sei jedoch ein möglichst schneller Rückzug aller Truppen, ein Friedensplan für Afghanistan und eine Unterstützung für den Wiederaufbau des Landes.

Autor:  JUTTA MAIER
Datum:  12 | 2 | 2009
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