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Liebig 14: Trommeln gegen die Räumung

Seit Tagen hatte die Berliner Hausbesetzer-Szene mobil gemacht. Eines ihrer letzten Symbol-Objekte im Stadtteil Friedrichshain wollte sie nicht kampflos aufgeben. Doch die Polizei räumt die massiven Barrikaden.

Mehrere hundert Sympathisanten des Projektes demonstrierten im Umkreis des Hauses.
Mehrere hundert Sympathisanten des Projektes demonstrierten im Umkreis des Hauses.
Foto: REUTERS
Berlin –  

Sirenen heulen. Anwohner der Liebigstraße im Berliner Stadtteil Friedrichshain trommeln auf Pfannen und Töpfen, grölen durcheinander. Zu verstehen sind sie schlecht. Ihre Botschaft aber ist klar: Sie protestieren gegen die Räumung des linksalternativen Wohnprojektes durch die Polizei. Plakate mit Aufschriften wie „Sich fügen heißt lügen“ flattern im eisigen Wind.
Das Haus im Szenebezirk Friedrichshain war kurz nach der Wende besetzt worden, ist als eines der letzten Symbole der Hausbesetzerszene europaweit bekannt. Noch am Dienstagabend waren die 28 Bewohner vor Gericht mit dem Versuch gescheitert, die Räumung zu verhindern.

Hausbesetzungen

Hausbesetzer kämpfen gegen Wohnungsmangel, spekulativen Leerstand und hohe Mieten. Auch die Suche nach alternativen Lebensformen und die Schaffung kultureller und sozialer Zentren spielen eine Rolle.
Eine besonders große Szene hatten in den 1970er Jahren die Niederlande, wo die Besetzungen Ende der 1960er Jahre begonnen hatten. In Deutschland soll die erste Hausbesetzung im Herbst 1970 im Frankfurter Westend stattgefunden haben. Als Keimzelle des Häuserkampfs gilt die Eppsteiner Straße 47.
In West-Berlin waren 1980/81 etwa 160 Häuser besetzt. Es kam zu heftigen Straßenschlachten mit der räumenden Polizei. In der Wendezeit wurden auch Häuser in Ost-Berlin und der DDR besetzt. Viele der in den 1970er bis 1990er Jahren begangenen Hausbesetzungen sind heute legalisiert – die Bewohner haben mit den Eigentümern Verträge abgeschlossen.
Die „Freistadt Christiania“ (1971) auf einem früheren Militärgelände in Kopenhagen gilt als eine der ältesten andauernden Besetzungen Europas. FR

Bis zum frühen Mittwochabend werden mindestens neun Polizisten verletzt, einer davon schwer. Die Polizei nimmt 32 Randalierer fest. Bereits seit mehreren Wochen hatte die linksradikale Szene deutschlandweit mobilisiert, weil der Räumungstermin für das Wohnprojekt Liebigstraße 14 längst feststand.

Weit vor der offiziell angesetzten Räumung um acht Uhr rollten Kleinbusse mit Polizisten an. Beamte sicherten das Haus und die Umgebung. Um exakt 8.08 Uhr stürmten die Polizisten, die einen Gerichtsvollziehers mitgebracht hatten, schließlich das Haus.

Die Bewohner verbarrikadierten sich, so dass die Polizisten mehr als fünf Stunden brauchten, um es unter ihre Kontrolle zu bekommen. Beamte wurden mit einem Feuerlöscher besprüht und erlitten Reizungen der Atemwege. Im Haus nahmen sie drei Frauen und sechs Männer fest.

Mehrere hundert Sympathisanten

Aus Protest gegen die Räumung demonstrierten im Umkreis des Hauses mehrere hundert Sympathisanten des Projektes. Sie blockierten über Stunden wichtige Hauptverkehrsstraßen, bewarfen Polizisten mit Flaschen und Pflastersteinen, demolierten geparkte Autos. Ein Polizist erlitt durch einen Böller ein Knalltrauma und musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Bis zum Nachmittag lieferten sich Protestierer mit der Polizei ein Katz- und Maus-Spiel, das sich über Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln erstreckte. Für den Abend mobilisierten „Liebig 14“-Sympathisanten zu einer weiteren, nicht angemeldeten Demonstration durch Friedrichshain.

Polizei räumt Haus Liebigstraße 14

Bildergalerie ( 10 Bilder )

Den ganzen Tag über war die Polizei mit etwa 2500 Beamten im Einsatz. Sie wurde unterstützt von 13 Hundertschaften aus anderen Bundesländern. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sagte am Abend, die Polizisten hätten besonnen ihren Job getan.

„In dieser Stadt ist Platz für vielfältige Lebensformen, aber nicht für Straftäter, die fremdes Eigentum beschädigen und andere Menschen körperlich angreifen“, sagte der Senator. Er äußerte Unverständnis für Äußerungen des Bezirksbürgermeisters von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne), sowie der Bundestagsabgeordneten Gesine Lötzsch (Linke) und Christian Ströbele (Grüne), die die Räumung bedauert hatten. Das Verhalten der Bewohner und der gewaltbereiten Demonstranten verdiene keine Sympathie.
Lötzsch hatte der Zeitung Neues Deutschland gesagt, die Verantwortung für diese Entwicklung liege bei den politisch Verantwortlichen, dem Senat. Die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Renate Künast, verteidigte die Räumung. Künast ist Spitzenkandidatin für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus.

Schwelenden Streit gibt es auch um weitere Häuser in Berlin. Dazu gehört auch die Debatte um steigende Mieten und die Verdrängung durch gut verdienende Neumieter. (mit dapd/dpa)

Autor:  Andreas Kopietz
Datum:  2 | 2 | 2011
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