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03. Februar 2013

Tuareg in Mali: Die Tuareg - betört, berauscht, betrogen

 Von 
Ende Januar erschießen Soldaten der malischen Armee Tuareg-Verwandte von Ali Ag Noh, weil sie für Islamisten gehalten werden.  Foto: afp

Die Tuareg und ihre Kultur suchen seit Jahrhunderten ihren Platz in der Sahara-Region. Immer wieder versuchen sie mit bewaffneten Aufständen, ihre berechtigten Anliegen durchzusetzen. Jetzt scheitern sie erneut.

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Bamako –  

Sein Grinsen, Zigarette zwischen den Zähnen, seine lässigen Gesten, sein Fläzen – der Kerl erinnert an Jean-Paul Belmondo. Mohamed Ag Ossade, 56, Leiter des Tuareg-Kulturzentrums Tumast in Bamako, kultiviert Selbstironie: „Ich bin jetzt der Tuareg-Experte. Fragen Sie!“

Da klingelt schon wieder sein Handy. Ein französisches Magazin braucht dringend ein Foto von ihm. Mit Turban. „In einer Stunde? Kein Problem.“ Ossade sitzt seit Wochen auf der Steinterrasse vor dem Kulturzentrum und hält Hof. Redet sich in Rage, raucht Kette. Er hat eh nichts Besseres vor. Das Interesse an Tuareg-Schmuck, den er sonst verkauft, hält sich derzeit in Grenzen. Veranstaltungen sind rar. Vor einem Jahr gab es noch einige Tausend Tuareg in Malis Hauptstadt. Die meisten sind verschwunden. „Die noch da sind, haben Angst.“

Und er? „Ich nicht“, sagt er sehr bestimmt. Hin und wieder gelingt es Ossade, Vertreter anderer Volksgruppen in seinen mit schönen Stoffen geschmückten Versammlungssaal zu locken. „Mali ist seit 53 Jahren unabhängig. Wir müssen zusammen reden, essen, singen, lachen. Wir sind alle Malier. Bewohner eines armen Landes. Wir müssen einander besser kennenlernen. Das Einzige, was wir derzeit haben, ist unsere Kultur.“ Es klingt, als wolle er sich selbst Hoffnung machen. Denn auch dieser feurige Botschafter der Tuareg-Kultur klingt gelegentlich resigniert.

Die Wurzeln des Problems reichen tief in die Jahrhunderte, erstrecken sich neben Mali auch auf Niger, Algerien, Libyen und Burkina Faso. Die ökologischen Veränderungen der Sahara und der Hunger spielen hinein, die Kolonialgeschichte, die Verästelungen der zahllosen Tuareg-Klans, die Ausbreitung des Wahabismus, die Bodenschätze, der jähe Exitus Gaddafis und und und...

Seit Malis Unabhängigkeit anno 1960 gab es in Mali etliche Tuareg-Aufstände. Der erste, 1962-64, wurde blutig niedergeschlagen. Erst die zweite Revolte, ab 1990, habe, sagt Ossade, wirklich etwas verändert. Am Ende stand ein nationaler Pakt. „Es ging um Integration, nicht um Unabhängigkeit.“ Das Militär lockerte seinen Griff auf den Norden. Im Süden machten Tuareg als Minister, Offiziere und Direktoren Karriere. „Das ist ein demokratisches Land. Wir sind eine Minderheit. Selbst im Norden. Wir sind Malier“, sagt Ossade.

Die aktuelle Krise begann am Morgen des 17. Januar 2012. Eine neue Tuareg-Rebellenformation namens Mouvement National de Libération de l’Azawad, kurz MNLA, nahm die Militärbasis im Städtchen Ménaka, 1 500 Autokilometer nordöstlich von Bamako, unter Feuer. Etliche der Rebellen, Schätzungen liegen zwischen vielen Hundert und einigen Tausend, waren zuvor aus Libyen zurückgekehrt, wo sie Gaddafi über Jahre als Söldner gedient hatten. Ihren letzten Sold hatten sie sich einfach genommen: Geländewagen und einen Berg Waffen. Kurz vor der Tuareg-Hochburg Kidal im Nordosten Malis taten sie sich einige Monate vor Kampfbeginn mit alten Recken der Befreiungsmilizen MTNM, MFUA und anderen Grüppchen zusammen und gründeten im Oktober 2011 die MNLA. Binnen Wochen desertierten etliche Tuareg, nach Schätzungen etwa 1 500, aus der malischen Armee und stießen hinzu. Junge Kämpfer wurden angeworben.

Die MNLA fühlte sich stark genug, den ganzen Norden zu nehmen. Am 5. April rief die MNLA den unabhängigen Staat Azawad aus, ein Gebiet größer als Frankreich. Aza...what?, fragte sich die Welt. „Azawad? Eine Schnapsidee!“, sagt Agory Ag Iknane, Präsident der „Association des Ressortissants de Kidal“. Noch ein zorniger Tuareg. „Diese Rebellen haben uns nicht gefragt“, sagt der Arzt aus Bamako, „wir Tuareg werden dafür einen hohen Preis zahlen.“

Ethnie ist nicht so wichtig

„Azawad! Für wen?“, fragt auch der Tuareg-Kulturträger Ossade. „Wovon wollen die das Volk ernähren?“ Die Tuareg im Norden bräuchten Wasser und Freiheit, sagt er. „Aber dafür darf ich nicht jedes Mal einen Krieg anfangen.“ Die Tuareg machen in Mali vielleicht zehn Prozent der Bevölkerung aus. Es ist ein Vielvölkerstaat. Die Mehrzahl fühlt und definiert sich als Malier, der Faktor Ethnie spielt hier eine geringere Rolle als in manch anderem afrikanischen Land. Wohl hat es immer wieder Übergriffe auf Tuareg in Mali gegeben. Aber eine Kultur des Dialogs, des Ausgleichs dominiert. Es gibt eine Unzahl von Parteien, Vereinigungen und Zeitungen. Man spricht miteinander in Mali, manchmal fast zu viel.

Die Stimmung ist gereizt in Bamako: Immer die Tuareg, immer der Norden, heißt es. Die fernen Landesteile Richtung Sahara gelten vielen im Süden jetzt als Ballast, als ewiger Störfaktor, als Terrorzentrale. Wird es nach dem Eingreifen der Franzosen einen Rachefeldzug geben? Wohin man auch schaut in Mali: Die Tuareg sind weg. Wie auch die meisten Araber. Beide Volksgruppen sind an ihrer meist helleren Haut zu erkennen. Verschwunden sind sie vom Markt in Mopti, im Zentrum des Landes, wo das Salz aus der Wüste in großen Platten verkauft wird. Am Hafen – kein Tuareg. Mit einer Piroge kommt man zur Insel gegenüber, umspült von Bani und Niger. Hier lebten vor Monaten noch Tuareg. Wo sind sie? „Vielleicht in Mauretanien“, meint achselzuckend eine Songhai-Frau, die jetzt im Haus einer Tuareg-Familie lebt. In Mauretanien gibt es riesige Flüchtlingslager.

"Tuareg haben Terroristen angeschleppt"

Selbst in Bamako berichten Tuareg, sie trauten sich kaum mehr auf die Straße, würden angestarrt und angezischt: „Rebell!“ Vereinzelt kam es zu Übergriffen. Im Zentrum des Landes ist die Lage angespannter. Menschenrechtsorganisationen berichten über tödliche Rachefeldzüge von Zivilisten und Soldaten gegen vermeintliche „Spione“ und „Kollaborateure“. Auch im nun befreiten Norden wendet sich die Wut über das Leid während der islamistischen Besatzung nun pauschal gegen Tuareg und Araber: Im Timbuktu gab es in den letzten Tagen Plünderungen ihrer Geschäfte und Wohnungen. Auch hier sind viele geflüchtet.
Terroristen angeschleppt

Die Lage, meint Mohamed Ag Ossade, sei gefährlicher denn je. „Die Tuareg haben die Terroristen angeschleppt. Das ist komplett unverzeihlich.“ Schlimmer noch als der alberne Plan von Azawad. Denn wenige Wochen nach ihrer Unabhängigkeitserklärung hatte die MNLA in ihrem Staat nichts mehr zu melden. Sie wurde ausgebootet – von ihren algerischen Freunden der Al-Kaida im islamischen Maghreb, deren mauretanisch dominierter Abspaltung MUJAO und von Ansar Dine, den „Verteidigern des Glaubens“. Die Islamisten verjagten die MNLA-Tuareg mit ein paar Salven und riefen ihren Gottesstaat aus. Was folgte, ist bekannt: Der Terror einer islamistischen Religionspolizei, die den Genuss von Musik, Tabak und Alkohol mit Prügeln und Peitschen bestrafte, unverheiratete Pärchen steinigte und Dieben Hände und Füße abschnitt.

Am schmerzlichsten für die Tuareg-Nationalisten: Der wichtigste Anführer war einer der ihren – Iyad Ag Ghali vom mächtigen Tuareg-Klan der Ifoghas, Held der vorletzten Rebellion. Einst galt er als Lebemann, nicht uncharmant; schrieb sogar Lieder, die von der weltberühmten Tuareg-Band Tinariwen gespielt wurden. Später wandelte sich der wendige, windige Ghali zum Friedensverhandler, stieg zum Berater des Präsidenten auf und tauchte immer wieder als dubioser Mittler auf, wenn es um Millionenlösegelder für europäische Geiseln ging.

Im seinem vorerst letzten Lebensabschnitt mutierte Ghali zum Islamisten, hetzte seine Jünger von Ansar Dine mit Hacken auf Timbuktus Heiligtümer und verkündete dort per Radio die Einführung der Scharia. Der Tuareg hatte Geld aus seinen Geschäften – und entsprechenden Zulauf. Viele von Ansar Dine haben jetzt schon wieder eine neue Gruppe gegründet: MIA – Mouvement islamique de l’Azawad. Die gibt sich islamistisch, aber verhandlungsbereit. Ihr Chef ist Ghalis Ex-Chefunterhändler Alghabass Ag Intalla, ebenfalls vom Klan der Ifoghas. Der auch schon bei der MNLA war. Mit der er neuerdings wieder am Lagerfeuer sitzt. Kreise schließen sich. Es sind Allianzen, die ständig in Bewegung sind. Wie Wanderdünen.

Dem eigenen Mythos erlegen

„Diese Befreier haben zu viele Kriegsfilme und Western geguckt“, sagt Mohamed Ag Ossade, „und sind jetzt selbst zu Darstellern geworden.“ Vielleicht seien sie ihrem eigenen Mythos erlegen, Opfer „romantischer Ideen, die ihnen europäische Organisationen eingeflüsterten.“

In einer Art Rückprojektion des Kitsch-Klischees vom großen, stolzen Wüstenritter mit dem langen, indigoblauen Tuch, das außerhalb der Wüste kursiert. Als Gegenentwurf zum Hamsterrad der Zivilisation; als Traum von Weite, Zeitlosigkeit, Freiheit. Gut genug für ein VW-Modell namens Touareg. Tatsächlich, sagt er, sei das Leben in der Wüste einfach nur hart: „Es ist heiß. Es regnet nicht. Die Tiere sterben. Manchmal auch die Menschen.“ Weshalb es zwecklos sei, „alle zehn Jahre wieder zu den Waffen zu greifen“.

Der Konsens in Bamako lautet jetzt: Verhandlungen ja – aber nicht mit den Terroristen. Die MNLA hat eine kleine Chance, nicht dazugezählt zu werden.

Die Tuareg, sagt Nestbeschmutzer Ossade, hätten höchst berechtigte Forderungen. Doch müssten sie endlich lernen, sie politisch zu artikulieren. „Wenn ich ein Problem habe, muss ich den Mund aufmachen, reden, verhandeln.“ Er greift nach seinem Tuch, beginnt schwungvoll, sich einen Turban zu binden. „So ein Turban“, spottet er, „hat seinen Sinn.“ Er wickelt das Tuch um die Ohren: „Nichts hören…“ Dann um den Mund: Nichts sagen“. Schließlich zieht er es hoch über die Nase: „Und möglichst wenig sehen.“

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