Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

20. Juni 2014

Türkei Irak Isis: Dramatisch gescheitert

 Von 
Ramadi, 20. Juni: Irakische Elitesoldaten im Einsatz gegen die Isis.  Foto: rtr

Nach dem Vormarsch der Isis im Irak ist die ganze Region im Aufruhr. Auch ein Umbruch ist möglich. Tatsächlich könnte jetzt sogar das Unfassbare geschehen: die Gründung eines kurdischen Staates.

Drucken per Mail

Wer in den vergangenen zwei Jahren ein Flugzeug von Istanbul nach Hatay oder Gaziantep an der türkisch-syrischen Grenze bestieg, konnte sie schwerlich übersehen: die bärtigen jungen Männer aus Marokko, Saudi-Arabien oder Europa auf ihrem Weg in den Heiligen Krieg. Istanbul war zum Drehkreuz des globalen Dschihad geworden.

Am Zielort fanden die Reisenden Unterschlupf in sicheren Häusern, freies Geleit über die Grenze und – im Fall, dass sie in Syrien verwundet wurden – die kostenlose Pflege türkischer Krankenhäuser. Denn die Regierung in Ankara betrachtete alle Feinde ihres syrischen Feindes Baschar al-Assad als Verbündete, auch wenn sie offiziell stets nur Kontakte zur moderaten Freien Syrischen Armee (FSA) einräumen wollte.

Schon eine Woche vor dem überraschenden Vormarsch der radikalislamischen Isis-Miliz im Irak setzte die Regierung des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan allerdings ein Zeichen, dass sich Bedenken mehrten: Da wurde die in Syrien operierende al-Kaida-nahe Al-Nusra-Front auf die offizielle Terrorliste geschrieben (auf der Isis schon lange steht). Es war das vorerst letzte Eingeständnis einer dramatisch gescheiterten Syrienpolitik.

Als die Isis dann die irakische Millionenstadt Mossul einnahm und mehr als 80 türkische Diplomaten, Konsulatsangestellte und Lastwagenfahrer kidnappte, zeigte sich die Nation tief gedemütigt. Die Geiselkrise, über die türkische Medien seit Mittwoch nicht mehr berichten dürfen, offenbarte die grenzenlose Hilflosigkeit Ankaras zwischen den neuen nahöstlichen Fronten.

Steinmeier in der Türkei

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ist am Freitagnachmittag zu Gesprächen mit seinem türkischen Amtskollegen Ahmet Davutoglu in Istanbul eingetroffen. Das teilte die deutsche Botschaft in Ankara über den Kurznachrichtendienst Twitter mit.

Anlass der Reise ist das zweite Treffen im Rahmen des deutsch-türkischen „Strategischen Dialogs“, der 2013 begonnen hatte. Im Zentrum der Unterredung dürften die Konflikte in den türkischen Nachbarländern Syrien und Irak stehen. Steinmeier betonte nach Angaben des Auswärtigen Amtes vor seinem Abflug am Freitag, die Lage in Nahost sei mit dem Vormarsch der Dschihadisten-Gruppe Isis noch schwieriger geworden. Davon seien alle Länder der Region betroffen, ganz besonders die Türkei.

Am Samstag will Steinmeier in Istanbul an der Auftaktveranstaltung für die „Deutsch-Türkische Jugendbrücke“ teilnehmen. Bei der von der Stiftung Mercator initiierten und vom Auswärtigen Amt unterstützten „Brücke“ geht es um einen Jugendaustausch zwischen Deutschland und der Türkei. Die private deutsche Mercator, die sich um Wissenschaft, Bildung und internationale Verständigung kümmert, finanziert die Jugendbrücke bis 2018 mit rund 2,5 Millionen Euro.

Jetzt versuchen türkische Geheimdienstler, ihre verbliebenen Kontakte zu den Dschihadisten zu nutzen, um die Geiseln freizukaufen. Das ist schwierig, weil Isis im Gegensatz zu anderen Rebellengruppen vermutlich nie ein Partner der Türken war. Kürzlich erst beklagte der Chef der islamistischen türkischen Hilfsorganisation IHH, Bülent Yildirim, gegenüber dieser Zeitung, dass er die von Isis gehaltenen syrischen Gebiete nicht mit Hilfsgütern beliefern könne und dass immer wieder IHH-Mitarbeiter von Isis gekidnappt würden. Die von der Türkei unterstützten FSA-Verbände kämpfen seit Monaten an mehreren Fronten gegen Isis.

Zynisches Kalkül des syrischen Diktators

Im Gegensatz zu den anderen Aufständischen wird Isis zudem bislang von Assads Bombenkrieg verschont. Politische Beobachter vermuten dahinter das zynische Kalkül des syrischen Diktators, die für ihre Grausamkeit berüchtigte Miliz zu stärken, um sein eigenes Regime als einzigen Garanten für Stabilität erscheinen zu lassen. Warum hat Ankara den Dschihadisten dennoch die Tore geöffnet? Zum einen ist es nicht eben einfach, „gute“ von „bösen“ Islamisten zu unterscheiden. Zum anderen führt Isis seit mehr als einem Jahr einen verbissenen Krieg gegen die kurdischen Enklaven Nordsyriens, die von der Demokratischen Unionspartei (PYD), einem Ableger der türkischen Guerilla PKK, regiert werden. Zwar sind die kampfstarken syrischen Kurden wie jene im Irak die einzigen Formationen, die das Vordringen der Islamisten bislang wirkungsvoll verhindern. Trotzdem war die Schwächung der PYD im Interesse Ankaras, weil man stets ein Übergreifen kurdischer Autonomiebestrebungen auf die eigene kurdische Bevölkerung befürchtet.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Der Häuserkampf hat in Ramadi seine Spuren hinterlassen.  Foto: REUTERS

Doch ist Erdogans Eindämmungsstrategie gegenüber den Kurden schon früher einmal gescheitert. Als sich im Zuge der US-Invasion 2003 eine autonome kurdische Regionalregierung im nordirakischen Erbil bildete, machte Ankara die Grenzen dicht. Vor sechs Jahren aber leitete Erdogan eine politische Kehrtwende ein und beendete die wirtschaftliche Blockade Irakisch-Kurdistans, das seither nicht nur eine Insel der Stabilität, sondern auch der einzige verbliebene Freund der Türkei in der Region ist. Die Wirtschaftsbeziehungen blühen, und kürzlich ließ Erbil sogar irakisches Öl gegen den Willen der Bagdader Zentralregierung in die Türkei fließen. Durch sein Bündnis will Erdogan den konservativen Kurdenführer Masud Barzani zugleich gegenüber dem inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan stärken.

Der dramatische Isis-Vorstoß im Irak hat nun in Ankara offenbar auch die Vorbehalte gegen einen souveränen Kurdenstaat schwinden lassen. Am Mittwoch erklärte Hüseyin Celik, der Sprecher von Erdogans Regierungspartei AKP in einem Interview, der Irak sei praktisch in drei Teile gespalten und den Kurden stehe im Fall seines „offiziellen Zerbrechens“ das Recht auf einen eigenen Staat zu.

Der Satz schlug ein wie eine Bombe und löste heftigen Widerspruch auch in der regierungsnahen Presse aus. Denn was Ankara im Irak zugesteht, kann es in Syrien nur schwer weiter bekämpfen. Unterdessen weicht auch Barzanis Gegnerschaft zur PYD auf: Erstmals gingen irakische und syrische Kurden jetzt militärisch vereint gegen einen gemeinsamen Feind vor: Isis. So könnte das bislang Undenkbare bald Wirklichkeit werden – dass unter der Duldung Ankaras aus den Trümmern von Irak und Syrien ein kurdischer Kernstaat entsteht.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Referendum

Italiens Wähler nutzten ihre Chance

Von  |
Matteo Renzi hat zu hoch gepokert.

Italienerinnen und Italiener haben gegen Renzis Referendum gestimmt, weil sie dem Ministerpräsidenten keine Vollmacht zum Durchregieren erteilen wollten. Der Leitartikel. Mehr...

Angela Merkel

Zum Weitermachen gezwungen

Elf Jahre sitzt Angela Merkel nun schon im Kanzleramt. Werden es vier weitere?

Angela Merkel hat immer wieder über ein Ende als Kanzlerin gesprochen. Aufhören konnte sie jedoch nicht - ein Wechsel in der Regierungsspitze ist eben nicht so einfach wie eine Kabinettsumbildung. Ein taktischer Rückzug ist dennoch möglich. Der Leitartikel. Mehr...

 

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung