Istanbul. Gerade hat Angela Merkel den Innenraum der Sultan-Ahmed-Moschee durchquert. An manchen Tagen beten hier bis zu 7000 Muslime. Während der Istanbuler Mufti Mustafa Cagrici sie nun von der blau-weißen Kuppel zu den leuchtenden Farbfenstern begleitet, hat die Bundeskanzlerin eine ganz irdische Frage. Wo eigentlich die Frauen sitzen dürfen, möchte sie wissen, und Cagrici deutet nach ganz weit hinten im Raum. Eigentlich will er der Besucherin aus Deutschland nun das raffinierte Lüftungssystem des 400 Jahre alten Gotteshauses erklären, doch Merkels Interesse richtet sich auf anderes.
"Wenn nun mal", hebt die Deutsche an. Die Frage geht im Wortschwall der Übersetzerin des Geistlichen unter. "Was wäre, wenn", versucht es Merkel ein zweites Mal vergeblich, um endlich energisch das Wort zu ergreifen: "Ist es schon einmal vorgekommen, dass eine Frau nach vorne gekommen ist zum Beten?", will sie wissen: "Was würden Sie dann machen?" Der Mufti, ein Professor der Theologie, lächelt freundlich. Merkwürdige Sorgen haben diese Deutschen.
Keine Schuhe, kein Kopftuch
Nicht immer ist der interkulturelle Dialog auf Merkels zweitägiger Türkeireise frei von Missverständnissen. Aber Merkel gefällt ihre Rolle in der Moschee offensichtlich. Entsprechend den religiösen Vorschriften hat sie am Eingang ihre Schuhe ausgezogen und gegen ein Paar schwarze Lederschlappen eingetauscht. Ein Kopftuch aber hat sie als Vertreterin des aufgeklärten Abendlandes bewusst nicht angezogen.
Eine pragmatische Mittlerin, eine Botschafterin der Vernunft - so präsentiert sich die deutsche Regierungschefin bei ihrer Reise. Sie habe doch nichts gegen türkische Schulen in Deutschland, betont sie. Bloß müssten die Migranten halt Deutsch lernen, um eine Chance auf Integration zu haben. Der teilweise scharfe Streit mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in den vergangenen Tagen? Ach was, wiegeln Merkels Vertraute ab. So ernst sei das doch gar nicht gewesen. Eine Temperamentssache. Beim gemeinsamen Abendessen am Montagabend habe eine ausgesprochen freundliche Stimmung geherrscht.
Als Naturwissenschaftlerin sitzt Merkel am Dienstag auch auf dem Podium der Aula der Deutschen Schule und plaudert entspannt mit Schülern und türkischen Regierungsmitgliedern. "Und was wollen Sie einmal studieren?", fragt sie den 17-jährigen Ekin Ilseven. "Physik", antwortet der schlacksige Junge, und Merkels Gesicht strahlt: "Sehr gut, ich habe auch Physik studiert." Deswegen sei er auch auf der Deutschen Schule, erläutert Ilseven, denn "Deutsch ist die Sprache der Naturwissenschaften". Das ist der Kanzlerin denn doch eine Nummer zu groß. Das sei, wendet sie ein "nicht mehr ganz so wie es mal war vor 100 Jahren".
Das ist ziemlich weit weg von der deutschen Großmannssucht, wie sie sich im monumentalen Kaisersaal des 1877 eingeweihten Generalkonsulats hoch über dem Bosporus widerspiegelt. Und doch ist es nur die halbe Angela Merkel. Mit der Aufklärerin ist nämlich auch die Innenpolitikerin unterwegs, und diese dominiert zeitweise auf unglückliche Weise die Reise. So hätte sich die Kanzlerin in der strittigen Frage einer EU-Vollmitgliedschaft der Türkei auf die Formulierung des Koalitionsvertrages zurückziehen können, demzufolge die Verhandlungen "ergebnisoffen" geführt werden. Doch in Interviews propagierte sie das Modell einer "privilegierten Partnerschaft", das in der selbstbewussten Türkei als Zurückweisung empfunden wird. "Ich bin mit der Kanzlerin einig, mit der Position der Parteivorsitzenden nicht", geht Merkels mitreisender Parteifreund Ruprecht Polenz vorsichtig auf Distanz.
Stimmen aus Deutschland
Daheim in Deutschland aber hat die CDU-Chefin damit ein Stichwort geliefert, das die überwiegende Mehrheit der Türkei-Skeptiker in der Union gerne aufnimmt. Prompt betont der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus, eine Vollmitgliedschaft komme nicht in Frage, und der bayerische CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer tönt, die privilegierte Partnerschaft sei "das beste Angebot", das man der Türkei machen könne.
Wenn man der Kanzlerin länger zuhört, ist man nicht sicher, ob sie persönlich die Ablehnung der Vollmitgliedschaft wirklich für eine überzeugende diplomatische Strategie zur Einbindung der Türkei hält. Aber wahrscheinlich ist sie auch hier ganz nüchterne Naturwissenschaftlerin: Bis zu einer Entscheidung über die Aufnahme in die EU werden noch Jahre vergehen. Die Wahlen in Nordrhein-Westfalen aber drohen in fünf Wochen.
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