kalaydo.de Anzeigen

Türkei-Reise: Merkels schwierige Mission

Die Türkei-Reise der Kanzlerin beginnt noch brisanter als erwartet. Vom Schulstreit bis zum EU-Beitritt - die Kanzlerin bemüht sich um Deeskalation. Von Karl Doemens

Erdogan warf Merkel kurz vor ihrer Ankunft in Ankara Hass auf die Türkei vor.
Erdogan warf Merkel kurz vor ihrer Ankunft in Ankara "Hass auf die Türkei" vor.
Foto: dpa

Ankara. Ankara. Um ein Haar hätte Angela Merkel ihr inoffizielles Gastgeschenk vergessen - eine Friedenstaube aus weißem Ton von einer Schülerin aus Unna. Gerade noch rechtzeitig vor dem Abflug ihrer Maschine in Berlin war ihr das Versehen aufgefallen und das liegen gebliebene Mitbringsel für den türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan herbeigeholt worden. So konnte die Kanzlerin Erdogan zu Beginn ihres Gespräches in Ankara ein symbolträchtiges Präsent überreichen.

Offenbar war die Geste nach dem Interview-Schlagabtausch der vergangenen Tage nötig. Als Merkel und Erdogan anderthalb Stunden später vor die Presse traten, schienen ihre Mienen nicht nur wegen des Anschlags von Moskau, über den beide gesprochen hatten, ziemlich ernst.

Erdogan betonte, Deutschland und die Türkei seien "Freunde und Verbündete", kam dann aber - wenn auch in diplomatischem Ton - gleich auf das Streitthema der vorigen Woche zu sprechen. Natürlich müssten sich die in Deutschland lebenden türkischen Migranten integrieren, dabei jedoch auch ihre Kultur bewahren. In der Türkei werde an normalen Gymnasien Deutsch gelehrt: "Wir hoffen und wünschen, dass auch von deutscher Seite gleiche Schritte unternommen werden können."

Damit war der erste neuralgische Punkt dieser Reise berührt. Es gebe bereits ein Dutzend türkischer Schulen und hunderte türkische Lehrer in der Bundesrepublik, erwiderte die Kanzlerin. Das könne durchaus mehr werden. Niemand strebe eine "Assimilation" an. "Mir geht es darum, dass nicht jemand in Deutschland leben kann, der kein Deutsch kann", erklärte Merkel entschieden. Insofern müssten die Schulen zweisprachig sein. Erdogan war nicht anzusehen, ob er damit zufrieden ist.

Klar unterschiedlich blieben die Positionen zur von der Türkei angestrebten Vollmitgliedschaft in der EU. Mit Rücksicht auf die innenpolitische Stimmung in Deutschland und die Positionen in der Union hatte Merkel im Vorfeld erneut eine "privilegierte Partnerschaft" als Alternative propagiert.

Erdogan nahm das Wort erst gar nicht in den Mund. Sie habe "verstanden", dass in der Türkei der Begriff "keine gute Konnotation" habe, bemühte sich Merkel um Deeskalation und wies auf die laufenden Beitrittsverhandlungen hin. "Pacta sunt servanda", sagte die CDU-Chefin und zitierte damit, bewusst oder unbewusst, FDP-Außenminister Guido Westerwelle, der für seinen Auftritt in Ankara im Januar von der CSU böse gescholten worden war. In der Sache aber zeigte Merkel keine Bewegung. Statt über die Zukunft zu spekulieren, müsse die Türkei nun zunächst einmal das Ankara-Protokoll umsetzen und Schiffen aus Zypern Zugang zu seinen Häfen verschaffen.

Beide Regierungschefs betonten die Bedeutung der wirtschaftlichen Beziehungen, die im Mittelpunkt des heutigen zweiten Besuchstags Merkels stehen. Möglicherweise wird sich dabei das persönliche Klima aufhellen. Bei der gestrigen Pressekonferenz lächelte Erdogan nur ein einziges Mal, als er am Ende "Danke schön!" sagte. Er sagte es auf Deutsch - vielleicht eine versöhnliche Geste.

Autor:  Karl Doemens
Datum:  29 | 3 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Zeitgeschichte

Deutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Die FR beschreibt das Land anhand der Lebensgeschichten ihrer Einwohner.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!